Kitty Solaris im Kesselhaus der Berliner Kulturbrauerei.

Foto: Roland Owsnitzki

BerlinWie trinkt man aus einer Bierflasche, während man Mund-Nasen-Schutz trägt? Ich favorisiere ein kurzes Hochklappen der unteren Maskenhälfte. Beim Album-Release-Konzert, das die Berliner Musikerin und Label-Betreiberin Kirsten Hahn alias Kitty Solaris am Sonnabend im Kesselhaus absolvierte, zeigte sich indes, dass die meisten Musiclovers (aktueller Fachjargon für Menschen, die gerne Musik hören), noch weniger Masklovers sind als Ihr bürgerpflichtbewusster Autor. Kaum erklangen die ersten Akkorde, waren die Gesichter des auf distanzierte Sitzgruppen verteilten Publikums frei.

Immerhin ist das Kesselhaus ja ein hoher Raum mit guter Belüftungsanlage; und jene ersten Akkorde der Vorgruppe, über die ansonsten nur gesagt sein soll, dass zwei ihrer vier Mitglieder aussahen wie Statisten aus einem Robert-Rodriguez-Film, waren dergestalt, dass so mancher sich erstmal hastig wieder hinaus an die sichere frische Luft begab, um sich dort mit anderen darüber zu verständigen, dass es dankenswert sei, wenn Veranstalter wie das Kesselhaus unter den aktuellen Bedingungen überhaupt gelegentlich Konzerte ermöglichten.

Seit 20 Jahren prägt Kitty Solaris die Wohnzimmer-Pop-Szene Berlins 

Was ja auch stimmt. So erleben wir die wenigen Kulturveranstaltungen ja primär als soziale Ereignisse; selten habe ich mich so gefreut, Menschen, die ich nur aus dem lauten Halbdunkel diverser Musikabende kenne, zufällig in ebenjenem Halbdunkel mal wieder über den Weg zu laufen. So verliert die Musikdarbietung an sich an Gewicht; beziehungsweise unterliegt sie weniger als zuvor der Maßgabe, in irgendeiner Weise außergewöhnlich sein zu müssen.

Dies kam Kitty Solaris, die seit zwei Jahrzehnten die Wohnzimmer-Pop-Szene dieser Stadt prägt, zugute. Ihre Musik ist mitunter an Patti Smith oder PJ Harvey angelehnt, die ja ihrerseits an Strahlkraft kaum zu überbieten sind, und hat es somit schwer, eine eigene Außergewöhnlichkeit zu kultivieren.

Singen tut Hahn alias Solaris trotzdem gut – und an mehreren Stellen ihres Vortrags schimmerte Magie durch. Das Bedroom-Pastiche erlangte dann Bedrohlichkeit, etwa in dem Stück „Money Back“ vom aktuellen Album „Sunglasses“, einer Elektropop-Reimagination ihres eigenen Stücks „I Only Want My Money Back“; oder in „Hot Town Blues“, wo die zweiköpfige Begleitband in ebenso vornehmes wie dringliches Krachmachen ausbrach, welches an Yo La Tengo erinnerte.

Zu all dem wurden übrigens Unterwasser-Dokus über das Heranwachsen von Tintenfischen projiziert, die den Moment, da Solaris einen Erinnerungsaussetzer hatte und kurz bei Spiel und Ansage ins Rudern geriet, wie eine avantgardetheaterhafte Halluzination erscheinen ließen. Vielleicht doch mal den National-Geographic-Kanal abonnieren, dachte man da und kippte sich situationsvergessen Bier in die Maske.