Berlin - Und noch etwas Erfreuliches zum Schluss. So langsam scheinen sich die Zwangspausen in diesem Corona-Jahr, in denen die Theater sich so hart wie nie mit der Frage ihrer eigentlichen ästhetischen Essenz konfrontiert sahen, in etwas wirklich Produktives zu verwandeln. In die Ausbildung einer Art vierten Kunstdimension. Einer Hybridkunst, in der sich souveränes Livespiel auf der Bühne mit vorproduzierten Kunstfilmwelten im Überblendungsirgendwo vereint, das zugleich auf einer halb realen Rauminstallation fußt, die zwischen dem Ort des Spiels und dem heimischen PC eine suggestive Brücke schlägt. Ja, auch Theater kann offenkundig streamtauglich sein und dabei doch fast klassisches Theater bleiben. Dem iranischen Regisseur Amir Reza Koohestani ist das mit seiner Büchner-Bearbeitung „Woyzeck Interrupted“ am Samstagabend im DT erstaunlich gelungen.

Nur zwei Personen sind übrig geblieben von Büchners spätromantisch-frührealistischem Dramentorso, der den realen Mord des Friseurs Johann Christian Woyzeck an seiner Geliebten zu einer psychosozialen Sektion des vormärzlichen Zeitgeistes macht. Koohestani und seine Co-Autorin Mahin Sadri konzentrieren sich ganz auf das Paar, auf Woyzeck und Marie. Zwei moderne, junge Menschen in einer stylischen Drei-Zimmer-Wohnzeile im Hochhaus über der Stadt (Bühne Mitra Nadjmabadi), die sich beruflich begegneten – beide arbeiten im Theater – sich in eine schnelle, intensive Affäre stürzten und durch eine ungewollte Schwangerschaft nun in einer fatalen Bindung hängen, denn Marie will raus. So schlagen die gegensätzlichen Schwerkräfte aus Selbstbestimmung und Pflicht an der Gemeinschaft auch hier wieder zu, fast wie zu Büchners Zeiten, nur geschmeidiger und diskursiv up to date.

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