Wolfgang Tillmans, 1968 in Remscheid geboren, gehört zu den wichtigsten Künstlern der Gegenwart. In den 1990er-Jahren hat der deutsche Fotograf ikonische Bilder der Clubgeneration gemacht, bevor Techno massenmedialer Softporn wurde. So arrangiert seine Werke oft waren, nahmen sie die digitale Alltagsfotografie vorweg, allerdings mit analogen Mitteln. Doch Tillmans war nie nur Chronist des Nachtlebens. Die Bilder wählten die Abstraktion, verzogen sich ins Innere. Und seit einiger Zeit kehrt die Musik in sein Werk zurück – als Motiv, aber auch als Material mit seiner Band Fragile. In London zeigt die Tate Modern nun „2017“, eine Schau, die Werke zwischen 2003 und 2017 versammelt. Bei der Besichtigung stehen die britischen Pressefotografen höflich an, als Wolfgang Tillmans dann aber auftaucht und vor einem Bild posiert, schreien alle. Tillmans ist ein Star.

Herr Tillmans, am 30. Dezember haben Sie im Berghain aufgelegt. Und am Ende des Sets haben Sie sich gefreut wie ein kleiner Junge, der das zum ersten Mal macht...

Das war ein Glück, mein Debut im Berghain auf dem Main Floor, auch wenn ich vor zwei Jahren schon mal in der Panoramabar aufgelegt habe. Ich weiß, dass ich Bilder machen kann, dass ich Ausstellungen machen kann. Mit der Musik bin ich einfach immer noch nicht so sicher. Ich verstehe auch, warum manche meine musikalische Arbeit sehr kritisch sehen. Mir würde das auch so gehen, wenn ein Musiker plötzlich Kunst machen würde. Obwohl ich gemerkt habe, dass die Leute wissen, dass mich das ein Leben lang begleitet hat.

In der Londoner Ausstellung begegnet man vielen musikalischen Zeichen. Die Bilder von Frank Ocean, eines davon wurde das Cover seines Albums „Blond“; rosa eingefärbtes Bilderrauschen, das man so schon auf Bildern des Berghain-Labels Ostgut Ton gesehen hat, und ihre eigene Band, Fragile... Warum wird Musik wieder so wichtig in Ihrem Werk?

In den Bildern ist Musik immer in meiner Arbeit gewesen. Die abstrakten Bilder wanderten nur als Ableger ins Berghain, der Ursprung hatte nichts mit dem Club zu tun. Komplett auf Musik gestrickt war ich nur mit 18 Jahren, bis mein Partner aus unserer Heimatstadt wegziehen musste. Aber es stimmt, ab 2014 hat mich Musik erneut stark bewegt. Ich habe wieder angefangen, selbst Musik zu machen. Und richtig intensiv wurde es, als Frank Ocean sieben Minuten meiner Musik auf sein Visual Album gepackt hat. Ich war selbst überrascht, und froh!

In London gibt es auch den „Play Back Room“, den Sie schon in Ihrem Berliner Projektraum, Between Bridges, installiert hatten: Stühle, eine Musikanlage und eine Playlist. Sehr andächtig. Die hohen Fenster im Londoner Play Back Room, in der Tate Modern, erinnern an eine Kirche. Wie auch  das „Andere Osterlied“ Ihrer Band Fragile mit dem Text von Kurt Marti, dem Schweizer Schriftsteller und Reformtheologen, der gerade mit 96 Jahren gestorben ist...

Nein, ist er? Ach, komm!

Ja. Was ist das für eine stetige Kontinuität in Ihrem Werk zwischen Kirche und Kunst und Musik?

Ich bin stark sozialisiert durch die evangelischen Kirchentage der 1980er-Jahre und durch die Musik von Taizé, die ökumenische Kirche in Frankreich. Manche finden das ganz schrecklich, ich finde sie sehr berührend. Auch wenn ich heute nicht mehr an Religion in ihren Bildern glauben kann, ist der Idealismus und die Hoffnung etwas, was mich weiterhin berührt.

Ihre Bilder sind für mich immer von Vorboten des Todes durchzogen.

Dass ich mir darüber bewusst bin, wie zerbrechlich und vergänglich ich bin, das hatte ich schon als Teenager. Ich hatte schon damals Fragile für mein Alter Ego gewählt, und 30 Jahre später hatte ich das als Namen für mein Label und Musikprojekt wieder aufgegriffen. Dieses Bewusstsein habe ich nicht erst mit 48 bekommen. Ich bin in der Zeit, als Aids in der Welt auftauchte, gerade sexuell aktiv geworden. Sich von der  Todangst nicht unterkriegen zu lassen, das ist in meiner Arbeit zentraler Punkt. Man kann die Gegenwärtigkeit der Vergänglichkeit ausdrücken, das heißt aber nicht, dass man depressiv ist.

Musik geht über das Ohr, sie ist der direkteste Zugang zum Inneren. In der Ausstellung sieht man die Tendenz in Ihrem Werk, mehr Inneres zu zeigen, mehr Details, bis hin zu chemischen Prozessen. Sind Sie auf dem Rückzug vor der Welt?

In der Tat, Musik ist der direkteste Weg ins Hirn, auch das hat mich in den letzten zwei Jahren dazu bewegt, Musik wieder ernster zu nehmen. Und diesen Willen von mir zum direkteren Sprechen mit Worten wieder Raum zu geben. Das ist ein tiefes künstlerisches Bedürfnis, kein Nebenprojekt. Auf dem Rückzug fühle ich mich nicht.

