Berlin - Wer Philipp Lahm sagt, soll auch „schwul“ sagen. Und Judith Rakers zieht offensichtlich „feet“ nach sich, also „Füße“. So lauten zumindest die jeweils ersten Vorschläge für „sinnvolle“ Suchworte, die die Suchmaschine Google nach der Eingabe der beiden Namen macht.

Es sind Anregungen, die Google Autocomplete liefert – eine Funktion, die dank Bettina Wulf derzeit in aller Munde ist. Was Google beim Namen der Ehefrau des Ex-Bundespräsidenten vorschlägt, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Es ist menschlich nachvollziehbar, dass Bettina Wulff sich daran stört und gerichtlich gegen Google vorgeht. Allerdings basiert es auch auf einem Missverständnis.

„Der Algorithmus ergänzt nicht“

So sieht das zumindest der Konzern Google. „Der Algorithmus ergänzt nicht“, sagt Google-Sprecher Kay Oberbeck. Er betont, dass die Vorschläge zu einem großen Teil auf dem basieren, was Nutzer in das Eingabefenster tippen. Google schlägt „schwul“ bei Lahm nicht deshalb vor, weil sie den deutschen Fußball-Nationalspieler für homosexuell hält – sondern weil viele Nutzer dieses Suchwort verwenden und die Wortkombinationen auf vielen Seiten vorkommt. So wie offensichtlich besonders viele Google-Nutzer sich die Frage stellen, ob die „Tagesschau“-Moderatorin Rakers auch Beine hat.

Nun werfen Kritiker ein, Google messe mit zweierlei Maß, wenn es sagt, die Funktion „Autovervollständigung“ basiere nur auf objektiven Tatsachen, und Bettina Wulffs Anliegen deshalb rigoros ablehnt. In anderen Fällen, schreibt etwa Konrad Lischka auf Spiegel Online, sei Google entgegenkommender. Auf Druck einer mächtigen Lobby habe Google bei den Vorschlägen eine Reihe von Schlagworten gestrichen, die Nutzer zu Seiten führen, auf denen Urheberrechte verletzt werden.

Gesperrte Suchwörter

Der Einwand ist nicht falsch. Tatsächlich bestätigt Google-Sprecher Kay Oberbeck, dass für die Funktion Autocomplete eine ganze Reihe Suchwörter aus dem Bereich Pornografie, Gewalt, Hassrede und eben Urheberrechts-Verletzungen gesperrt sind. Andererseits hindert Google niemanden daran, „torrent“ einzugeben. Es dauert ungefähr elfeinhalb Sekunden bis zu einem illegalen Film-Stream. Vom Druck einer mächtigen Lobby ist da wenig zu spüren, auch wenn Google versprochen hat, häufig gemeldete Seiten weiter unten zu listen.

Solche Eingriffe bei der Auflistung der Such-Ergebnisse sind ohnehin viel schwerwiegender als die Schlagwort-Vorschläge der „Autovervollständigung“. Nicht selten folgt Google hier schlichtem Eigeninteresse. Seit 2010 untersucht etwa die Europäische Kommission, ob Google den Wettbewerb verzerrt, indem es eigene Dienste etwa für Karten der Konkurrenz vorzieht. Im Juli wendete der Konzern die Einleitung eines kartellrechtlichen Verfahrens in letzter Sekunde ab, als er Nachbesserungen versprach.

Seit Monaten im Gespräch

Immer öfter wird Google allerdings auch gezwungen, in seine Suchergebnisse einzugreifen. Das Unternehmen dokumentiert dies in seinem „Transparenz-Report“. Hier sind Unternehmen verzeichnet, die wegen der Verletzung ihrer Urheberrechte Internet-Adressen entfernen lassen. Besonders aktiv ist der Software-Konzern Microsoft. Im Bereich Regierungen ist ein deutscher Fall verzeichnet, bei dem ein Gericht 898 Suchergebnisse sperren ließ. Diese führten zu Foren und Blogs, in denen unwahre Aussagen über eine Behörde und einen ihrer Mitarbeiter gemacht wurden.

Diese Möglichkeit hat auch jede Privatperson. Google habe, sagt Oberbeck, eine Seite für Anwälte eingerichtet. Liegt denen ein Gerichtsbeschluss etwa gegen eine Persönlichkeitsverletzung vor, können sie das melden und eine Sperrung beantragen. So seien auch die Anwälte von Wulff verfahren, mit denen Google seit Monaten „im Gespräch ist“, sagt Oberbeck. Abgemahnte Presseberichte über die Wulff-Gerüchte zeige Google nicht mehr an. An der „Autovervollständigung“ will der Konzern aber festhalten. In fünf ähnlichen deutschen Gerichtsverfahren habe Google bereits recht bekommen. Wulffs Anwälte wollten nicht nur „Escort“ nicht mehr neben dem Namen ihrer Mandantin lesen. Auch „Strumpfhose“ und „Vorleben Gerüchte“ sollen tabu sein.