Berlin - Diese Woche steht unter dem Motto „Einheit“, allen voran die deutsche, die trotz aller Feierlichkeiten tiefe Risse zeigt. Kein Wunder, sagt die Journalistin Daniela Dahn schon lange. Sie hat das Ende der DDR als Gründungsmitglied des „Demokratischen Aufbruchs“ miterlebt und wurde eine der schärfsten Kritikerinnen der Wiedervereinigung. Was eine tatsächliche Revolution hätte werden können, so Dahn, etwas Neues und Besseres, endete als „schlechte Kopie des Westens“.

In ihrem neuen Buch „Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute“ beschreibt sie 30 Jahre Einheit als „feindliche Übernahme auf Wunsch der Übernommenen“. Der politische Prozess verlief, meint sie, zu stark beeinflusst von der alten BRD, zu schnell, unehrlich und respektlos gegenüber einer Gesellschaft, die immerhin einen friedlichen Umsturz der Machtverhältnisse hingelegt hatte.

Hätten die Menschen Zeit gehabt, sich Westdeutschland in Ruhe anzuschauen, Vor- und Nachteile abzuwägen, hätten sie sich womöglich nicht auf eine umstandslose Angliederung eingelassen. Schließlich, so Dahn, war nicht alles schlecht an der DDR.

Anthologie „Eure Heimat ist unser Alptraum“ mit Texten von Max Czollek und Margarete Stokowski 

Ihr Buch bezieht die Vergangenheit auf aktuelle Probleme wie Fluchtbewegungen, Rechtsradikalität oder Klimakrise und verbindet dies mit einer klaren Absage an globalen Kapitalismus und europäische Wirtschaftspolitik. Egal, ob man ihr in jedem Punkt zustimmt, es ist wichtig, wie hier Geschichte gegen den Strich gebürstet wird. Dahn fordert Raum für verschiedene, insbesondere ostdeutsche Sichtweisen, in ihrem Fall ist es eine vehemente linke Haltung. Das bietet Stoff für lebhafte Diskussionen.

In der Anthologie „Eure Heimat ist unser Alptraum“ geht es nicht um Ost-West-Unterschiede, sondern um Menschen, die aufgrund ihrer Abstammung, ihres Aussehens, ihrer Religion in Deutschland benachteiligt, beleidigt, angestarrt, ja als Bedrohung wahrgenommen werden. Hengameh Yaghoobifarah schreibt über Blicke, die stets werten und in Herkunfts- oder Geschlechterschubladen sortieren.

Fatma Aydemir berichtet, wie sie mit dem allgegenwärtigen Satz „die Ausländer nehmen uns die Arbeit weg“ aufwuchs. Sharon Dodua Otoo reflektiert die Unmöglichkeit, ihre Kinder vor Rassismus zu schützen.

Deniz Utlu schildert, wie sich der NSU-Prozess auf sein Vertrauen in Staat und Behörden auswirkte, Margarete Stokowski erzählt, wie ihren Eltern ihr Polnisch unangenehm wurde, Max Czollek verabschiedet aus einer jüdischen Perspektive das Zauberwort Integration.

Diese und acht weitere Beiträge beleuchten, wie es ist, nicht zu einer Mehrheit zu gehören, die ihre Privilegien nicht einmal bemerkt. Oder eigentlich ganz in Ordnung findet. Man möchte das Buch nicht nur Heimatminister Seehofer auf den Nachttisch legen. Aydemir, Yaghoobifarah und Czollek stellen es in der Zitadelle Spandau vor, moderiert von der Berliner Autorin Elisa Aseva. Die Lesung findet in den Räumen der Ausstellung „Just Love“ statt, die Malerei und Skulptur rund um queeres Leben und Selbstverständnis präsentiert.

Nacht der Übersetzung am Montag am Kurfürstendamm 

Wer mehrsprachig ist oder auch gerade nicht, kann diese Woche nicht nur den Tag der deutschen Einheit, sondern auch den Internationalen Übersetzertag begehen. Und zwar gleich am Montag, mit Gesprächen, Performances und Lesungen im Institut français. In einer „Nacht der Übersetzung“ wird dort die Kunst gefeiert, Literatur von einem Sprachraum in einen anderen zu befördern.

Übersetzer und Übersetzerinnen schildern ihre Arbeit mit prominenten Texten, etwa von Didier Eribon oder Simone de Beauvoir, und diskutieren, welchen Einfluss unbewusste Vorstellungen von einem Land und seiner Kultur auf den Übersetzungsprozess haben.

Die Übersetzerin der französisch schreibenden Léonora Miano aus Kamerun oder ein Blick ins frankophone Kanada machen außerdem klar, dass nicht nur das Deutsche, sondern auch das Französische viele Formen und Facetten hat.

Diese – natürlich simultan übersetzte – Veranstaltung ist eine Hommage an Menschen, deren Beruf es ist, unterschiedliche Sprachen und Wirklichkeiten einander zu vermitteln und in Austausch zu bringen. Anstatt Einheit zu behaupten, wo keine ist.