Meinen Sie die Plakate zur Anti-Brexit-Kampagne, die Sie mitverfasst haben? „No Man Is An Island. No Country For Itself“, auf dem T-Shirt des Bond-Darstellers Daniel Craig?

Nein, ich sprach jetzt nur von Musik. Weil die auch sehr geleitet ist von Worten. Man muss sich klar werden, was man sagen will, und dafür eine musikalische Form finden.  Dass die Musik in meinem Schaffen zeitgleich eine neue Form gefunden hat in dem Moment, als ich politische Wahlkampfworte gefunden habe in der Pro-EU, Anti-Brexit-Kampagne, das ist wahrscheinlich kein Zufall.

Ihre analoge Fotografie hat die digitale Alltagsfotografie ein Stück weit vorweggenommen. Die Hinwendung zum Digitalen wirde deutlich in der Ausstellung. Ist das ein Prozess hin zu mehr Kontrolle, die Zufall und Beifang reduziert?

Ich habe die Umstellung auf digitale Fotografie empfunden, als würde ich eine neue Sprache lernen, ab 2009, also spät. Vorher habe ich gesagt: Ich brauche nur Kleinbildfilm, weil nur der genau die Detailreiche abbildet, die auch mein Auge sehen kann. Und nun fand ich 2009 eine Kamera, die so viel schärfer sieht als ein Auge, aber so leicht war, dass ich sie benutzen konnte wie meine Kleinbildkamera. In der Ausstellung gibt es jetzt Bilder, die nicht möglich gewesen wären vor zehn Jahren. Bilder vom Nachthimmel aus dem Flugzeug, vom Sunset Boulevard, gestochen scharf, ohne Blitz und aus dem fahrenden Auto. Ich stehe davor und denke, das ist ein neues Zeitalter von Bildermachen.

Also doch mehr Möglichkeiten des Zufalls, nicht nur der Kontrolle? Darf ich Ihnen nahelegen, dass sich diese technologischen Verschiebungen im Nachtleben spiegeln: mehr Kontrolle, weniger Zufall...

Hm, bereits im Berliner Club Ostgut vor über zehn Jahren, im Vorgänger des Berghains, wurden die Telefone abgeklebt, damit nicht fotografiert wird. Aber was ich dazu sagen wollte: Ich betrachte mich weiterhin als analoger Fotograf. Obwohl ich digital fotografiere. Denn ich mache nichts in der Postproduktion, das man in der Dunkelkammer nicht auch hätte machen können. Ich verschiebe keine Pixel und radiere nichts aus. Ich benutze nur die Regler Kontrast und Helligkeit. Die Kontrolle: ja, gut. Das Verschwinden der unkontrollierten, aber dennoch sicheren Räume, klar, das ist für mich ein großes Thema. Wo London in vielem ein Vorreiter war, was Clubkultur angeht, ist die Stadt auch ein Vorreiter im schlechten Sinne, dass es kein unbeschwertes Nachtleben in der Innenstadt mehr gibt. Man ist umringt von Sicherheitsleuten, Clubs werden geschlossen, die Nachbarn beschweren sich in ehemaligen Bohemeviertel über leichteste Lärmbelästigungen.

Das kommt uns in Berlin jetzt nicht ganz unbekannt vor...

Das ist eine Tendenz, die in London aber bereits komplett durchgezogen ist, auch New York. Das besorgt mich sehr, dass Berlin auch gerade dabei ist, dieses besondere Qualitätsmerkmal zu verlieren. Wenn man bedenkt, dass ein Laden wie der Kit Kat in der Heinrich-Heine-Straße, der mit soviel Liebe gemacht ist, mit soviel Respekt für die Menschen, dass das unter Umständen vor dem Aus ist, wegen Immobilienentwicklung, das wäre sehr traurig. Berlin hat sich wahnsinnig verändert in den letzten Jahren, nicht nur zum Schlechten. Und man darf nicht vergessen, dass sich andere Städte noch viel stärker verändert haben. Insofern ist dieser Freiraumsvorsprung, den Berlin hat, immer noch gleich. Aber er muss verteidigt werden.

Wenn wir schon bei Veränderungen sind: Chris Dercon, der Kurator, mit dem Sie die Ausstellung in London gemacht haben, übernimmt im Herbst die Volksbühne und gilt vielen in Berlin als neoliberaler Kunst-Gentrifizierer. Wie sehen Sie den Streit um die Volksbühne?

Das ist der schlimmste Teil dieser Auseinandersetzung. Ohne zu schauen, was er gemacht hat bisher, ihn als Jet-Set-Kapitalisten abzuurteilen, nur weil er aus London kommt; das ist eine sehr merkwürdige, geradezu ausländerfeindliche Argumentation. Ich hatte  in dem Zusammenhang mal das Wort „protofaschistisch“ benutzt.

Verstehen Sie die Angst vor Veränderung im Theater?

Chris Dercon ist der Letzte, den man als neoliberal bezeichnen könnten. Dass da mit solchen Begriffen Kampagne gemacht wurde, hat mich schockiert. Auf der anderen Seite finde ich: Die Volksbühne ist ein Sprechtheater und ich will nicht, dass das verschwindet. Ich bin kein riesiger Theatermensch, habe aber irrsinnige Pollesch-Stücke gesehen und möchte das gern weiterhin tun. Ich glaube, dass Dercon unterschätzt wird. Meine Ausstellung in London ist unsere erste Zusammenarbeit. Und ich habe ihn als extrem wissenden, extrem genauen Kurator erlebt. Und das ist wirklich ein anderer Chris Dercon, als wie er in der Öffentlichkeit  wahrgenommen wird.

Das Gespräch führte Tobi Müller.