„Wunder“ von Raquel J. Palacio: Bitte immer freundlich

Die Frau dort drüben ist ja bestimmt drei Mal so dick wie ich. Der Mann an der Kasse neben mir hat einen riesigen Buckel. Und das Kind auf der Bank muss wohl Verbrennungen erlitten haben. Oder weshalb sieht es so vernarbt und schief aus? Lieber nicht hinschauen!

Da weiß man zwar, dass das Äußere sich nicht nur Beurteilung eines Menschen eignet, aber sobald jemand auffällig anders aussieht als der Durchschnitt, bekommt man einen Schreck. Raquel Jaramillo ist es so ergangen, als sie mit ihren damals noch sehr kleinen Söhnen vor einem Eisladen plötzlich ein Mädchen sah mit einem schlimm verformten Gesicht.

Das ist die wahre Begebenheit, die die Buchgestalterin aus Brooklyn dazu brachte, unter dem Namen Raquel J. Palacio einen Roman für Kinder und Erwachsene zu schreiben. Sie spricht davon, wenn sie den großen Erfolg von „Wunder“ erklären soll – eines Buchs, das sich seit 38 Wochen auf der New-York-Times-Bestsellerliste hält und auch in Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Spanien erfolgreich ist.

Gestern war sie im Georg-Büchner-Buchladen in Prenzlauer Berg zu Gast, am heutigen Dienstag liest sie um 9 und 11.30 Uhr im Haus der Berliner Festspiele, als Vorbotin zum Internationalen Literaturfestival, das nächste Woche beginnt.

Medizinisch konnte Palacio sich das Anderssein des Mädchens nach einer Weile erklären. Vermutlich litt sie unter dem Treacher-Collins-Syndrom, einer erblichen Erkrankung, die mit erheblichen Fehlbildungen von Gesichtsknochen, Ohren und Augenlidern einhergeht. Zu den Atem-, Schluck- und Hörbeschwerden der Betroffenen, zur Notwendigkeit von Operationen, logo- und physiotherapeutischen Übungen kommt die sichtbare Andersartigkeit, die sich alsbald in den Augen des Gegenübers spiegelt.

„Choose kind!“

Palacio erzählt von dem Jungen August, der mit zehn Jahren erstmals in eine städtische Schule kommt, der den Kokon der Familie verlässt und Kind unter Kindern sein soll. Sie schreibt von seinen Zweifeln am eigenen Mut und von seinem Lieblingstag Halloween – da er mit Maske so normal ist wie alle anderen. Doch nicht der arme Behinderte ist das Thema ihres Buches, es sind wir. So, wie die Autorin über sich selbst erschrak, dass sie ihre Kinder von dem sie erschreckenden Anblick wegzerrte, so schildert sie die Schwierigkeiten der Mitschüler und Lehrer mit August.

„Choose kind!“, entscheide dich für Freundlichkeit, schreibt der Verlag, um auf die Begegnung mit der Autorin hinzuweisen, von der heute Rat gegen Mobbing und für Inklusion gewünscht wird. In ihrem Buch kann man sehen, welche Bedingungen für ein gutes Umfeld zusammenkommen müssen. An ihrer eigenen Geschichte aber lässt sich ablesen, wie schwer es für den einzelnen ist, vorurteilsfrei und freundlich durchs Leben zu gehen. Erwachsene, durch Sehgewohnheiten und öffentliche Bilder verdorben, müssen mühsam umlernen. Kinder können gleich freundlich starten.