Flauschiges gegen den Krieg

Der Rat, sich warm anzuziehen, ist nicht mehr nur eine Metapher. Also Augen auf beim Wolldeckenkauf. Eine Warenkunde.

Textilfasern, möglicherweise synthetisch
Textilfasern, möglicherweise synthetischimago

Aus Sorge, an langen Winterabenden zu frieren, habe ich mich vorsorglich dem Manufactum-Katalog anvertraut. Der liebevolle Ton, in dem dort das Sortiment an Wolldecken ausgebreitet wird, hat bereits etwas Wärmendes. Also wurden mir Produkte des Herstellers Lochcarron nähergebracht, der schottischen Stoff aus britischer Wolle feilbietet. Für die Decke, heißt es, werde ein Gemisch aus feiner Bluefaced-Leicester-Wolle und strapazierfähiger Masham verwendet, das zu einem schmiegsamen und für britische Wolle ungewöhnlich weichen Gewebe verarbeitet wird. Eigentlich verwende Lochcarron das Schurwollgemisch sowie den Tartan ausschließlich für Schals. Manufactum-Kunden können die feine Decke also exklusiv erwerben.

Ganz ohne umweltpolitische Unterweisung mag der Versandhändler seine Kundschaft nicht entlassen. Zwar gebe es auf dem Markt zahlreiche billige Decken, die natürlichen klimatisierenden Eigenschaften und die Haltbarkeit einer Naturfaser aber seien unnachahmlich. „Synthetisches Material kann da nicht mithalten.“

Innerweltliche Askese

Ich habe mich unterdessen gefragt, warum Manufactum immer noch einen derart erzieherischen Ton anschlägt. Die Kundschaft, die hier vorbeischaut, setzt ausdrücklich auf Naturstoffe und ist ein robustes Verhältnis von Preis und Leistung gewöhnt. Nirgends scheint die Versuchung stärker verpönt, nach billiger Fabrikware zu greifen. Die guten Dinge, Sie wissen schon.

Soziologische Erklärungen kämen vermutlich an einer protestantischen Ethik nicht vorbei. Max Weber zufolge ist innerweltliche Askese ein konstitutiver Bestandteil des modernen kapitalistischen Geistes, den Manufactum ästhetisch beschwört. Jedes einzelne Produkt scheint auf Zweckmäßigkeit ausgerichtet, und die Schönheit der Waren, denen man noch anzumerken glaubt, dass sorgsam Hand an sie gelegt wurde, erstrahlt sogleich als demonstrativer Schutz gegen jeglichen Verdacht der Verschwendung.

Aber vielleicht wäre der hauchzarte Paternalismus, der vom Manufactum-Katalog mit unerbittlicher Direktheit auf Nützlichkeit verweist, ja doch ein Vorbild für gelingende Politikvermittlung. Der staatsbürgerliche Unwille, von grünen Amtsträgern belehrt zu werden, hat sich zuletzt jedenfalls deutlich an der harschen Ablehnung von Robert Habecks Dusch-Tipps und Winfried Kretschmanns Waschlappen-Rhetorik gezeigt. Jenseits des Schicksals der Gasumlage wird in diesem Herbst viel davon abhängen, ob es gelingt, eine kulturelle Praxis des Verzichts zu etablieren, die so unaufdringlich daherkommt wie ein Warenangebot, das man nicht ablehnen kann.