Der finale Irrsinn stellt sich auf einem eisernen Bettgerüst ein. Lenz sitzt darauf, nur mit Unterhose bekleidet, den Oberkörper mit Kot beschmiert. Irr-lustig wippt er auf den Bettfedern und verkündet dabei sein Manifest der Langweile: „Die meisten beten aus Langeweile, die anderen verlieben sich aus Langeweile, ich mag mich nicht einmal umbringen: es ist zu langweilig!“ Die Sinnlosigkeit des Lebens, das nicht einmal einen Tod verdient – fröhlich hüpfend tönt  die Musik Wolfgang Rihms aus dem Orchestergraben dazu.

Männer kommen mit Zwangsjacke

Pfarrer Oberlin, der Lenz zuvor noch geküsst hatte, mit einem Tuch davor den Kot abtupfend von seiner Stirn, muss einsehen, dass er nun nichts mehr tun kann. Männer kommen mit einer Zwangsjacke, die frisch gewaschen strahlt, und binden den Verstörten. Ein Bild der Machtlosigkeit, des kollektiven Versagenmüssens, so stark, dass es sich auch nicht auflösen mag, als Georg Nigl, der falbelhafte Sänger und Darsteller des Jakob Lenz, die ersten Ovationen des Publikums entgegennimmt. Die Ärmel der Zwangsjacke hängen ihm gelöst herunter, aber abschütteln kann Nigl die Rolle noch nicht, die er in den eineinhalb Stunden zuvor so eindringlich dargestellt hatte.

Andrea Breths preisgekrönte Inszenierung

Dass die Schlussszene in Andrea Breths preisgekrönter Inszenierung, die nun in der Staatsoper im Schillertheater zu sehen ist, eine so aufwühlende Wirkung entfaltet, liegt auch am Licht, das hier zum ersten Mal voll scheint. Grell leuchtet es nun wie in einem Operationssaal. Es wird gnadenlos ausgeleuchtet, was zuvor noch in der Düsternis der Bühne immerhin ein wenig Geborgenheit fand. In fahles Licht hat sie Beleuchter Alexander Koppelmann  getaucht. Bühnenbildner Martin Zehetgruber gestaltet sie in einem Realismus, vor dessen Hintergrund die paranoide Schizophrenie, unter der Jakob Lenz leidet, erst als solche verstanden werden kann. Vergilbte Tapeten hängen an den Wänden, dunkle Holzmöbel stehen herum, dazwischen bewegen sich die Darsteller im schwarzen Gehrock; die Frauen tragen dunkle Trachten, wie sie in der Region des Oberrheins früher üblich waren. Recht konkret erscheint so jene Welt, in die der historische Jakob Michael Lenz, Zeitgenosse Goethes, Schöpfer des „Hofmeister“ und der „Soldaten“, flüchtete.

Zunehmende Verstörung

Von zunehmender Verstörung heimgesucht, bat der Dichter in Waldersbach in den Vogesen beim Pfarrer und Sozialreformer Johann Oberlin um Aufnahme. Drei Wochen blieb er dort, der Pfarrer verfasste darüber Aufzeichnungen, die Georg Büchner als Grundlage für seine Novelle „Lenz“ nahm. Büchners Novelle wiederum richtete Librettist Michael Fröhling in 13 Szenen ein, Wolfgang Rihm vertonte sie 1978 in einem seiner frühen Meisterwerke.

Eine Kammeroper nannte er seinen „Jakob Lenz“ – die Besetzung beläuft sich auf gerade einmal elf Instrumentalisten und ebenso viele Sänger – jedoch erläuterte Rihm selbst, dass damit keineswegs eine geschrumpfte Oper gemeint sei, sondern ein Werk, in dem ähnlich der Kammermusik die musikalischen Stränge  feiner und dichter gewoben sind.

2014 war in Stuttgart Premiere

Eigenartigerweise ist Andrea Breth seit der Uraufführung die erste Regisseurin, die das Stück auf großer Bühne  zu zeigen wagt. 2014 war in Stuttgart umjubelte Premiere dieser Produktion, über Brüssel gelangte sie nun nach Berlin, wo am Mittwochabend Premiere war.

Bekenntnis zur Emotion

Dabei sorgen die beschränkten Mittel und die Kunst, wie Rihm mit diesen Mitteln umgeht, für eine Verbindung von Bühne und Orchestergraben, wie sie sich schöner und selbstverständlicher schwer denken lässt. Unmittelbarer Teil der Darstellung ist Rihms nervige, sehnige, dabei mitfühlende, nie sensationslüsterne Musik. Sie fungiert gleichsam als inneres Bühnenbild, das Lenz’ Fantasien und Wahnvorstellungen Raum gibt und zugleich mit scharfen Klängen die Zwänge markiert, unter denen der Verstörte zu leiden hat. Rihms hier geäußertes Bekenntnis zur Emotion, zu einer lebendigen Musik, war zur Zeit der Uraufführung gewagt. Ende der 70er-Jahre dominierten noch die Serialisten das Feld mit nüchterner Strukturmusik.

Wolfgang Rihm holt die Tonalität zurück

Noch gewagter, dass Rihm im „Jakob Lenz“ die Tonalität zurückholt gleichsam als erweiterte Ausdrucksform der Atonalität. Immer wieder tauchen Choralmelodien auf, die wie Boten erscheinen aus einer guten Welt, die Lenz nicht mehr wahrzunehmen imstande ist. In Martin Zehetgrubers Bühnenbildern schimmert bei aller Düsternis ein Abglanz auf von jener guten Welt. Blitzschnell wird die Szenerie umgebaut während der kurzen Instrumentalzwischenspiele, so dass der Eindruck traumartig schroffer Szenenwechsel entsteht.

Frank Ollu leitet die Staatskapelle

Verbindendes Element bleibt dabei die unaufdringlich dringliche Musik, die von den elf Instrumentalisten der Staatskapelle, geleitet von Franck Ollu, so präzise wie berührend gespielt wird. Henry Waddington spielt und singt einen distanzierten Oberlin, John Graham-Hall als Kaufmann erschließt mit feinem Tenor den naiv-dreisten Charakter seiner Rolle. Dass eine ganze Welt – nämlich jene von Lenz’ quälenden Vorstellungen – zwischen ihnen und der Hauptfigur steht, ist in Breths Inszenierung immer fühlbar. Sie sind damit nichts anderes als die Repräsentanten des Publikums auf der Bühne.