Screenshot aus Thomas Webbs Video-Ausstellung „Exercise in Hopeless Nostalgia“.
Quelle: König Galerie

BerlinWie lässt sich Zukunft denken, in einem Jahr, wo selbst die Gegenwart in ihren Grundfesten bedroht scheint? Und wo so viele Zukunftsvisionen oft hoffnungslos nostalgisch wirken? Die Antwort des Hackers und Medienkünstlers Thomas Webb ist ein Hybrid aus Online-Showroom und Videospiel namens „Exercise in Hopeless Nostalgia“. Sein Leitsatz: ästhetische Über-Affirmation einer Nostalgie, worin Zukünftiges aufblitzt.

Tatsächlich vermischt Webbs Spiel die Zeitebenen: Als Spieler durchläuft man eine zweidimensionale Welt, die die in den 1980er-Jahren oder gar noch früher Geborenen an ikonische PC-Spiele der 90er Jahre wie „Fallout“ oder „Anno 1602“ erinnern mögen. Zugleich ist man aber auch Teil einer kruden Dystopie, wo vermeintliche Nebensächlichkeiten – wie das eigene Instagram-Handle und der korrespondierende Follower-Count – einem ständig über dem Kopf schweben wie ein universeller Kontostand an symbolischem Kapital.

Und in der man, als beispielhafte Animation eines neuen Menschentyps, Kategorien wie Hautfarbe, Geschlecht, Outfit und Sexualität völlig frei wählen kann. Jedoch nur im Rahmen einer KI-gesteuerten Matrix, die den Spielverlauf anhand eines Myers-Briggs-ähnlichen Typindikators durchanalysiert und damit Rückschlüsse über den Spieler zieht. So wird das „World Wide Webb“ mit individuell angepassten Avataren bestückt, mit denen man sich etwa über Kunst, Psyche oder Politik unterhalten kann.

Webb, der mit seinem quirligen Hacker-Habitus und seinen buntgefärbten Haaren ein bisschen an Christopher Wylie erinnert (der Ex-Cambridge-Analytica-Mitarbeiter und Whistleblower), erzählt vom Launch des Spiels, von der ersten Woche, als fast 50.000 Menschen die virtuelle Welt betraten. „Sie verbrachten Stunden dort!“, erinnert er sich. „Viel mehr Zeit als Besucher in einem normalen Museum.“ Liegt in Webbs nerdiger KI-Dystopie also nicht auch etwas Utopisches? Ist es nicht auch ein Vorblick auf eine andere Kunst-Rezeption – die einer post-pandemischen Zukunft? Wo ein Opening nicht mehr notwendigerweise ortsgebunden ist, sondern sich ins Virtuelle verlegt – nicht als zoomhaftes „Abbild“ einer Eröffnung, sondern als deren neuartige Form?

Webbs Kunstwerke untergraben die Logik der sozialen Medien

Die König Galerie, die in Webbs Welt realitätsgetreu nachgebildet wurde, kann man hier jedenfalls als Avatar betreten und sich darin mit der Kuratorin, der Medienkunstexpertin Anika Meier, und dem Galeristen Johann König unterhalten. Manche von Webbs „Arbeiten“ korrespondieren mit seinen materiellen Kunstwerken. Etwa „Depressed Twitter“ (2018): Ein System, das in Echtzeit von Usern in den Äther gesendete Tweets zum Thema Depression abbildet. Webb untergräbt damit subtil die Logik des Mediums – immerhin lebt Twitter ja ansonsten vor allem von selbstgerechten, meist politisch motivierten Sprechakten abseits jedes Anflugs von Verletzlichkeit oder Fragilität. 

Dieselbe Arbeit hat der Künstler in der „echten“ Welt auf einem gemäldeartig an der Wand hängenden Flatscreen umgesetzt. Andere Werke wiederum sind rein virtuelle Gedankenspiele, etwa: „Clap for Health Care Workers“ (2020): eine Art digitaler Mimesis an das Corona-Lockdown-Ritual des solidarischen Klatschens. Hier klatscht man sich per Mausklick durch ein Zimmer voller Krakenbetten. Die Klicks werden zwar auf einer Tafel im virutellen Galerieraum gezählt und durchrangiert, im Spiel selbst verschaffen sie einem aber keinen Vorteil.

Screenshot aus Thomas Webbs „Exercise in Hopeless Nostalgia“: Die Antwort des Berghain-Türstehers ist immer dieselbe.
Quelle König Galerie

Das Berghain darf in Webbs nostalgischer Zukunftswelt selbstverständlich nicht fehlen. „Beim Opening standen dort immer 20 bis 30 Leute in der Schlange“, erzählt Anika Meier. Die hätten sich vor allem darüber unterhalten, ob der Türsteher sie wohl reinlasse. „Not tonight“, lautet die von Webb vorprogrammierte Antwort. Es sei schier unglaublich gewesen, wie viele Leute ihre Avatare wechselten, um doch irgendwie reinzukommen, sagt Webb, mit leuchtenden Augen. Eben ein bisschen wie eine Anleihe ans echte Leben.

„Exercise in Hopeless Nostalgia“, König Galerie, online zu besichtigen unter https://webb.game/, bis 14. August 2021