Was Wolf Biermann über die AfD denkt

Hat die Gitarre Sie auch davor gerettet, bloß als Person der Zeitgeschichte zu überleben nach der Ausbürgerung?

Ach nee, eingewurzelte Laster lassen sich nicht so schnell ablegen. Wenn man einmal eine gewisse Höhe erreicht hat ... Das ist wie beim Sputnik, wie wir im Osten sagten,  also einem Satelliten: Wenn er die erste kosmische Geschwindigkeit hat, bleibt er oben. Mit der zweiten fliegt er ins Sonnensystem. Wenn man im politischen Zirkus diese erste kosmische Geschwindigkeit erreicht hat, muss man da weitermachen.

Also knüpften Sie mühelos an?

Nein! Ich musste weitermachen nach der Ausbürgerung, aber ich hatte nichts mehr mitzuteilen. Natürlich hätte ich es mir bequem machen und alle meine verbotenen Lieder singen können. Aber ich wollte im Westen nicht davon leben, dass ich meine Ost-Wunden lecke. Das ist ja auch eine moralische Frage: Man soll möglichst gegen den Drachen kämpfen, unter dem man lebt – und nicht gegen den am anderen Ende der Welt.

Wie Sie schildern, gab es im Westen Themen, die Sie sofort angezogen haben, die RAF zum Beispiel oder die Friedensbewegung.

Die RAF war schon im Osten Thema, und ich habe mich immer gegen die RAF ausgesprochen. Wenn man in ein neues Koordinatensystem gerät, wie ich 1976, peilt man die Lage. Da reißen Sie nicht gleich das Maul auf, sondern gucken: Vor wem muss ich mich hier in Acht nehmen? Mit wem kann und muss ich mich anfreunden? Man müsste eigentlich erst mal still sein. Aber diese Lebensklugheit konnte ich mir nicht leisten, weil ich zu berühmt war. Die Bonzen in der DDR hätten frohlockt: Der kleine Biermann ist jetzt weg vom Fenster! Das hätte sogar noch anderen geschadet.

Inwiefern?

Weil es dann geheißen hätte: Du, der sich hier auflehnen will gegen uns Herrschende, dir wird’s so gehen wie dem Biermann. Wenn du jetzt dumme Sachen machst, dann bist so was von weg, das glaubst du gar nicht. Das wäre ein Mittel gewesen, die rebellischen Geister in der DDR, die nicht mal geschützt waren durch Berühmtheit, noch effektiver einzuschüchtern.

Es haben ja auch Kollegen noch im Westen den Einfluss der Stasi zu spüren bekommen und wurden überwacht, Hans Joachim Schädlich zum Beispiel, Jürgen Fuchs…

Ja. Jürgen Fuchs, auch Schädlich, hatte gegen meine Ausbürgerung protestiert. Fuchs landete im Knast und kam 1977 gegen seinen Willen in den Westen. Er war fortan für die Stasi Staatsfeind Nummer eins in West-Berlin, sie haben sogar eine Autobombe gegen ihn gelegt. Ich hatte die Verpflichtung, berühmt zu bleiben, weil ich wie ein Verstärker wirkte, für die unberühmten Leute, die wie Jürgen im Knast landeten. Aber was heißt das in der Mediengesellschaft? Es war die schwierigste Zeit meines Lebens – diese ersten West-Jahre. Ich brauchte mindestens vier, fünf Jahre, um wieder bei mir zu sein.

Wie kamen Sie dann bei sich an?

Der Anfang meiner besseren Zeit im Westen nach den Turbulenzen der Ausbürgerung war dieses kleine Lied hier (greift zur Gitarre):

Bei Flut
drückt die See
den Fluss in das Land
in Altona saß ich am Elbestrand
und sah, wie die Boje nach Osten hin zeigt
das Wasser läuft auf und steigt
verdrehte Welt!
das seh ich gerne
der Fluss, er fließt
zurück!
Die Wassermassen
der Elbe wollen
wieder nach Dresden
zurück
Das sah ich gern aber gelassen
und bleibe.

Das festeste Wort im Lied, das „bleibe“, wackelt so stark, weil ich es auch noch nicht so richtig weiß. Ich brauchte  ein paar Jahre, um zu sagen, ich bleibe hier und gehe nicht zurück zu meinen vertrauten Feinden  in den Osten.

Dennoch haben Sie sich immer wieder zwischen alle Stühle gesetzt.

Ich singe Ihnen mal das Kernlied für das Zwischen-alle-Stühle-Setzen vor:

Es senkt das deutsche Dunkel
Sich über mein Gemüt –
Es dunkelt übermächtig
In meinem Lied
Das kommt, weil ich mein Deutschland
So tief zerrissen seh’
Ich lieg’ in der bess’ren Hälfte –
Und habe doppelt Weh!

Das ist aus den Sechzigerjahren, oder?

