Ein Nachmittag bei X Filme in der Kurfürstenstraße. Der Haushund Paul trottet friedlich durch die Räume – jeweils der Person hinterher, die etwas zu essen mit sich führt. Wir sind mit Wolfgang Becker verabredet, dem Regisseur des Kinoerfolgs „Good Bye, Lenin!“. Nun hat Becker den Roman „Ich und Kaminski“ von Daniel Kehlmann verfilmt: als Tragikomödie um einen eitlen Journalisten, der mit einer Biografie über den greisen Künstler Kaminski berühmt werden will und mit ihm auf Reisen geht.

Herr Becker, seit „Good Bye, Lenin!“ sind zwölf Jahre vergangen. Warum hat es so lange gedauert bis zu einer neuen Kinoarbeit?

Ich bin nicht der Schnellste. Und ich habe auch nicht den Ehrgeiz, den Rekord von Fassbinder zu brechen. Ich muss nicht unglaublich viele Filme machen – ich bin froh, wenn ich ein paar drehe, zu denen ich stehen kann und die die Zeit ein wenig überdauern. Dass ich so langsam und gründlich arbeite, ist teilweise auch ein Problem für die Produktion, aber mittlerweile wissen es auch alle. Es dauert, bis ich mich für einen Stoff entschieden habe. Denn ich brauche einen langen Atem, um da durchzukommen bis zum fertigen Film. Und bei vielen Stoffen habe ich so meine Zweifel, ob ich wirklich ein paar Jahre meines Lebens damit verbringen will.

Mit dem Roman „Ich und Kaminski“ von Daniel Kehlmann hatten Sie einen neuen Stoff gefunden. Aber was haben Sie zwischen 2003 und – sagen wir – 2010 getrieben?

Bis 2005 war ich mit „Good Bye, Lenin!“ unglaublich viel auf Reisen; anderthalb Jahre war ich mit dem Film unterwegs. Und dann dauerte es eine gewisse Weile, bis ich wieder an dem Punkt war zu sagen: So, jetzt kommt das Nächste. Damals, 2005, wäre es fantastisch gewesen, ein Drehbuch zu haben, mit dem man bereits in die Finanzierung hätte gehen können – Letztere kann sich ja auch hinziehen. Jedenfalls habe ich in der Zwischenzeit zwei kürzere, aber sehr aufwendige Filme realisiert, mich um unsere Firma X Filme gekümmert, da unser damaliger Partner Senator in die Insolvenz ging, und mit Y Filme einen Film mit Dani Levy produziert. Seit 2009 habe ich mich dann mit „Ich und Kaminski“ befasst.

Es brauchte sechs Jahre bis zum Kinostart. Was waren die Gründe?

Es gab mehrere. Das Drehbuch brauchte seine Zeit. Der Film, der zunächst als deutschsprachige Produktion geplant war, wurde, um französische Fördergelder zu bekommen, zu einer französischen. Doch unser französischer Produzent ließ uns sehr plötzlich und schändlich im Stich, also wurde unser Film wieder zu einer deutschen Produktion. Das war sehr mühselig. Zudem war es erstaunlich schwierig, ihn zu finanzieren. Auch mit dem großen Erfolg von „Good Bye, Lenin!“ hatte ich nicht angenommen, hier Carte Blanche zu haben, aber ich hatte es mir schon ein wenig einfacher vorgestellt. Doch so war es leider nicht.

Wie erklären Sie sich das?

Inzwischen gibt es wohl sehr viel mehr Einreichungen auf Förderung als noch 2003. Es werden ja mehr und mehr Filme gedreht. Außerdem haben wir bei „Ich und Kaminski“ keinen positiven Helden, keine klassische Identifikationsfigur – man hat es vielmehr mit zwei Hauptfiguren zu tun, die zunächst nicht sonderlich sympathisch sind. Jedenfalls wurde ich immer wieder mit diesen Bedenken konfrontiert. Das hat die Geldgeber wohl zögerlich gemacht oder sie waren, wie etwa das französische Fernsehen, erst gar nicht dabei.

Dennoch haben Sie sich für die Verfilmung dieses Romans entscheiden. Was hat Sie daran so gereizt?

Mich hat vieles gereizt. Etwa dass „Ich und Kaminski“ keine so typisch geplottete Geschichte ist, wie wir sie in Mainstream-Filmen oft erleben. Der Roman ist wie eine Plattform, auf der man sehr gut von Menschen erzählen kann, und er berührt sehr viele spannende Themen. Es geht um das Altwerden, um Selbstwahrnehmung und Außenwirkung. Es geht um Täuschung und die Kunstwelt: Wer und was entscheidet darüber, wer ein großer Künstler ist und berühmt wird? Was ist von den Biografien großer Künstler zu halten? Wie sehen wir einen solchen, wenn wir ihn konkret kennenlernen? Es geht vor allem um das Spiel und Kräftemessen zwischen einem jungen, eitlen und skrupellosen Journalisten und einem greisen, scheinbar recht hilflosen Künstler. Man fragt sich: Wer ist hier eigentlich der Manipulierte? Daniel Brühl und Jesper Christensen spielen das ganz wunderbar.

Sie haben einen Studenten-Oscar gewonnen und sehr erfolgreiche Filme gedreht. In „Ich und Kaminski“ erzählen Sie nun vom Scheitern. Was ist daran so schön?

