Berlin - Um einen Dichter, dessen Werk in Vergessenheit zu geraten droht, wieder bekannter zu machen, gibt es viele Möglichkeiten: Man veranstaltet Lesungen, man benennt eine Schule, eine Straße, eine Kneipe nach ihm. Wolfgang Hilbig, der am 31. August 80 Jahre alt geworden wäre, hätte all das verdient. Lesungen gibt es; so werden ihn Katja Lange-Müller, Lutz Seiler und Ingo Schulze am Mittwoch in der Berliner Akademie der Künste ehren. Für alles andere braucht man Partner, zum Beispiel in den Stadtverwaltungen. Eine Idee von frappierender Einfachheit könnte sich auf altmodische Art um die ganze Welt verbreiteten: die Postkarte.

Wolfgang Hilbig, 1941 in Meuselwitz bei Leipzig geboren und 2007 in Berlin gestorben, mag vielen heute noch als Erzähler vertraut sein, durch die Romane „Das Provisorium“, „,Ich‘“ oder „Eine Übertragung“. Doch begonnen hat er als Dichter, er schrieb leuchtende, kraftvolle Lyrik neben seiner Arbeit als Werkzeugmacher, Schlosser, Heizer und Kesselwärter. Er wurde in der DDR immer wieder von Verlagen abgewiesen und von der Staatssicherheit intensiv beobachtet. 1979 druckte die Zeitschrift Sinn und Form acht Gedichte. 1983 erschien bei Reclam in Leipzig der Band „Stimme Stimme“ mit Lyrik und Prosa, seine einzige Buchveröffentlichung in der DDR.

Mit Lyrik begann 2008 die Werkausgabe nach Hilbigs Tod, die jetzt mit dem siebten Band vollständig vorliegt. Für 100 Euro ist es jetzt möglich, sich ein Hilbig-Gedicht zu eigen zu machen. Vorgestellt wird das Prozedere auf der Webseite www.hilbig-jahr-2021.de. Man erwirbt das Recht, dieses eine auf 50 eigens gestalteten Postkarten zu verschicken. Ältere Leser werden sich vielleicht erinnern, wie es damals war: „Stimme Stimme“ ging von Hand zu Hand, weil die kleine Druckauflage nicht reichte für all die begierigen Leser. Hilbig schrieb so frei aus der Enge, dass seine Texte wie Botschaften des sonst Unsagbaren klangen.