Diane Keaton und Woody Allen in Allens Film "Manhattan Murder Mystery" (1993).
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BerlinIst es das? Ist das die Autobiografie von Woody Allen? Des Regisseurs, der in 55 Jahren etwa 66 Filme gedreht und vier Oscars bekommen hat, des Schriftstellers, Comedians und Musikers? Meister des komischen Defätismus, der subversiven Neurotik und herzerweichend nostalgischen Liebe zu Großstädten? „Ganz nebenbei“ umfasst 450 Seiten, die kapitellos heruntergeschrieben wurden, hat kein Register und vor allem: keine Fotos! Selbst das Cover ist schwarz-weiß und bildlos wie eine Bekanntmachung. Und darum handelt es sich bei diesem Buch natürlich auch. 

Eine Plattform für seine Sicht der Dinge 

Denn warum sollte jemand, der Preise ablehnt, wenn man sie öffentlich entgegennehmen muss, über den es schon einige Biografien gibt und der, wie er sagt, mit seinem Alltag ganz zufrieden ist, warum sollte der mit 84 Jahren plötzlich anfangen, der Welt sein Leben in eigenen Worten aufzublättern? Wenn nicht – um eine Plattform für seine Sicht auf bestimmte Dinge zu schaffen: auf den Vorwurf seiner ehemaligen Lebensgefährtin Mia Farrow, er habe die gemeinsame Adoptivtochter Dylan sexuell missbraucht. Der angebliche Vorfall datiert von 1992, Dylan war damals sieben Jahre alt und Woody Allen hatte gerade ein Verhältnis mit der 22-jährigen Studentin Soon-Yo Previn begonnen, die Mia Farrow mit dem Musiker André Previn adoptiert hatte und mit der Allen heute verheiratet ist. Zu einer gerichtlichen Klärung der Beschuldigung kam es nicht, die Behörden und Gutachter sahen den Verdacht der Mutter (die zu der Zeit vier leibliche und fünf adoptierte Kinder hatte) als nicht hinreichend an.

In den Jahren 2013 bis 2016 begannen wechselweise Dylan Farrow selbst, Woody Allen, Allens leiblicher Sohn Ronan Farrow und Allens Adoptivsohn Moses Farrow die Geschichte öffentlich wiederaufzunehmen, wobei Dylan und Ronan gegen Allen Front machten, Moses und Allen indessen Mia Farrow als intrigierende Kraft in diesem Rosenkrieg darstellten. Und im Zuge der MeToo-Debatte kochte der Fall vor zwei Jahren erneut hoch und machte Allen zu einer persona non grata in Hollywood.  Zuletzt sorgte Ronan Farrow noch dafür, dass Allens Buch nicht wie geplant in der Hachette Book Group veröffentlicht wurde, in der er selbst publiziert. Jetzt erschien „Apropos of Nothing“ bei Arcade, einer Tochter des unabhängigen Skyhorse-Verlags. Eine Gruppe von Rowohlt-Autoren hatte Anfang März gefordert, dass Allen auch hierzulande boykottiert werden solle, zumal bei Rowohlt auch Farrows Bücher auf Deutsch erscheinen. Aber vergeblich, die Veröffentlichung wurde sogar noch vorgezogen.

Woody Allen und die Eddy Davis New Orleans Jazz Band 2019 in Madrid
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„Schuldig bei Verdacht“ habe Alan Dershowitz in einem Buch einmal geschrieben, zitiert Allen und holt sich damit ausgerechnet einen Anwalt Donald Trumps zur Seite.  Trotzdem bleibt es wahr, dass ihm keine Verfehlung nachgewiesen werden konnte. Und die Bühne, die dieses Buch darstellt, weiß er zu nutzen. Der flapsig-kehlige Ton, mit dem er sein Leben und Schaffen auf den ersten 250 Seiten skizziert, seine Kindheit als jüdischer Junge in Brooklyn, der von Manhattan träumt, seine Anfänge als Gagschreiber, seine ersten beiden Ehen (mit Harlene Rosen und Louise Lasser), sein Durchbruch als Comedian, sein Weg zum Film, sackt tief in den Brustraum der Diffamierung, wenn es zur Begegnung mit Mia Farrow kommt

Möglich, dass sie noch weitere Kinder adoptierte und wieder zurückgab, ich weiß es nicht genau, ich wohnte ja auf der anderen Parkseite.

