Wolfgang Schnur und die Stasi: Das Doppelleben des Rechtsanwaltes

Die Dokumentation beginnt mit einem Wahlkampfauftritt im März 1990 in Erfurt. Die erste freie Volkskammerwahl in der DDR steht bevor. Wolfgang Schnur, Rechtsanwalt vieler DDR-Bürgerrechtler, ist als Vorsitzender der Partei Demokratischer Aufbruch die Führungsfigur der von Bonn protegierten konservativen Allianz für Deutschland. Ein kleiner Mann ist auf den Bildern zu sehen, der auf einer Rednertribüne vor 120.000 Menschen steht, eingeklemmt zwischen dem hünenhaften Bundeskanzler Helmut Kohl und dessen CDU-Generalsekretär Volker Rühe. Schnur schaut drein, als könne er es selbst nicht glauben, wohin er es gebracht hat.

Es ist ein kurzer Rausch der Macht. Nur wenige Tage nach dem Erfurter Auftritt folgt der Absturz: Schnurs Stasi-Akte taucht auf, in Dutzenden Leitzordnern ist dokumentiert, wie der Anwalt fast ein Vierteljahrhundert lang Mandanten verraten hat, Freunde, viele Menschen, die ihm Vertrauen entgegenbrachten.
Der Film von Alexander Kobylinski schildert das rätselhafte Doppelleben eines Verräters, ohne es jedoch auch nur ansatzweise erklären zu können.

Ein Star der Systemgegner

Dabei war es dem Autor sogar gelungen, Schnur wenige Monate vor dessen Tod im Januar 2016 noch zu einem letzten Interview vor die Kamera zu bekommen. Aber der frühere Anwalt verweigerte sich einer Lebensbeichte, leider. Zwar entschuldigt er sich bei den Menschen, die er verraten hat. Doch über die Gründe für seinen Verrat, über seine Empfindungen, wenn er die Geheimnisse der Oppositionellen erfuhr und sie unmittelbar darauf seinem Führungsoffizier hintertrug, über die seelischen Abgründe eines solchen Doppellebens – über all das aber spricht Schnur nicht.

Und so bleibt Kobylinski nicht viel mehr als die Nacherzählung eines Lebens. Der Autor beschreibt die Kindheit Schnurs, der im Heim und bei Pflegeeltern aufwächst, seinen Aufstieg in der FDJ. Bald wird die Stasi auf den talentierten jungen Genossen aufmerksam. Der Anwalt arbeitet sich in der evangelischen Kirche aufwärts, vertritt Wehrdienstverweigerer und Bürgerrechtler vor Gericht.

Schnur ist ein Star bei den Systemgegnern im Osten und den Politikern im Westen. Bis ein anonymer Brief an die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley Anfang März 1990 sein Doppelleben enthüllt. Abgeschickt hat den Brief vermutlich ein Stasi-Offizier, der Schnurs Frontwechsel nicht goutieren wollte.

IM Dienst der Stasi – Der Fall Wolfgang Schnur So, 22.55 Uhr, RBB