Woody Allen mag zwar schon 80 sein, doch noch immer bringt er in schöner Regelmäßigkeit jedes Jahr einen neuen Film in die Kinos. In diesem Jahr feierte obendrein auch noch seine erste TV-Serie, „Crisis in Six Scenes“, Premiere, die seit dem Herbst auf Amazon Prime verfügbar ist.

Wir befragten die New Yorker Regielegende zu seinem neuen Kinofilm, wobei er sich gut gelaunt wie immer und zusehends schwerhöriger präsentierte. „Café Society“ führt in die 1930er-Jahre: Bobby (Jesse Eisenberg) ist in der New Yorker Bronx aufgewachsen, fühlt sich aber zur Glitzerwelt Hollywoods hingezogen, wo sein Onkel Phil (Steve Carrell) Filmagent ist. Bobby verliebt in Phils Sekretärin Vonnie (Kristen Stewart) – nur ist die einem anderen zugetan. Bald muss Bobby feststellen, dass das Showbusiness in jeder Hinsicht Wahnsinn ist.

Mr. Allen, Ihr neuer Film „Café Society“ spielt – zumindest teilweise – im Hollywood der 1930er-Jahre. Was bedeutet Ihnen diese Ära?

Ich liebe die Filme aus dieser Zeit. Und ich lese gern über sie, darüber, wie es damals in unserer Branche zuging. Ich habe jedoch nie davon geträumt, damals schon gelebt und als Regisseur gearbeitet zu haben. Das wäre das Letzte, was ich wollen würde, denn damals lag alle Kontrolle bei den Studios, nie bei den Filmemachern. Leute wie John Huston oder William Wyler mussten mit ihren Bossen sogar darum kämpfen, wen sie in ihren Filmen besetzen. Ein Wunder, dass ihnen trotzdem so wunderschöne Filme gelungen sind.

Sie dagegen halten bei Ihren Filmen stets alle Fäden in der Hand. Auch keine Selbstverständlichkeit, oder?

Das kann ich mir nur erlauben, weil ich meine Filme nicht von den großen Studios produzieren lasse, sondern selbst die Finanzierung auftreibe. Abgesehen davon arbeite ich günstig; meine Filme kosten nicht die heute sonst üblichen 100 oder gar 200 Millionen US-Dollar. Ich bin eine ganz gute Investition, denn wenn ich Ihr Geld verliere, dann war es wenigstens nicht viel. Und die Chance, dass ich alle Kosten wieder einspiele oder sogar ein wenig Gewinn mache, ist ganz gut.

„Café Society“ ist Ihr erster Film, den Sie digital gedreht haben. Eine große Umstellung?

Nein, für mich als Regisseur war die Erfahrung eigentlich die gleiche wie immer. Außerdem hatte ich mit Vittorio Storaro mal wieder einen fantastischen Kameramann. Insgesamt glaube ich nicht, dass mit dem digitalen Arbeiten große Veränderungen einhergehen. Man muss die Szenen genauso einrichten und ausleuchten wie sonst auch.

Viele Regisseure drehen digital mehr Einstellungen, weil man anders als bei Film kein Material sparen muss...

Ich habe noch nie gern viele Einstellungen gedreht. Ich habe gewiss eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung – mir fehlt die Geduld. Nicht nur hinter der Kamera, sondern auch sonst. Beim Abendessen kann ich auch nicht lange sitzen, und auf langen Flügen werde ich immer ungeduldig.

Führt das denn nie zu Schwierigkeiten mit Schauspielern, die ihre Szenen endlos wiederholen wollen?

Mit meinen Schauspielern klappt das bestens. Es gab nur einmal einen Kameramann, mit dem es zu Problemen kam. Haskell Wexler, der ein großartiger Kameramann war, wollte bei „Hollywood Ending“ ständig neue Sachen ausprobieren. Immer noch einen neuen Blickwinkel, und noch mal anderes Licht. Das machte mich wahnsinnig. Nach einer Woche war klar, dass es mit uns beiden nicht klappt. Ich engagierte einen anderen Kameramann.

Für „Café Society“ haben Sie sich zum zweiten Mal mit dem Schauspieler Jesse Eisenberg zusammengetan. Ist er nun Ihr Alter Ego?

Sagen wir es mal so: Er spielt in meinen Filmen die Rollen, die ich früher selbst übernommen hätte. Hätte ich „Café Society“ in den 1970ern gedreht, würden Sie mich da auf der Leinwand sehen. Allerdings ist es so herum sicher besser, denn Jesse ist ein echter Schauspieler. Ich dagegen war bloß ein Komiker. Vermutlich hätte ich für ein paar mehr Lacher gesorgt. Aber interessanter ist die Geschichte dank ihm!

Die interessanteste Frauenfigur im Film verkörpert Kristen Stewart. Denken Sie sich in weibliche Parts anders ein als in Männerrollen?

Zu Beginn meiner Karriere schrieb ich fast nur Rollen für Männer. Frauen waren mir ein Rätsel, da traute ich mich nicht heran. Bis ich dann meine Beziehung mit Diane Keaton begann und wir zusammenlebten. Sie war so charismatisch und klug, und je mehr ich die Welt durch ihre Augen sah, desto faszinierter war ich. Also fing ich an, für sie zu schreiben und fand zusehends Gefallen daran. Frauen sind komplexer, ja komplizierter. Nicht, dass Männer nicht auch kompliziert sein können. Aber Frauen zeigen das eher, was sie für mich als Filmemacher interessanter macht.

Dass Sie immer wieder, auch nun in „Café Society“, auf die Dynamik „junge Frau – deutlich älterer Mann“ setzen, gefällt nicht jedem.

Das muss es auch nicht. Ich denke darüber allerdings auch gar nicht so viel nach. Für mich ist letztlich jede Beziehung gleich. In diesem Film gibt es eine zwischen Kristen und Jesse Eisenberg, eine zwischen Kristen und Steve Carell und eine zwischen Jesse und Blake Lively. Zwischen denen unterscheide ich nicht groß. Rein theoretisch hätte die Figur von Steve genauso jung sein können wie Jesse und Kristen. Aber die besondere Dynamik der Geschichte entstand nun einmal daraus, dass er der Onkel des Protagonisten ist. Ich sehe eigentlich nicht, warum man sich daran stören sollte.

Interview: Patrick Heidmann