Berlin - Dass auch der deutsche Schlager und seine Protagonisten Wege gefunden haben, mit dem Älterwerden fertig zu werden, hat kaum jemand besser auf die Bühne gebracht als Roland Kaiser. Seine von Ehebruch und Verführung handelnden Lieder singt er inzwischen im feinen Anzug vor einem begeistert mit ihm gealterten, meist weiblichen Publikum. Für einen wie Wolfgang Petry wäre das kein nachahmenswertes Modell gewesen. Seine exzessiven Live-Performances leben von einer auf ewige Jugendlichkeit abgestellten Gegenwärtigkeit, die den gediegenen deutschen Schlager in die Sphären des Stadionrocks überführt hat, eine Welt, in der Mann „Wahnsinn“ sagt und „Hölle“ ruft.

Äußerlich hat sich Wolfgang Petry dieser Lebenswirklichkeit schon sehr früh anverwandelt. Schnauzbart, Vokuhila-Frisur und karierte Hemden ließen seit jeher auf eine rege Truckermobilität schließen – das Schlagergenre war mit Petry endgültig auf Touren gekommen. Als legendär gelten seine Freundschaftsbändchen am Arm, die man von großen Festivals kennt, wo sie als Eintrittskarte bei der Einlasskontrolle fungieren. Für Wolfgang Petry wurden sie zum Ausdruck unprätentiöser Nähe zu seinen Fans. „Hölle, Hölle, Hölle“ signalisiert ja weniger Verzweiflung als die Bereitschaft zur Distanz zum eigenen ekstatischen Treiben.

„Augen zu und durch“ bis ins hohe Alter

Erstmals hittauglich trat Wolfgang Petry 1975 mit „Sommer in der Stadt“ in Erscheinung, in der ZDF-Hitparade landete er damit hinter dem ähnlich agierenden Jürgen Drews („Ein Bett im Kornfeld“) auf Platz Zwei. Im Grunde aber gehört Wolfgang Petry bereits zur Post-Hitparade-Generation, die sich neue Formate erschließen musste und sich von einem insgesamt zu eng gefassten Schlagerimage zu befreien versuchte. „Wahnsinn“ (1983), „Verlieben, verloren, vergessen, verzeih’n“ (1992) und „Augen zu und durch“ (1997) wurden zu Petry-Klassikern, mit denen er sich fast so etwas zu bewahren schien, was im Pop mit dem Begriff Indie bezeichnet wird, eine gewisse Eigenständigkeit, die auf Fan-Nähe basiert. Seit ein paar Jahren reüssiert Petry mit dem Band-Projekt Pete Wolf Band, sein Versuch, dem Altern etwas entgegenzusetzen. Heute wird er 70.