Berlins Frühling ist mit Literaturfestivals gut versorgt: Mitte April gingen die Deutsch-Israelischen Literaturtage zu Ende, im Mai erwartet das Poesiefestival Gäste aus aller Welt. Vom 26. bis 28. April nun startet eine weiteres, neues: Unter dem Titel „Writing in Migration. African Book Festival Berlin“ stellen sich im Babylon über 30 afrikanische Schriftsteller und Schriftstellerinnen vor. Organisiert von der Literaturagentur InterKontinental, gefördert von der Kulturstiftung des Bundes und künstlerisch gestaltet von der deutsch-nigerianischen Autorin Olumide Popoola.

Für ihre Lyrik unter anderem mit dem May Ayim Award für Schwarze Literatur in Deutschland geehrt, veröffentlichte Popoola Kurzgeschichten, ein Theaterstück, Essays und den Roman „When We Speak of Nothing“. Sie bewegt sich in und zwischen mehreren Ländern, Sprachen und Kulturen, verschiedenen Genres und literarischen Formaten. Das Festivalthema „Writing in Migration“ passt zu ihr, findet sie, vor allem wenn man es nicht nur klassisch als Aus- oder Einwanderung begreift, sondern allgemeiner als Bewegung.

Sie hat Schreibende aus Nigeria, Uganda, Kenia, Simbabwe oder Südafrika eingeladen, aber auch aus Deutschland, den USA oder Schweden: Afrikanisch bedeutet auf dem Festival nicht unbedingt Nationalität oder Wohnort. Das Wort bezeichnet auch Autoren, die in Afrika geboren wurden oder Familie haben, aber woanders leben: Popoola, die in London wohnt, erklärt das so: „Auf Englisch würde ich sagen ,African Diaspora’ – Leute wie ich, die verschiedene Hintergründe haben oder Leute, die weggegangen oder zweite Generation sind.“

Bühnenshow, Kurzgeschichten, Essays und Gedichte

Auf dem Festival wird in verschiedenen Runden diskutiert, wie sich erzwungene oder freiwillige Ortswechsel auf das Schreiben auswirken. Das Thema „Flüchtlinge“ ist kein ausdrücklicher Programmpunkt, „aber es wird mit Sicherheit aufkommen, vor allem bei den Autoren, die auch in Europa wohnen, wo einfach alle damit konfrontiert sind.“ Allerdings ist es der Kuratorin Popoola wichtig, dass die Literatur ihrer Gäste im Mittelpunkt steht. „Ich möchte, dass sie über ihr Handwerk reden können: Wie schreiben sie? Was verändert ein Ortswechsel? Vielleicht politisch, auf einer allgemeinen Ebene. Aber auch: Was ändert er daran, wie man mit Sprache umgeht, mit dem Publikum.“

Sie möchte vermeiden, dass die Gäste nur über Afrika und Politik ausgefragt werden: „Ich würde mich freuen, wenn viele aktuelle Themen zur Sprache kommen, auf jeden Fall. Aber ich kenne das selbst, dass man als afrikanische Autorin nur über Tagesthemen reden muss. Ich will, dass meine Gäste über ihre Werke reden.“

Zu besprechen gibt es genug. Mit Chris Abani ist zum Beispiel ein international gefeierter Schriftsteller zu Gast, der wegen seiner Regierungskritik in Nigeria zum Tode verurteilt wurde und in den USA Exil gefunden hat. Linda Gabriel aus Simbabwe bringt in ihrer poetischen Arbeit Themen wie Sexarbeit und Aids auf die Bühne. Die nigerianisch-finnisch-schwedische Schriftstellerin Minna Salama gründete den feministischen Blog MsAfropolitain, schreibt für die Deutsche Welle, Al Jazeera oder den Guardian Nigeria. Die bevorzugten Formate reichen von der interaktiven Bühnenshow über Kurzgeschichten, Essays und Gedichte bis zum Roman.

Hierzulande überwiegen stereotype Bilder von Afrika

Die Schriftsteller präsentieren ihre Arbeit in Einzelgesprächen und treffen sich in Diskussionsrunden, in denen es um Migration und Bewegung, um das Verhältnis zu afrikanischen Traditionen, um die Verarbeitung von Traumata, um Poesie und Spoken Word oder um Weiblichkeit und Feminismus geht. Von den 37 Autoren, Poeten, Performern sind 22 weiblich. Viele von ihnen kommen aus Nigeria und Nachbarländern, also Westafrika, wo Popoola sich am besten auskennt. Das erklärt den englischsprachigen Schwerpunkt des Festivals. „Es gibt natürlich auch deutschsprachige Schriftsteller, die afrikanische Literatur schreiben – einen haben wir ja auch dabei, Michael Götting. Außerdem ist dieses Festival ja das erste von hoffentlich vielen, jedes wird eine andere künstlerische Leitung und einen anderen Schwerpunkt haben.“ Nicht alle Panels werden simultan ins Deutsche übersetzt. Das ist schade, findet auch das Festivalteam, wird aber, so gut es geht, von der Moderation ausgeglichen. Bei afrikanischer Literatur ist Sprache immer ein wichtiges Thema. Denn meist wurde und wird sie nicht in einer eigenen, lokalen, sondern einer der großen ehemaligen Kolonialmächte, auf Englisch, Portugiesisch oder Französisch geschrieben. Auch was das bedeutet, wird auf dem Festival diskutiert.

Afrika ist ein riesiger Kontinent mit 54 Nationen und über 2000 Sprachen, dennoch überwiegen hierzulande oft stereotype Bilder: Touristisches Traumziel oder Hort des Elends, je nachdem. Das Festival bietet die Gelegenheit, Menschen und Texte kennenzulernen, die einen ganz anderen Zugang ermöglichen. Olumide Popoola wünscht sich jedenfalls, „dass ganz viele Leute kommen und offen und neugierig sind … Berliner haben ja ein bisschen Berliner Schnauze, aber es wäre schön, wenn sie die Autoren sehr warm willkommen heißen.“