Luftige Legionärswesen: Joachim Meyerhoff (links) und Bastian Reiber als doppelter Sosias in Molières „Amphitryon“ an der Schaubühne.
Foto: Thomas Aurin

BerlinDas neue Jahr ist noch so jung, dass es kaum Farbe hat: Ohne Blätter, ohne Blüten, ohne knallige Sommerkleider kann es schon mal trist wirken. Dagegen gibt es ein Mittel: Theater! Live und in bunt! Ganz famos geht das noch bis Sonntag im Tipi, wo Christoph Marti und Tobias Bonn respektive Ursli und Toni Pfister als Schlagerduo Cindy & Bert mit „So, als ob du schwebtest“ die große Sonnabend-Fernsehshow wiederbeleben. Bei ihrem Ausflug in die 70er-Jahre West heißt die bundesdeutsche Hauptstadt Bonn, die Männer haben dicke Koteletten, die Frauen wollen von ihnen durch die Welt geführt werden. Willkommen in den poppig-polychrom schillernden, paillettengeschmückten und neckisch tapezierten Tiefen der heimischen Schlagerhölle!

So, als ob du schwebtest

2.–4. 1., 20 Uhr, 5. 1., 19 Uhr, Tipi am Kanzleramt, Große Querallee, Tel.: 39 06 65 50   

Eine Cindy & Bert im Tipi

Meret Becker bei der Premiere mit dem Programmheft zu "Cindy & Bert".
Foto: Imago Images

Erschlossen wird sie durch eine erstklassige, geschwungene Revuetreppe, die den „Sonntagskindern der Musik“ wie ihrem fünfköpfigen Begleitchor glanzvolle Auftritte erlaubt. Rund sechzig betörend schräge Kostüme und zwanzig üppig-wuschelige Perücken wurden für sie angefertigt. Alles ist leidenschaftlich auf Retro gebürstet und bestens schwungvoll einstudiert. Der lange Abend hat keine Durchhänger, voller Energie wird Nummer an Nummer gereiht. Die Choreografien von Danny Costello sind herrlich albern, die Klamotten von Heike Seidler in schönster Peinlichkeit rekonstruiert. Und so schreiend bunt, dass es gerade in dieser Zeit wirklich eine Freude ist.

"Vivid" im Friedrichstadtpalast

Die Revue in aller Spielfreude.
Foto: Imago Images

Die Welt ist farbenfroh wie das Leben, könnte man auch über die aktuelle Show im Friedrichstadt-Palast sagen. Die Inszenierung von „Vivid“ stammt von der in Las Vegas lebenden Autorin und Regisseurin Krista Monson, mit der erstmals eine Frau eine Grand Show in die Hand bekam. Darin begibt sich das Mädchen R’Eye – halb Sterbliche, halb Roboter – auf die Suche nach sich selbst. Sie gerät in die abenteuerlichsten Szenarien und sieht Dinge, von denen sie wohl nicht einmal geträumt hat.

Dem Publikum ergeht es nicht anders. Mit den spektakulär vielfältigen Bühnenbildern, den berauschend prachtvollen Kostümen und den surreal schrillen Kopfbedeckungen von Philip Treacy, der ansonsten etwa für die Queen oder Lady Gaga arbeitet, lernt es wieder zu staunen: Chapeau! „Vivid“ gibt uns nämlich die Illusion der Schwerelosigkeit und verschweigt trotzdem nicht, wie viel Kraft und Konzentration, wie viel Muskeln und Nerven dies verlangt.

In einer atemberaubenden Mischung aus Artistik, Volkstheater und Ballett mit der fulminanten Choreografie von Alexandra Georgieva fliegen Menschen durch die Luft, türmen sich behände übereinander, verwandeln sich in Fabelwesen, Tiere, Pflanzen. Raum und Zeit lösen sich grandios aberwitzig in reiner Schaulust auf: Revue ohne Grenzen.

Vivid

2.– 5. 1., 7. 1., 19.30, 4./5. 1. auch 15.30 Uhr, Friedrichstadt-Palast, Friedrichstr. 107, Tel.: 23 26 23 26

Joachim Meyerhoff in „Amphitryon“ an der Schaubühne

Ein bunter Vogel der besten Art ist auch der Schauspieler und Schriftsteller Joachim Meyerhoff. Seine autobiografischen Bücher wurden Bestseller, am Wiener Burgtheater war er jahrelang ein Star. Im Herbst ist er an die Schaubühne gewechselt und wird dem Theaterpublikum noch viel Freude machen, so viel ist nach seinem ersten Auftritt in „Amphitryon“ von Molière gewiss. In der Inszenierung von Herbert Fritsch wirkt Meyerhoff als Sosias in orangener Legionärsuniform wie ein Luftwesen aus einer anderen Welt, in der die Gesetze der Schwerkraft nicht gelten. Er macht dem ohnedies schnellen Stück nicht nur schnelle, sondern überdies närrische Beine.

Als sein eigener Bühnenbildner hat Fritsch dafür eine Art konzentrierte Barockszenerie entworfen, mit mehreren hintereinander gestaffelten Wänden, die dem Publikum eine großartige, farblich hinreißende Zentralperspektive und den Darstellern unaufwendig tolle Auftritte bieten. Fritsch nimmt die Komödie unbekümmert beim Wort und zeigt „Amphitryon“ als großes, absurdes Spiel um liebestrunkene Männer und lustvoll hingesunkene Frauen.

Das Ensemble mit Florian Anderer, Werner Eng, Annika Meier, Bastian Reiber, Carol Schuler, Axel Wandtke um den vortrefflichen Joachim Meyerhoff ist nicht zu bremsen, es macht sich in den pompös-prächtigen Kostümen von Victoria Behr einen ansteckend abgefahrenen Spaß: Zwei Stunden Molière ohne inhaltliche Bedeutungsschwere, aber mit heiterstem künstlerischen Gewicht.

Amphitryon

2./3. 1., 20 Uhr, 4. 1., 16 Uhr, Schaubühne, Kurfürsten- damm 153, Tel.: 89 00 23