Wer Wong Kar-wais Film „The Grandmaster“ eine Enttäuschung nennt, ist wohl ein Snob. Der so tut, als bekäme man alle Tage etwas Besseres zu sehen als diese fiktionalisierte Biografie des legendären Kung-Fu-Lehrers Ip Man. Aber wann hätte man denn zuletzt ein so schwelgerisches Melodram erlebt wie diese neuerliche Auseinandersetzung mit Wongs Lieblingsthema, den Irrwegen der Liebe und Bestimmung? Wann hat man zuletzt ein so klares Ringen um Präzision in der Darstellung chinesischer Kampfkunst bewundert – ein Montagekunstwerk, das jedes Filmbild in eine höhere Komposition stellt, ein hypnotisches Ballett der Gesten und Blicke?

Nun, es ist wirklich lange her, dass es etwas Vergleichbares im chinesischen Kampfkunstkino gab. Bestimmt waren das nicht die prächtigen, aber blutleeren Arbeiten von Zhang Yimou („House of Flying Daggers“) und gewiss nicht die späten Werke von John Woo oder Tsui Hark. Dreizehn Jahre ist es her, dass Ang Lee mit „Tiger and Dragon“ die Schönheiten des sogenannten Wuxia-Kinos für ein westliches Publikum öffnete. Und auch das war schon „retro“: nämlich eine Verbeugung vor dem, was Tsui Hark im Hongkong der 1980er- und -90er- Jahre geschaffen hatte. Denn dieser Meister hob mit Filmen wie „A Chinese Ghost Story“ das Genre aus flachen Pappkulissen in himmlische Höhen, und er tat das so schwerelos wie die an Seilen agierenden Schwertkämpfer. Nach der Rückgabe der früheren britischen Kronkolonie Hongkong an China haben sich zwar viele große Regisseure im Wuxia-Genre versucht, doch sie übertrafen ihre Vorgänger kaum je an Erfindungsgabe.

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