„Wüstungen“ von Anne Heinlein und Göran Gnaudschun im Haus am Kleistpark Berlin: Freies Schussfeld

Das feuchte Gras gleicht dem zottig-nassen, undurchdringlich verfilzten Fell von Schafen oder Hirtenhunden. Die vor dem weiß-gräulichen Himmel gleichsam grafisch wahrnehmbaren Äste und Zweige der niedrigen Bäume versperren trotz ihrer Kahlheit die Sicht über die winterliche Landschaft von Bardowiek im Landkreis Nordwestmecklenburg.

Das Dorf, das sich einst hier befand, 1292 erstmals urkundlich erwähnt, wurde seit 1977  gewüstet, bis 1988 war es gänzlich verschwunden. Die Diktatur des Proletariats brauchte an ihrem Grenzverlauf zum deutschen Westen freies Schussfeld. Ortschaften störten,  die Bewohner wurden umgesiedelt. Zurück blieb Niemandsland, so wie auch „Sophienhöhe“, einst ein schönes Sanatorium für Tuberkulose-Kranke mit rotem Ziegeldach, Schau-ins-Land-Mansarden, Erkern. Die Hügel zwischen Frankenheim in der Rhön, Thüringen, und dem hessischen Hilders, waren abgeholzt, von Stacheldrahtzäunen durchzogen, da und dort  Schneereste. Keine Menschenseele. Innerdeutsches Grenzgebiet. Unwirtlicher Ort.

Was das Potsdamer Fotografenpaar Anne Heinlein und Göran Gnaudschun ab 2008 an solchen Nichtorten noch vorfand, waren stumm-beredte  Natur und  ein  weiter Horizont. Um zu erinnern – und um  zu verstehen, wie es zu diesen „Wüstungen“, von denen manchmal bloß das einsame Ortsschild blieb, kam –  sind die beiden einstigen Tim Rautert-Schüler an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig auf Spurensuche gegangen. Ihr Navigationssystem im Auto hat sie bisweilen völlig verlassen. Vorheriges Kartenstudium wäre sicherer gewesen.

Wald, Weiher, Sumpf

Anne Heinlein  reiste mit der analogen Platten-Kamera für ihre herb-poetischen, bisweilen fast gespenstischen Schwarz-Weiß-Motive: Wald, Weiher, Sumpf. Göran Gnaudschun übernahm die Recherchen zeithistorischer Hintergründe, suchte einstige Bewohner der Siedlungen auf, die erst meinten, alles weggeschmissen zu haben von der alten Heimat, weil sie „es nicht mehr ertragen“ hatten – das Leben mit den  Erinnerungen. Dann fand sich doch noch das eine oder andere Foto: Familie,  Konfirmation, spielende Kinder, Dorfleute beim Fest.

Gnautschun suchte ebenso nach den Spuren verschwundener Grenzorte in Archiven von Staatssicherheit, DDR-Grenztruppen und Bundesgrenzschutz und in Museen. Er fand geschwärzte Texte, fleckige Luftaufnahmen mit hineingekritzelten Markierungen. Diese Funde, die Fotos aus privaten Fotoalben einstiger Bewohner und die Landschaftsbilder seiner Frau kommentiert er mit eigenen poetischen Texten: „Wenn die Wege nicht mehr da sind“, resümiert der Fotograf, „ist das Dorf endgültig verschwunden. Es sind die Wege, nicht die Behausungen, die sich durch die Zeiten ziehen, die von Kartenwerk zu Kartenwerk sichtbar bleiben und oft einen eigenwilligen, heute unverständlichen Verlauf nehmen.“

Heinlein und Gnaudschun, beide Jahrgang 1977, beide Potsdamer, also selbst aufgewachsen nahe der Grenze zu West-Berlin, interviewten Zeitzeugen, die an den geschleiften Orten lebten und oft gewaltsam umgesiedelt wurden, sie suchten in deren privaten Fotoalben nach dem, was nicht vergessen werden darf: Heimat, Wiesen, Wälder, Landschaftsecken, Felder. Und wie auf einer leeren Bühne: Häuser, Gärten, Straßen, Höfe – nun als Imagination. Da ist diese abgefackelte Mühle im Thüringischen, die dem DDR-Grenzschutz im Wege stand. Heißer Abriss im Namen des Sozialismus.

Reflexionsraum über Verlust und Resignation

Scheinbar  ist das alles Landschafts-Fotografie. Doch mit dem Wissen des einstigen  machtpolitischen, strategischen Geschehens hinter dem Bild wird es zum Reflexionsraum über Verlust, auch Resignation. Und auch über die Natur: rau, schön, aber ungerührt vom Schicksal der Menschen, derweil sie ihren Raum zurückerobert hat.

Es sind Bilder und Reflexionen über das Vergehen von Zeit, den Umgang mit Erinnerung, die Bedeutung von Flucht und Vertreibung als Auswirkung unmenschlicher Grenzen. Walter Benjamins Engel oder der Sturm der Geschichte von 1920 weht uns an, wird auch zum  aktuellen Sinnbild.

Haus am Kleistpark, Kommunale Galerien, Grunewaldstr. 6–7, bis  5. März, Di–So, 11–18 Uhr, Eintritt frei, Telefon: 902-77-6964. Künstlergespräch/Buchvorstellung „Wüstungen“ (Distanz Verlag) mit Marion Brasch, 25. Januar 2017, 19 Uhr. Infos: hausamkleistpark.de