Ja. Und es war das Lied, mit dem ich mich zwischen  absolut alle Stühle gesetzt habe, die zur Verfügung standen. Die Rechten im Westen sagten: „Du liegst im Osten in der besseren Hälfte? – Das ist  ja DDR-Propaganda!“ Die Bonzen im Osten schimpften: „Wieso hast du, wo du bei uns sein kannst, doppelt Weh? Ist es etwa nicht schön in der Deutschen Demokratischen Republik?“ Und die Linken im Westen ärgerten sich am meisten über die Innigkeit, mit der ich dieses ehemalige Nazi-Deutschland besinge: Mein Deutschland. Das fanden sie schlimmer als jeden Verrat. So waren sie alle beleidigt. Aber so etwas gelingt nur, wenn man nicht darüber nachdenkt, sondern seinen Gefühlen folgt. Mir hat die Teilung immer tief wehgetan.

Ist das elend zerrissene Land jetzt wieder eins?

Nein, das geht ja nicht so schnell! Die Häuser sind schnell wieder aufgebaut, aber die Ruinen auf zwei Beinen – das dauert 200 Jahre. Da ist schon eingerechnet, dass wir in einer schnelllebigen Zeit leben.

Ihre jüngste Tochter wird in diesem Jahr 16 Jahre alt: Welches Deutschland wünschen Sie sich für Ihre Zukunft?

Och, da kann ich mir gar nichts wünschen. Deutschland ist das wohlhabendste und freieste Land in der ganzen Welt. Ohne Übertreibung. Allein die Globalisierung seit 1990 hat das Einkommen der Deutschen enorm erhöht. Viel schneller als in Amerika und sehr viel schneller als in Frankreich. Dass das  wieder seine Tücken und Gefahren hat, das wissen Sie  selber …

Wer hat, den plagen möglicherweise Verlustängste …

Mit dem Reichtum wächst die Existenzangst. Immer!

Sorgen Sie solche Erscheinungen wie die AfD oder Pegida? Diese Bewegungen sind doch auch Reaktionen auf wirkliche oder eingebildete Verluste.

Ja, ganz bestimmt mehr auf eingebildete Verluste! Darüber habe ich lange nachgedacht und wenig darüber geschrieben. Alle Menschen sind so: Wenn ihnen etwas Gutes passiert, wenn ihnen geholfen wird, wenn sie also einen Grund haben, dankbar zu sein, dann verspüren sie den Drang, sich zu revanchieren. Das ist eine Frage der Selbstachtung. Wenn man aber bemerkt, dass man absolut keine Chance hat, sich irgendwie zu revanchieren, dann gerät man in die große Gefahr, dass man die Gaben, die man bekommen hat, klein redet und vor allem schlecht redet: Die Motive für die Hilfe waren gar nicht uneigennützig, sondern sollten mich abhängig machen, mich demütigen. Dadurch gerät man auf die schiefe Ebene und rutscht ab in den Hass.

Dankbarkeit erzeugt Hass? Wie meinen Sie das?

Es ist noch nie im Verlauf der Weltgeschichte so viel Geld, also geronnene menschliche Arbeit, von A nach B transportiert worden wie zwischen West-Deutschland und Ost-Deutschland. Das erzeugt im Osten ein Missbehagen, ein Unglücklich-Sein und Sich-übervorteilt-Fühlen. In diesem Zusammenhang sehe ich das ganze AfD-Elend. Das sind keine Nazis, das ist viel schlimmer noch: Das sind Leute, die das Gute schlecht reden müssen. Wie Brecht sagte: Den übertriebenen Hoffnungen folgt leicht die übertriebene Hoffnungslosigkeit.

Sie sehen die AfD vor allem als Ost-Phänomen?

Dort wird sie sich vor allem verbreiten, aber es gibt sie auch im Westen, wo man eher das Problem hat zu glauben, dass man zu viel weggeben musste. Sie sehen, Osten und Westen sind wie durch kommunizierende Röhren miteinander verbunden. Die menschliche Dummheit ist gerecht auf Ost und West verteilt. Die hysterische Existenzangst ist besonders obszön in einem Land, das so reich ist wie Deutschland. Wir könnten zehn Mal so viele Flüchtlinge durchfüttern. Das muss man erst einmal ganz nüchtern konstatieren. Man kann dann immer noch darüber streiten, was das kulturell und seelisch und sprachlich und sexuell bedeutet. Mir kommt diese ganze Hysterie gegen Merkels Flüchtlingspolitik würdelos vor.

Sie werden Ihr Buch demnächst in Berlin vorstellen. Wie ist es für Sie, in diese Stadt zurückzukommen?

Wenn ich in den Osten komme, in die Friedrichstraße, zum Berliner Ensemble, wo ich früher gearbeitet und gelebt habe, dann kann ich als Hamburger nur sagen: Dat is al mien!

Das Gespräch führten Cornelia Geißler und Christian Schlüter.