Woody Allen

Dass es so viele psychische Krankheiten und Exzesse in ihrer Familie gebe, hätte ihm zu denken geben müssen, schreibt er, die vielen Kinder ebenso. „Möglich, dass sie noch weitere Kinder adoptierte und wieder zurückgab, ich weiß es nicht genau, ich wohnte ja auf der anderen Parkseite.“ Und er betont, wie verantwortungsvoll er sich den Kindern Moses und Dylan gewidmet hätte, während Mia Farrow unberechenbar, übergriffig und sogar gewalttätig, beziehungsweise vernachlässigend gewesen sei. Ja, es wird hier schmutzige Wäsche gewaschen. Und die Liebe zu der 35 Jahre jüngeren Soon-Yi rondohaft beschworen und mit einem Heiligenschein versehen. Als Schriftsteller beschädigt sich Allen mit diesen wie unredigiert wirkenden  Rechtfertigungspassagen und dem Liebeskitsch. Aber er führt auch die Undurchdringlichkeit von Verhältnissen, Absichten und Motiven vor Augen, die Rhizomatik des Begriffes Missbrauch. Ist es wahr, dass er sich von einem Lügendetektor prüfen ließ, Mia Farrow sich aber nicht?

Sobald es wieder um die Filme geht, dreht Allen den Ton sofort hoch und lobt Mia Farrow als Darstellerin genauso rückhaltlos und routiniert wie er alle Darstellerinnen lobt. Genauso routiniert wie er allen Frauen seines Lebens huldigt, denn das ist ja seine Rolle: die des „Schlemihls“, des „nervösen Klugscheißers“, der trotz seiner Hornbrille keineswegs intellektuell ist, die Natur und alles Technische hasst, und von einem bequemen Leben an der Seite einer wunderschönen Frau träumt, die ihm unbegreiflicherweise erlaubt, sie zu verehren.

Nur Knete in den Händen der Frauen? Woody Allen-Figur von Linda Jakobsen.
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Ganz sicher liebt Woody Allen die Frauen. Aber auch zu deren Gewinn? 106 weibliche Hauptrollen habe er geschaffen, aus denen 62 Preisnominierungen resultierten, rechnete ihm seine Pressefrau Leslee Dart einmal zusammen. Aber was sind das für Frauenfiguren? Intellektuelle wie Diane Keaton im „Stadtneurotiker“, Verträumte wie Mia Farrow in „Purple Rose of Cairo“, sexualisierte wie Scarlett Johansson und Penelope Cruz in „Vicky, Cristina, Barcelona“? Ikonen. Die von ihm selbst gespielten Männer hatten indessen innere Konflikte. Dass seine zeitweilige Lebensgefährtin Diane Keaton an Bulimie litt, will er erst aus deren Memoiren erfahren haben. Dafür beschreibt er  genüsslich, welche Unmengen von Essen sie vertilgen konnte.

Das Buch liest sich, als ob eine fleißige Kraft einen Zettelkasten aufbereitet hätte, den Allen launig kommentierte. Etwas hemdsärmelig auch, was aber an der Übersetzung liegen kann, an der gleich vier Personen geschnitzt haben. Immer wieder kommt so ein Ganovengeilheitston durch („die hinreißendsten Miezen im Minirock“), der bei einem Hänfling in Cordhosen und mit Wollpullover natürlich irgendwie lustig ist, aber irgendwie auch wieder nicht. Tausende Namen tropfen, man lernt etwas über die amerikanische Comedygeschichte, etwas über den Jazz, und am Ende blitzt sie noch einmal auf, Allens Kunst des Allzumenschlichen und Ballflachhaltens, wenn er mit den Worten schließt: „Statt in den Köpfen und Herzen der Menschen würde ich lieber in meiner Wohnung weiterleben.“

Woody Allen: Ganz nebenbei. Deutsch von Stefanie Jacobs, Hainer Kober, Andrea O’Brien und Jan Schönherr. Rowohlt, Hamburg 2020, 443 S., 25 Euro