Berlin - Er hat seine alten Fotos eingescannt und auf Bögen ausgedruckt, jetzt liegt ein schwarzweißes Durcheinander auf dem Tisch: Wolfgang Menge mit vollem Haar und einer schönen Frau im Arm. Als junger Reporter mit Kollegen beim „Hamburger Abendblatt“. Er im MG Roadster – das britische Geschoss hatte er auf einer Auto-ausstellung nach dem Krieg gesehen und fuhr es danach als erster Deutscher. Er als Ostasienkorrespondent für die „Welt“ in Hongkong. Mit den Eltern in Hamburg. Feiern mit Freunden in seinem Haus am Grunewald. Schnappschüsse bei Dreharbeiten.

Wolfgang Menge beugt sich über die Fotos, wobei er wie so oft Asche aus seiner Pfeife verstreut. Er tippt mit dem Finger auf Personen und sagt: „Tot. Tot. Tot.“
Das war nach seinem 85. Geburtstag, vor drei Jahren. Ein Mann seines Alters hat es lernen müssen, von Menschen Abschied zu nehmen.

Er kam aus dem Journalismus. Präzise Recherche blieb die Grundlage seines Schreibens. Wochenlang saß er für „Polizeirevier Davidswache“ (1964) auf dem Revier und in Kneipen, um ein wirklichkeitsnahes Kino-Drehbuch zu schreiben. Für den Fernsehfilm „Ende der Unschuld“ (1991) über deutsche Atomwissenschaftler im 2. Weltkrieg entdeckte er Briefe von Lise Meithner im Archiv der FU Berlin. Damals kam ein Professor an seinen Tisch, nur um sich den Mann anzusehen, der diese Briefe als erster Besucher lesen wollte.

Beschäftigt mit dem Gang der Welt

Menge zerschnitt täglich Berge von Zeitungen mit einer Spezialklinge von Tiffany. Er hob interessante Texte auf, die er selten wiederfand. Er verborgte Bücher, ohne sich zu notieren, wem er sie gegeben hatte. Er lebte zwischen vergilbten Papierbergen, die niemand anfassen durfte. Wolfgang Menge war immer beschäftigt mit dem Gang der Welt, den er kritisch kommentierte, er war integer, polternd, grimmig, fröhlich, schroff, ungerecht.

Er sagte, was er dachte, und verletzte gezielt.

Menge trug drei Bypässe in der Brust und lag nach zwei Schlaganfällen im Krieg mit seinem Gedächtnis, er war zuletzt dünn geworden und bewegte sich vorsichtig. Noch bis vor wenigen Jahren besaß er den Gang eines jungen Mannes, seine Leichtfüßigkeit verblüffte. Wolfgang Menge führte das auf uralte Videokassetten zurück – auf seine Aufzeichnungen der DDR-Fernsehsendung „Medizin nach Noten“: Er legte jeden Morgen eine Kassette ein und machte die gymnastischen Übungen mit.

Wolfgang Menge war eine Autorität und eine öffentlich wahrgenommene Person, was an seiner Qualität als Drehbuchautor und auch an seinem berühmten Glatzkopf lag. Als er noch ausging, erkannten ihn viele, er mochte das. Jungen Leuten ist er heute selten ein Begriff, sie wachsen mit eine Medienkultur auf, in der Wolfgang Menge nicht mehr die Maßstäbe setzt.

Früher war das so. Seine Position erschrieb er sich mit über 100 Film- und Fernseh-drehbüchern. Einige bezeugen Hellsichtigkeit.

1969 schrieb er „Die Dubrow-Krise“: Ein Dorf in Mecklenburg wird durch einen Vermessungsfehler bundesdeutsches Territorium, über Nacht bricht der Westen über den Osten herein. „Das Millionenspiel“ (1970) beginnt mit dem Logo eines fiktiven Privatanbieters. Es folgt eine Show, in der ein Kandidat vor drei Auftragskillern und 24 Kamerateams durch Osnabrück flüchtet, um eine Million zu gewinnen. Ein Mann rennt um sein Leben. Die Zuschauer sollen sich melden, wenn sie ihn sehen. Werbeblöcke unterbrechen die Sendung. Die wirkt wie echt: 120 Zuschauer rufen an. Sie wollen bei der nächsten Show mitmachen, als Kandidaten oder als Killer. Wolfgang Menge nahm den Quotendruck, die Sensationsgier und Brutalisierung des Privatfernsehens vorweg.

