Christoph Schlingensief, schon von seiner Krankheit gezeichnet.
Foto:  Filmgalerie 451

Berlin - Im August wird es zehn Jahre her sein, dass Christoph Schlingensief im Alter von 49 Jahren starb.   „Meine Hoffnung ist“, sagte seine Witwe Aino Laberenz damals der Berliner Zeitung, „dass man sich die Sachen anguckt und darauf einlässt und ihnen eine eigene Chance gibt, ohne überall zu sehen, wo er fehlt.“ Vielleicht ist es das, was die Filmeditorin Bettina Böhler mit ihrem Film „Schlingensief − in das Schweigen hineinschreien“ versucht. Ein ausichtsloses Unterfangen, denn natürlich kann man die Filme, TV-Dokumente und abgefilmten Theaterstücke nicht einfach aneinanderschneiden, für sich wirken lassen und als abgeschlossenes Gesamtwerk vorführen.

Sein eigener Bilderstürmer

Es wäre Folter. Und das Quälendste daran wäre der Verlustschmerz: Denn Christoph Schlingensief selbst würde, wenn er noch da wäre, nach den ersten Sekunden einschreiten, die Spule aus dem Projektor reißen, Konfetti aus der Rolle machen und die Schnipsel neu zusammenkleben (ja, schon klar, es gibt keine Filmspulen mehr).

Schlingensief war zeitlebens sein eigener Bilderstürmer, er hetzte die bei seinem permanenten künstlerischen Flow ausgeworfenen Fantasien, Ängste und Realien aufeinander, lud sie mit Welt, Gegenwart und Zuwendung auf, spiegelte und käute sie wider, übermalte sie, kratzte sie ab, schlüpfte hinein, schnitt sie sich aus dem Herzen, kicherte sie weg.

Was da jetzt sorgsam in den Archiven aufbewahrt wird, ist eine eingefrorene Explosion. Ihre Einzelteile werden kaum wieder so wirken wie im Moment ihrer Entstehung. Aber gut, dass all diese Bilder erhalten bleiben. Es kann zum Beispiel nicht schaden, das nächste Einheitsjubiläum mit dem „Deutschen Kettensägenmassaker“ (1990) zu feiern, das eine für Schlingensief recht übersichtliche Metaphorik ausdekliniert, indem die freiheitsbesoffenen DDR-Bürger von ihren Brüdern im Westen zu Wurst verarbeitet werden. Ich jedenfalls denke jedes Mal an diese Splatterkomödie, wenn von der zu würdigenden Lebensleistung der neuen Bundesbürger die Rede ist.

Bettina Böhlers Film ist nun vor allem eine hagiografische Fleißarbeit. Zwei Stunden, die einen chronologisch sortierten Bogen schlagen von den ersten Super-8-Filmen, die ein Oberhausener Apotheker von seiner Frau und dem sehnlich erwarteten einzigen Sohn Christoph machte, bis zu den letzten Dokumenten: Schlingensief, der mit der Selfie-Funktion seines Handys seine Tränen nach einer Lungenoperation aufzeichnet.

Dazwischen: ein Album seines Schaffens. Jeweils ein paar Sequenzen aus Filmen wie „Mensch Mami, wir dreh’n ’nen Film“ mit der Oberhauser Jugend (1977), „Menu total“ mit Helge Schneider (’86), „Egomania“ mit Tilda Swinton (’86), „100 Jahre Adolf Hitler − Die letzte Stunde im Führerbunker“ mit Udo Kier in der Titelrolle (’89) oder „Die 120 Tage von Bottrop“ (’97) oder oder oder.

Welch ein Materialreichtum

Dann wandern wir mit Schlingensief rüber ins Theater, die Volksbühne, parallel fasst er über die Documenta („Tötet Helmut Kohl“, ’97) Fuß in der bildenden Kunst, entert immer effektiver Talks, Fernsehen und Medien, dann das Musiktheater und sogar den Grünen Hügel, wo er den Gipfel seiner Gesamtkunstwerkskunst zu besteigen hoffte und sich in diesen Höhen zu verlieren drohte. Welch ein Materialreichtum!

Niemand konnte die Kunst von Schlingensief besser erklären (und verwirren) als Schlingensief selbst, deshalb ist es eigentlich eine gute Idee, ihn selbst sprechen zu lassen − auch das Zusammensuchen dieser Zitate ist eine Herkules-Aufgabe.

Dem Vergessen entrissen

Doch die Aneinanderreihung von Gedankenblitzen und Ekstasen, die sich in den Werkausschnitten zeigen, und Schlingensiefs temporeiche, assoziative, monologische Selbstreflexion bewegen sich immer auf derselben Höhe und werden zu einem ermüdenden Dauerzustand. Wo Schlingensief in das Schweigen hineingeschrien hat, entsteht hier der Eindruck von einem geistreichen, und verzweiflungsfreien, egozentrischen Dauergeplapper.

Aber wie soll es auch anders gehen? Man kann das doch nicht alles einfach so aus der Zeit fallen und ins Vergessen sinken lassen! Der Film funktioniert als ein Trigger für die Erinnerungen jener, die Schlingensief und seine Kunst selbst erlebt haben. Dabei ist erstaunlich, wie lebendig diese Erinnerungen sind, wie eng sie sich eingeflochten haben in die Zeitgeschichte und Biografie seines Publikums. Diese Erinnerungen dem Schlaf zu entreißen und sie als Bereicherung des Seh-, Denk- und Kritikvermögens verfügbar zu halten, ist das Anliegen des Films. Aber er macht auf leider lähmende Weise bewusst, wie sehr Christoph Schlingensief fehlt.