Der britische Musiker Kamaal Williams.
Foto: Glauco Canalis

Alles an „Wu Hen“, dem zweiten Studioalbum von Kamaal Williams, schreit „Neues Britisches Jazzwunder“: Der spirituelle Ton, die Einflüsse aus der UK-Bassmusik, die Ahnenlinie zur Siebziger Funkfusion. Alles – nur nicht der Künstler selbst. „Diese Londoner Jazzszene hat nichts mit mir zu tun,“ sagt der 32-Jährige Keyboarder und Produzent im Interview leicht genervt. „Ich kenne die ganzen Leute auch gar nicht. Ich mag Jazz, mein Vater hat mir die Klassiker vorgespielt. Aber ich komme aus einer ganz anderen Ecke, nämlich der elektronischen“.

Tatsächlich veröffentlicht Williams schon seit den frühen Zehnerjahren als Henry Wu Clubmusik. Den Jazz, sagt er, habe er sich vor allem aus frühen HipHop-Samples und Acid-Jazz-Bands erarbeitet. In den Club-Produktionen hört man das als jazziges Flair von stimmungsvollen Keyboardschüben und komplexen Drumbeats, die insgesamt den Kern seiner Ästhetik bestimmen. „Angefangen habe ich als Drummer. Aber es gab einfach so viele bessere Leute in London“, erzählt er über seine Zeit am College, wo er Musikproduktion studierte. „Deshalb habe ich mich dort auf die Keyboards konzentriert. Ich habe gemerkt, dass man sie im Grunde wie Percussion spielen kann, nur mit Melodie.“

Das Album „Wu Hen“ ist abwechlungsreich und atmosphärisch

Die Vorliebe fürs Rhythmische führte ihn zu verschiedenen Musikduos, zuletzt mit Schlagzeuger Yussef Dayes und dem Album „Black Focus“ von 2016. Jene Produktion gab bereits einen Vorgeschmack auf die Jazzfusion, die Williams vor zwei Jahren mit „The Return“ erstmals als Solist vorstellte und nun mit „Wu Hen“ perfektioniert hat: abwechslungsreich, atmosphärisch, breit gestreut.

Interessanterweise gelang ihm dies mit einer Band, die er auf seiner letzten US-Tour kennengelernt hat. Sie reichern seine eher stolpernden britischen Beats mit einer gradlinigeren, amerikanischen Funkyness und Saxofonlinien aus dem kosmischen Jazz der Siebziger an. „Ich wollte hier ultimativ alles zeigen, was mich ausmacht“, sagt er. „Den Groove, den Jazz, die Broken Beats und auch Song-Stimmen, für die ich sogar den Text geschrieben habe.“

Dieser Anspruch steckt schon im Albumnamen. Henry Williams wurde er getauft, Wu – „Himmelstor“ – nannte ihn die taiwanische Großmutter. Den Kamaal nahm er an, als er in einer kleinen Krise 2011 zum Islam konvertierte.

Gleich ob er nun wie in „1989“ die Herbie Hancock- Fusionaspekte betont oder in „Pigalle“ an den Souljazz Roy Ayers erinnert, ob er in „Mr. Wu“ auf nervöse Breakbeats baut oder mit dem Gesang Lauren Faiths in „Hold On“ einen karg fingerschnipsenden Neo-Soul spielt – stets spürt man eine spirituelle Note, die über historische Zitate hinausweist. Auf den Punkt bringt er sie in „Early Prayer“, das mit Slang-Einleitung und zärtlichem Saxofonschweifen seinen Londoner Mikrokosmos in einem universellen Ambient Horizont auflöst. „Ich versuche, an jenen nicht fassbaren Punkt zu kommen, an dem du vergisst, dass du spielst, wo nur deine persönliche Essenz erklingt.“

Kamaal Williams - Wu Hen (Black Focus/ Rough Trade) erscheint am 24. Juli