Wolfgang Joop : Zerrissener Meister der Perfektion

Köln - Es gibt ein Bild von Wolfgang Joop, ein Porträt, aufgenommen Anfang der 90er Jahre. Leicht schräg von unten guckt er in die Kamera, durchbohrt den Betrachter mit einem Hollywood-Blick aus einem einschüchternd makellosen Gesicht. Mit Perfektion, sagte Wolfgang Joop einmal, könne er nichts anfangen.

Anfang der 90er war er schon nicht mehr jung, er ging auf die 50 zu, ein Alter, in dem die meisten Menschen spätestens einsehen, dass die lange angestrebte Perfektion nur eine Illusion ist. Wolfgang Joop gelang die Perfektion der eigenen Erscheinung lange Zeit, ohne dass er danach strebte. Auch mit 50 war er noch der schöne Jüngling. Heute wird Wolfgang Joop 70. Die Perfektion gelingt ihm immer noch.

Das Oberflächliche habe ihn nie interessiert, behauptet der Modedesigner. In diesem Jahr ist viel über ihn geschrieben worden, vor allem über seine Auftritte als Juror bei der Casting Show „Germany’s next Topmodel“. Öffentlichkeit sei eine Qual für ihn, behauptet Joop gern. Trotzdem hat er mit der Fernsehshow die Öffentlichkeit gesucht. Und die Oberflächlichkeit.

In seinen Interviews merkt man ihm zuweilen die Zerrissenheit an zwischen der vor Selbstbewusstsein strotzenden Kunstfigur und dem feingeistigen, schüchternen Jungen. Seine Intellektualität betont er lieber einmal zu oft, so, als habe er Angst, man könne ihn für nichts weiter als einen gealterten, hohlen Schönling halten in einem Business, indem es vor allem um die Oberfläche geht.

Joop gilt als einer der erfolgreichsten deutschen Modedesigner. Seit er 1970 mit seiner damaligen Frau Karin den Modewettbewerb einer Zeitschrift gewonnen hatte, arbeitete er hauptberuflich als freischaffender Designer und Moderedakteur. Seinen internationalen Durchbruch hatte er Ende der 70er mit einer Pelzkollektion. Die 80er Jahre wurden das Joop-Jahrzehnt schlechthin. Das Label JOOP! wurde zum Symbol für den kommerziellen Erfolg des Designers. Joop war zur Marke geworden, zum Mainstream, zu dem er nie gehören wollte. 2001 verkauft er die zum Riesenkonzern angewachsene Firma. Seitdem hat er mit den Produkten, die immer noch seinen Namen tragen, nichts mehr zu tun.

Joop hat sich selbst stets als Künstler betrachtet, auch in der Malerei und Literatur. Sein wahres Talent aber zeigt sich nirgendwo so deutlich wie in seinem 2003 gegründeten Mode-Label „Wunderkind“. Es ist sein Herzensprojekt, das erst hochgelobt und dann totgesagt wurde und das – natürlich – überlebte, weil Joop selbst überlebte und weil „Wunderkind“ seine Kunst und seine Mode miteinander versöhnte, die Oberflächlichkeit mit der Tiefe. Den narzisstischen Exzentriker mit dem hochbegabten, sensiblen Jungen aus Potsdam-Bornstedt. Als Joop dort am 18. November 1944 geboren wird, ist sein Vater Gerhard in russischer Kriegsgefangenschaft. Die ersten acht Lebensjahre kennt Wolfgang ihn nur von Fotos. Er wächst mit Mutter und Tanten auf. Der wiedergekehrte Vater wird Wolfgang immer fremd bleiben.

Schlechtes Verhältnis zu Jette

Auch sein eigenes Vatersein ist schwierig. Das Verhältnis zu seiner älteren Tochter Jette gilt als zerrüttet. Unbelastet ist Joops Beziehung zu Jette und ihrer jüngeren Schwester Florentine nie gewesen, vielleicht auch deshalb, weil Joop bei aller Liebe für seine Töchter nie ein echter Vater sein konnte, sondern selbst immer das Kind bleiben wollte.

Um Konventionen hat Wolfgang Joop sich nie geschert. Er gründete „Wunderkind“, als keiner daran glaubte, und machte unbeirrt weiter, als keiner mehr daran glaubte. Er verließ seine Frau, mit der er immer noch eng befreundet ist, weil er sich in einen Mann verliebt hatte. Seit 32 Jahren ist Edwin Lemberg als Lebens- und Geschäftspartner an seiner Seite.

Warum hat er sich nun in ein Casting-Format gedrängt? Man möchte glauben, er habe Aufmerksamkeit gebraucht. Er hat sie bekommen und gab der Casting-Show kurzzeitig so etwas wie eine menschlich-tragische Facette, indem er für die Model-Mädchen zu einer bildschirmtauglichen Vaterfigur wurde. Sein biologisches Alter habe er bis zum Tod seiner Mutter nie gespürt, hat Joop einmal gesagt. So lange die wilde Charlotte lebte, so lange konnte er einfach ihr Wolfi bleiben, der sanfte, künstlerisch begabte Junge. Der schöne Junge von damals ist erwachsen geworden. Auch das ist ein Grund, ihm zu gratulieren.