Wer Wong Kar-wais Film „The Grandmaster“ eine Enttäuschung nennt, ist wohl ein Snob. Der so tut, als bekäme man alle Tage etwas Besseres zu sehen als diese fiktionalisierte Biografie des legendären Kung-Fu-Lehrers Ip Man. Aber wann hätte man denn zuletzt ein so schwelgerisches Melodram erlebt wie diese neuerliche Auseinandersetzung mit Wongs Lieblingsthema, den Irrwegen der Liebe und Bestimmung? Wann hat man zuletzt ein so klares Ringen um Präzision in der Darstellung chinesischer Kampfkunst bewundert – ein Montagekunstwerk, das jedes Filmbild in eine höhere Komposition stellt, ein hypnotisches Ballett der Gesten und Blicke?

Nun, es ist wirklich lange her, dass es etwas Vergleichbares im chinesischen Kampfkunstkino gab. Bestimmt waren das nicht die prächtigen, aber blutleeren Arbeiten von Zhang Yimou („House of Flying Daggers“) und gewiss nicht die späten Werke von John Woo oder Tsui Hark. Dreizehn Jahre ist es her, dass Ang Lee mit „Tiger and Dragon“ die Schönheiten des sogenannten Wuxia-Kinos für ein westliches Publikum öffnete. Und auch das war schon „retro“: nämlich eine Verbeugung vor dem, was Tsui Hark im Hongkong der 1980er- und -90er- Jahre geschaffen hatte. Denn dieser Meister hob mit Filmen wie „A Chinese Ghost Story“ das Genre aus flachen Pappkulissen in himmlische Höhen, und er tat das so schwerelos wie die an Seilen agierenden Schwertkämpfer. Nach der Rückgabe der früheren britischen Kronkolonie Hongkong an China haben sich zwar viele große Regisseure im Wuxia-Genre versucht, doch sie übertrafen ihre Vorgänger kaum je an Erfindungsgabe.

Wie überlange Trailer

Anders herum gefragt: Wann gab es zuletzt einen besseren Wong-Kar-wai-Film als „The Grandmaster“? Das ist immerhin neun Jahre her, damals kam das Science-Fiction-Rätsel „2046“ in die Kinos. Da könnte man sich also freuen über seinen „Grandmaster“, keine Frage. Aber enttäuscht ist man auch. Vor zehn Jahren gab Wong dieses Projekt bekannt; längst sind ihm Trittbrettfahrer mit eigenen Ip-Man-Filmen zuvorgekommen. Vier Jahre zogen sich die Dreharbeiten hin. Nun gibt es für jeden großartigen Moment in diesem fraglos kunstvollen Film auch einen der Frustration.

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Ip Man war der legendäre Lehrer von Bruce Lee. Dass dieser Figur in einer ersten Handlungsebene nun eine unerfüllte Liebe zu einer betörenden Kämpferin (Zhang Ziyi) angedichtet wird, wirkt manieriert. In einer zweiten Ebene erinnern sich Ip Man (Tony Leung Chiu-wai) und seine Zeitgenossen im Hongkong der 1960er-Jahre an die große chinesische Kampfkunstvergangenheit. Diese Ebene legt sich als Element zusätzlicher Überhöhung über die erste – und bietet Gelegenheit, Wong Kar-wais Filmsprache wie einen Signaturstempel anzusetzen. Dabei würde man doch lieber beide Ebenen als einzelne Filme erleben! So aber wirken sie eher wie überlange Trailer zu Filmen, die es leider nicht gibt. Und selbst die technisch meisterhaften Kampfkunst-Szenen, choreografiert vom Altmeister Yuen Woo-Ping, frustrieren mitunter, denn Wong schneidet sie so schnell, dass der Fluss der Bewegungen leidet. Neidlos verbeugt sich Wong darin gleichwohl vor den frühen Meistern seiner Zunft, besonders vor dem heute kaum noch bekannten Chu Yuan („Das Todesduell der Tigerkralle“). Der visuelle Überschuss in Chu Yuans Filmen, etwa der liebevolle Einsatz von künstlichem Schnee, beeinflusste Wongs Filmsprache sichtlich.

Zwei konkurrierende Fassungen

In „The Grandmaster“ ist Wongs liebstes Stilmittel, die Zeitlupe, nun fast sein einziges Stilmittel. Doch sie verlängert lediglich und wiederholt; sie vertieft aber nicht den Blick in die Zeit, wie es in Wongs früheren Werken war. Zu denen zählt auch „Ashes of Time“(1994), sein einziger eigener Beitrag zum Martial-Arts-Kino, den er später leider umschnitt und seinem inzwischen gewandelten Geschmack anpasste. „Ashes of Time“ ging als monumentaler Flop in die Geschichte des erfolgsverwöhnten Hongkong-Kinos ein. Erst mit „The Grandmaster“ erlebte Wong Kar-wai seinen ersten großen Kinohit im eigenen Land. Schon wieder aber irritiert der Regisseur mit zwei konkurrierenden Fassungen des Films. Der in den deutschen Kinos gezeigten Version fehlt der lyrische Schluss, eine Tempel-Szene. „Sie zeigt, wie das Licht weitergegeben wird“, erklärt Wong im Gespräch, „wir reden darüber, wie man die Flamme weitergibt. Das habe ich in einem 700 Jahre alten Tempel gedreht, aber ich glaube, das wird im Westen nicht verstanden.“

Man hätte die Szene sehr wohl verstanden, schließlich ist das Licht auch im Christentum ein zentrales Symbol. Und selbst wenn man sie nicht verstanden hätte: Waren nicht gerade die unaufgelösten Rätsel das Schönste an Wongs Filmen? Nun endet „The Grandmaster“ in einem Optimismus à la „Es lebe Kung-Fu“, der zu keinem Zeitpunkt im melancholischen Ton des Films gründet. Sein Grundklang ist bis dahin die Trauer um eine verlorene Kultur. Dass es zudem eine Kino-Kultur ist, die mit dem alten Hongkong und seinem Kung-Fu-Kult für immer unterging, bestätigt leider auch „The Grandmaster“. Der Zauber der alten Kung-Fu-Filme lag in ihrer Unschuld. Wenn sich dabei auch die Kunst einstellte, dann kam sie als herrlicher Nebeneffekt. Hier wird das Pferd von hinten aufgezäumt.

The Grandmaster, China/Hongkong 2012/13. Buch/Regie: Wong Kar-wai, Kamera: Phillippe Le Sourd, Darsteller: Tony Leung Chiu Wai, Zhang Ziyi, Chang Chen u. a.; 123 Minuten, Farbe. FSK ab 12.