„Smog“ (1973) erzählt von vier Tagen in Duisburg: Wegen einer besonderen Wetter-lage liegt eine Dreckglocke über der Stadt und zieht nicht ab. Es gibt Tote. Die Industrie wiegelt ab und droht, bei einer Veränderung der Emissionsgesetze ins Aus-land abzuwandern. Wieder nehmen Zuschauer den Film für Wirklichkeit. Der Autor sah Zeiten kommen und besaß den Instinkt für Probleme der modernen Gesellschaft.

Menge arbeitete gern mit satirischen Mitteln, wie bei seiner, auch heute noch oft wiederholten Arbeit: „Ein Herz und eine Seele“ (1973-1976, 25 Teile in zwei Staffeln). Das war die erste Fernsehserie, die aus dem gesellschaftspolitischen Klima der Bundesrepublik bitterbösen Erzählstoff machte. Die Hauptfigur Alfred Tetzlaff, ein reaktionärer, tyrannischer Spießer aus Bochum-Wattenscheid, Ausländer- und Frauenfeind, kämpft mit Zoten und Starrsinn gegen den Verlust seines Weltbildes.

Alfred wurde Menges größter Erfolg: „Die Leute haben gesagt: Ich kenn den! Mein Mann ist es nicht, aber nebenan, der ist es. Alfred Tetzlaff war immer der andere!“, sagte der Autor, den damals Zustimmung und Verbotsforderungen erreichten. So war es auch bei „Motzki“ (1993, 13 Teile): Ein Frührentner aus Berlin-Wedding fühlt sich nach der Wende vom „Zonenpack“ bedroht und will die Mauer wieder hochziehen. „Die Zuschauer sollen erst mal schlucken. Und dann sollen sie sich endlich alles sagen, was sie denken.“ Nur keinen Streit vermeiden.

Ein Ausnahmetalent

Wolfgang Menge war eine Ausnahme: Er konnte Qualität mit Quantität verbinden und auf vielen Hochzeiten tanzen: ein Theaterstück, ein Roman, vier Krimis, acht Tatorte, 22 Folgen Stahlnetz, zehn Kinofilme, zwei Bücher über chinesische Küche, ein Ratgeber, „Der verkaufte Käufer“ über Manipulation in der Konsumgesellschaft. Er probierte neue Sachen – als einer von drei Moderatoren der ersten Live-Talkshow: „III nach neun“. Hier sprach er, zum Beispiel, mit Johannes Rau über Aberglauben in Wuppertal oder mit Beate Uhse über ein Trockengerät für Kondome.

Der Autor war ein Mann alter Schule, der sich mit moderner Technik verbrüderte. Er saß immer am neuesten Gerät, im Keller standen alle Computer, mit denen er in seinem Leben gearbeitet hatte, wie eine Ahnenreihe.

Seine letztes Projekt kam nicht ins Fernsehprogramm: Das war eine Sitcom über einen heiratswilligen dreißigjährigen Deutschen, der zufällig seine jüdische Herkunft entdeckt. Menge hatte eine jüdische Mutter. Er wollte jetzt, als alter Mann, über das Judentum sprechen und legte die ersten vier Folgen vor. Die Absage des Senders traf ihn tief. Die Ähnlichkeit seiner Geschichte mit dem Kinofilm „Alles auf Zucker“, der damals gerade ins Kino kam, ließ er nicht gelten.

Wer Interviews nachliest oder seine große Rede bei der Schillerpreisvergabe 2001, begegnet einem polemischen Hauptmotiv: Wolfgang Menge kämpfte um Respekt für den Film- und Fernsehautor. Der bringt eine Geschichte auf die Welt und muss sie in fremde Hände geben: „Wir fangen an, dann kommen die anderen und machen was draus. Was auch immer.“

Er hatte noch Projekte, an die er immer weniger glaubte. So wurde er 88 Jahre alt. Wolfgang Menge liebte seine vier Enkelkinder. Er starb friedlich im Krankenhaus, zwei seiner drei Söhne waren bei ihm.

Sein kritischer Geist geht uns verloren. Tot. Tot. Tot.