K.H. Hödicke: „Ohne Titel“, 1985, Gouache auf Papier.
Foto: DB Collection/K.H. Hödicke/VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Berlin- Dem Brandenburger Tor ist die Schadow'sche Quadriga abhanden gekommen. Darüber hängen wie eine Erscheinung die Flaggenfarben. Schwarz, Rot. Das Gold versuppt im wilden Sonnengelb des Himmels über Berlin: Zeichen, Chiffre, Symbolik.

Alles auf Hödickes Bildern ist gegenständlich und leidenschaftlich. Und es wirkt jung, ungestüm. Unübersehbar der Hang des Malers zum Abstrusen, leicht Surrealen und Hintersinnigen. Das Attribut „Wilder“ behagt dem 82-Jährigen allerdings schon lange nicht mehr – „Klischee“ sagt er dazu. Umso mehr steht der einstige Meisterschüler des Informel-Malers Fred Thieler an der Hochschule der Künste Berlin dazu, nach wie vor eine realistische, ironische, politische Stilistik zu pflegen. Heute nennt die Kunstgeschichte Hödicke einen „Pionier der deutschen neo-expressiven Nachkriegsmalerei“. Er lehrte selbst später und noch bis 2006 an seiner Hochschule (UdK), war dort um 1980 prägend und sozusagen Pate der „Jungen Wilden“ vom Moritzplatz  wie Fetting, Salomé, Zimmer, Middendorf.

Alles in seinen nun im Palais Populaire ausgebreiteten Werkblöcken seit den Sechzigern ist eine energetische Mischung aus Figur und Stadtlandschaft, aus Anschauung und Experiment, mittlerweile nur etwas lyrischer, abgeklärter. Wir treten ein ins Berliner Welttheater, die Stadt mit ihrem Schicksal nach 1933,  „geteert und gefedert“. Hödicke male Bilder, „die keine Museumswand neutralisieren kann“, schreibt der Dichter Durs Grünbein. 1960, drei Jahre bevor Hödicke mit Malerkollegen wie Koberling, Petrick und Sorge die legendäre Selbsthilfegalerie Großgörschen 35 gründete, malte er „Die Aktion“ – ein Alla-prima-Motiv in Blau-Weiß-Schwarz, voller anarchischer Bewegung. Damals entstand auch das  Triptychon „Der große Schlachter“, heute ein Hauptwerk der Berlinischen Galerie, den allegorischen Figuren Beckmanns verwandt.

„Aktion IV“, 1960/63
Foto: Privatsammlung und König Galerie/K.H. Hödicke/VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Hödicke erweist sich über 50 Schaffensjahre hinweg als Meister rätselhaft verschachtelter Bildkompositionen und kühn verkürzter Perspektive. Und er treibt seine Gebilde, seien es Dämonen oder blaue, mit breitem Pinsel aufs Papier gesetzte Schneemänner, ins Plastische.  Solches Figuren-Theater wirkt auf den ersten Blick provokant-kindlich oder manchmal kraftmeierisch. Zugleich sind Hödickes Gemälde mystisch und so gemalt, dass im wahrsten Sinne des Wortes die Fetzen fliegen, was bei diesem Maler nach eigener Auskunft bedeutet, „die Farbe kommen zu lassen“. Sie werden mit dem Pinsel angeschlagen und dann auseinandergeschoben, „bis sich die Figur zeigt“, wie er es sagt.

Hödicke begreift die Leinwand als Schlachtfeld der Farben

Nach wie vor behandelt Hödicke die Sujets ohne Unterschied dramatisch expressiv, ganz so wie die alten Brücke-Maler. Die fast gläsern-transparenten Fensterbilder aus den Sechzigern belegen, warum Hödicke die Leinwand als Schlachtfeld der Farben und jene als „Palette der Wirklichkeit“ begreift, nicht als „Gefühlsfarben“. Das gilt auch für die „Nachtbilder“, 1996 bis 2001 – gewidmet dem Himmel über Berlins Großbaustellen. Da erfand der Maler ein unwirkliches Licht: melancholisch, schmutzig, grell. Die Dinge lösen sich auf in Farbe, materialisieren sich stumpf auf der Leinwand.

Sehen sollen wir auch, dass Hödicke sich nicht als Berlin-Chronist versteht, sondern als Beobachter mit einem kuriosen Blick, vor allem für Bewegung. Die witzige, hie und da melancholische „Berlin Suite“ um 1985 füllt die Wände der Rotunde im Palais Populaire, samt eigener Zitate. Hödicke malte den Gropius-Bau und die Leuchtreklamen, darunter den Satz „Berlin, das nur für die Nacht lebt …“, man sieht die Mauer und markante Sehenswürdigkeiten ebenso wie Kulissenbauten, unterbrochen von Visionen eines „Berlin am Meer“.

Und Bäume, vor allem Pappeln, Berlins „Zypressen“. Dazu den Adler, viel Preußisch Blau. 1979 porträtierte Hödicke sich selber mit Katze, daneben seine groteske Version der Bremer Stadtmusikanten (Hausbesetzer) und auf Papier die Serie „Dunkel ist die Nacht“. Man verspürt in jedem spontanen Pinselschlag, in jedem  entschlossenen Zug mit dem Rakel durch die Farben und  in den steilen Perspektiven den exzessiven Drang des Malers, sich an der Gegenwart, an seiner Stadt und deren widersprüchlichen Geschichte zu reiben.

Palais Populaire, Unter den Linden 5, bis 8. März 2021, Mi-Mo 11-18/Do bis 21 Uhr.