Die Skyline von Dubai.
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Siebenhundertundneun Seiten mit zwölf Begriffen enthält das „Wörterbuch der Gegenwart“. Von „Angst“ bis „Zeit“. Dazwischen „Bild“, „Ding“, „Gerechtigkeit“, „Gewalt“, „Körper“, „Markt“, „Politik“, „Sprache“, „Tier“ und „Wahrheit“.

Seuchen und Viren fehlen. Das fällt einem 2020 natürlich sofort in die Augen. Aber das ist nur Ausdruck eines grundlegenden Gebrechens. Es gelingt den Herausgebern nahezu ganz, ohne die „Natur“ auszukommen. Als „Tier“ hat sie einen kurzen Auftritt von 50 Seiten. Wer die Texte liest, wird sich sehr darüber amüsieren, dass es fast ausschließlich darum geht, wie wir Menschen die Tiere sehen. Keinen Moment scheint die Idee auf, dass wir von Millionen Lebewesen benutzt werden. Sie leben in, auf und von uns, Dass wir glauben, wir lebten im Anthropozän, macht sie lachen. Das ist eine anthropomorphe Sichtweise. Richtig, aber lange nicht so anthropomorph wie das „Wörterbuch der Gegenwart“. Zu den zwölf Begriffen gehören nicht „Erde“ und nicht einmal „Welt“. Das Wörterbuch beruft sich auf Diderots „Encyclopédie“. Das hat nicht nur wegen des Umfangs etwas Rührendes. Die auf Habermas’ „Stichworte zur geistigen Situation der Zeit“ erscheint mir da viel plausibler. In den 1979 erschienenen zwei Bänden beschäftigte sich der erste mit „Nation und Republik“, der zweite mit „Politik und Kultur“. Da war doch die Verengung des Gesichtsfeldes gleich von Anfang an mitgeteilt. Die Idee Irenäus Eibl-Eibesfeldts, Konrad Lorenz zu Beiträgen heranzuziehen, wurde wahrscheinlich nicht einmal erwogen. Stichhaltiges zur „Geistigen Situation der Gegenwart“ erwartete man von Historikern, Philosophen und Politologen. Selbst Ökonomen spielten kaum eine Rolle. Auf keinen Fall rechnete man damit, von Naturwissenschaftlern dazu Triftiges zu erfahren.

Es ist unfassbar, ein „Wörterbuch der Gegenwart“ herauszubringen, in dem weder „Gender“, „Genetik“, „Geologie“, „Gravitation“ noch „ Kohlendioxyd“ vorkommen. Nicht einmal „Sternenstaub“ oder „Sex“ ist ein Stichwort. Aber selbst „Rassismus“ war den Herausgebern keinen Eintrag wert. Sie sind mit Blindheit geschlagen. In ihrem Vorwort schreiben sie: „Zunehmend wird deutlich, dass der Mensch die Sonderrolle, die er sich im Projekt westlicher Moderne durch die Abgrenzung vom Bereich der Natur zugesprochen hat, ersetzen muss durch ein Denken, das die Menschen in Beziehungsgeflechten mit den anderen Spezies, aber auch den Dingen versteht.“ Aber sie haben peinlich darauf geachtet, dass diese Einsicht rasch vorbeihuschende Randerscheinungen in ihrer Textsammlung sind. Nirgendwo sind in den letzten Jahrzehnten so viele Fortschritte gemacht worden wie in den Naturwissenschaften. Nichts hat Welt- und Menschenbild in den vergangenen Jahrzehnten ähnlich gewaltig erschüttert wie sie. Wer ein „Wörterbuch der Gegenwart“ herausbringt, ohne sie zu berücksichtigen, der hat das Thema verfehlt.

Das „Wörterbuch der Gegenwart“ ist ein prachtvoller Band

Soll man es darum nicht lesen? Titel haben mit dem Inhalt nichts zu tun. Sie sind nichts als Marketing. Also wenden wir uns doch dem Inhalt zu. Der Band ist keine Sammlung aktueller Aufsätze. Er ist vor allem eine Anthologie von Klassikern, von Texten also, die man gelesen haben sollte. Es sind Auszüge aus Arbeiten beispielsweise von Chinua Achebe, Hannah Arendt, Georges Bataille, John Berger, Dipesh Chakrabarty, J.M. Coetzee, Edouard Glissant, Karl Jaspers, Alexander Kluge, Herta Müller, Wole Soyinka, Hito Steyerl.

Die Herausgeber hätten einen deutlich interessanteren, weil gegenwärtigeren Band unter die Leute bringen können, hätten sie die von ihnen publizierten Zeilen von Dipesh Chakrabarty ernst genommen: „Hauptprotagonist der Erdsystemwissenschaft ist nicht das menschliche Leben, sondern das Leben im Allgemeinen. Anders als die Geschichte der Globalisierung vermittelt dieser Ansatz eine Perspektive auf Menschen und andere Lebewesen, in der Menschen per se nicht im Mittelpunkt der Geschichte stehen können. Um im Mittelpunkt zu stehen, sind wir zu spät gekommen. So versteht es sich von selbst, dass diese Wissenschaft eine menschliche Variante des nicht Anthropozentrischen praktiziert. Sie ist der Versuch von Menschen, ihre eigene Geschichte zu verstehen, in dem sie aus dem Menschsein gewissermaßen heraustreten.“

Der 1948 in Kolkata geborene Dipesh Chakrabarty veröffentlichte 2012 im Campus Verlag „Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung“. Er zählt zu den bekanntesten Sprechern der in den 1980er Jahren gegründeten „Subaltern Studies“, die begannen, ernst zu machen mit der „Weltgeschichte“. Woher sein großartiges Zitat stammt, konnte ich dem „Wörterbuch der Gegenwart“ leider nicht entnehmen. Wer mehr über Chakrabartys Überlegungen zum Verhältnis von Welt- zu Menschheitsgeschichte erfahren möchte, der lese im Netz seine Vorlesung „Anthropocene Time“ aus dem Jahre 2018.

Das „Wörterbuch der Gegenwart“ ist ein prachtvoller Band, der einem schwer in der Hand liegt. Das resultiert nicht zuletzt aus der beeindruckenden Bebilderung. Nicht nur einzelne Artikel wurden großzügig und in bester Qualität illustriert, sondern es gibt in dem Buch auch ganze Folgen, die Künstlern überlassen oder aber von den Herausgebern zusammengestellt wurden.

Bernd Scherer, Olga von Schubert, Stefan Aue: Wörterbuch der Gegenwart (Bibliothek 100 Jahre Gegenwart, hrsg. von Bernd Scherer, Haus der Kulturen der Welt), Verlag Matthes & Seitz, 711 reich illustrierte Seiten, 38 Euro.