Am Scheitern ist nichts schön, es gehört nur dazu, und wir können daraus lernen. Dieser Journalist Zöllner ist im Buch wie im Film ein Kotzbrocken, aber auch eine komische Figur, weil er gar nicht mitbekommt, wie andere Menschen ihn sehen – so absorbiert ist er von sich selbst. Das hat schon fast etwas Rührendes und Tragisches. Ich empfinde Zöllner als eine extrem aktuelle Figur, es gibt immer mehr von denen. Vor allem in der Kunstszene findet man häufig diese Typen, die immer gerade ein neues Projekt haben, an einer sensationellen Idee arbeiten, auf was unglaublich Interessantes gestoßen sind, ohne je etwas gemacht zu haben. Aber die Superlative gehen ihnen nie aus. Manchmal möchte man sie an der Schulter packen und schütteln: „Hallo, aufwachen! Du bist nicht genial oder berühmt, und du wirst es wahrscheinlich auch nie werden – du machst dir was vor.“ Diese Menschen leben in pausenlosem Aktionismus, der ihnen Produktivität vorgaukelt, sie aber eigentlich nur davon abhält, mal einen ehrlichen Blick auf die eigene Existenz zu werfen. Die Erkenntnis des eigenen Scheiterns wird pausenlos aufgeschoben. Das hat Suchtcharakter.

Daniel Brühl hat bei Ihnen schon in „Good Bye, Lenin!“ die Hauptrolle gespielt: Einen jungen Mann, der nach dem Mauerfall für seine aus dem Koma erwachte Mutter die DDR künstlich am Leben hält. In „Ich und Kaminski“ verkörpert er aber ein Ekel? War das schwierig?

Daniel war ja schon als Niki Lauda in „Rush“ nicht gerade ein Charme-Bolzen und hat das großartig gespielt. In „Ich und Kaminski“ ist er aber schon sehr gegen die übliche Rolle des sympathischen jungen Helden besetzt. Das war für ihn Herausforderung und Risiko zugleich, und er war beim Drehen sehr genau, hat sehr auf Nuancen geachtet. Mit Routine war das nicht zu spielen. Er musste das Arschloch so spielen, dass sich Zuschauer zum Teil darin wiederfinden können: Oh mein Gott, das steckt ja in gewisser Weise auch in mir. Eindimensionale Figuren sind langweilig; dieser Zöllner ist ja zunehmend eine gebrochene Figur – aber keineswegs so, dass man am Ende des Films glaubt, er sei jetzt ein anderer Mensch. Die klassische Läuterung fehlt. Es ist durchaus möglich, dass er wieder in alte Muster zurückfällt. Das halte ich auch für realistisch: Wir Menschen sind nicht so wahnsinnig wandelbar, wie uns manche Filme glauben machen wollen. Wir sind extrem geprägt, strampeln unser ganzes Leben, um den alten Mustern zu entfliehen.

In Ihrem Film gibt es köstliche Gastauftritte, etwa vom Kabarettisten und Autor Josef Hader und dem Schauspieler und Regisseur Karl Markovics. Beide sind Österreicher. Spielte das eine Rolle?

Karl Markovics fand ich schon klasse, als ich ihn in der eigentlich grauenhaften Fernsehserie „Kommissar Rex“ sah. Da dachte ich schon: Mit dem würde ich gern mal zusammenarbeiten. So war es auch bei Josef Hader. Ich wollte auch gerade mal die Nebenrollen anders besetzen, nicht mit in Deutschland zu bekannten Gesichtern, weil das oft die Gefahr birgt, dass eben nur der populäre Schauspieler wahrgenommen wird, aber nicht seine Filmfigur. Ich habe mich deswegen viel im Theater nach Nebendarstellern umgesehen.

Der Film ist sehr international besetzt. Geraldine Chaplin spielt beispielsweise die Jugendliebe von Kaminski, den Jesper Christensen verkörpert. In welcher Sprache haben Sie eigentlich gedreht?

Alle Schauspieler sprechen im Film Deutsch. Auch die Franzosen, wie etwa Denis Lavant. Jesper Christensen spricht hervorragendes Deutsch. Amira Casar hat extra Deutsch gelernt. Anders als ich angenommen hatte, denn ich hörte sie bei Youtube mit ihrer Tochter ein deutsches Lied singen, konnte Geraldine Chaplin kaum Deutsch und musste ebenfalls lernen. Ich beneide Frauen immer um ihr großes Talent für Fremdsprachen.

Ihr Drehbuchautor ist Thomas Wendrich, der unter anderem auch Schauspieler und Romanautor ist. Wie war die Zusammenarbeit?

Thomas wurde mir von dem Regie-Kollegen Andreas Kleinert empfohlen, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Obwohl es eine Roman-Adaption ist, also vieles vorgegeben ist, war der Weg zum drehfertigen Buch alles andere als ein Spaziergang und hat viel Zeit benötigt. Thomas war da stets dabei, war nie ungeduldig – eine großartige Zusammenarbeit und hoffentlich nicht die letzte. Zusammen haben wir etwas geschafft, was keiner von uns beiden allein hinbekommen hätte. Interessanterweise hat Thomas gleich im Anschluss dann einen Roman geschrieben: „Eine Rose für Putin“, in dem es auch um zwei Männer geht, die zusammen ein Drehbuch schreiben. Als ich den gelesen hatte, wusste ich auch, warum sich Thomas so viele Notizen während unserer gemeinsamen Arbeit gemacht hat.

Und wie kommen Sie weg in dem Roman?

Ich war ja nur eine Inspiration, aber ich bin nicht Ich in dem Buch.