Interessante Dinge geschehen in Wuppertal. Dinge, die auch in Bezug auf die fristlose Kündigung Adolphe Binders als Intendantin des Wuppertaler Tanztheaters noch mal einiges in Bewegung bringen könnten. Gerade hat dort die CDU die Koalition mit dem größeren Partner SPD aufgelöst. Sie will nun in Kooperation mit den Grünen und der FDP eine eigene Mehrheit zustande bringen. Schluss mit der „Hinterzimmer-Politik“ und mehr „Transparenz“, so lautet die Devise für den Neuanfang.

Nimmt man diese Ankündigungen ernst, müssten sie auch zu einer Neubewertung der Causa Adolphe Binder durch die Politik führen. Ob das gelingt, wird aber von der Hartnäckigkeit der Grünen- und der FDP-Politiker abhängen. Denn die CDU, namentlich der CDU-Stadtdirektor Johannes Slawig sowie der CDU-Kulturdezernent Matthias Nocke, waren ja selbst an den ungemein schäbigen Vorgängen beteiligt, die seit dem 13. Juli immer wieder die Öffentlichkeit beschäftigen.

An diesem Tag wurde dort die erst vor einem Jahr ins Amt berufene Intendantin Binder fristlos entlassen. Binder sei nicht imstande gewesen, den ihr übertragenen Aufgaben nachzukommen, so habe sie keinen tragfähigen Spielplan vorgelegt, hieß es in der Begründung. Die Angelegenheit schlug hohe Wellen.

Auf Lob folgte Rufmord

Erst wenige Monate zuvor war Binder als die Person gefeiert worden, die das Wuppertaler Tanztheater in die Zukunft führen könne. In eine Zukunft, die man dem Wuppertaler Tanztheater dringend ermöglichen muss. Denn nach dem Tod der Choreografin Pina Bausch vor neun Jahren ist das berühmte Ensemble ohne eine neue künstlerische Ausrichtung in Agonie gefallen. Eine Neuausrichtung bei gleichzeitiger Bewahrung des großen Erbes zu schaffen, das traute man Binder, die zuvor der Ballettcompagnie des kleinen schwedischen Göteborg in nur wenigen Jahren zu internationalem Rang verholfen hatte, unbedingt zu.

Aber ein schnelles Zerwürfnis mit dem seit 2011 amtierenden Geschäftsführer Dirk Hesse, eine nicht gelungene, auch falsch gesetzte Mediation, der Mangel an Geld – denn Neuanfänge kosten etwas – führten sehr bald zu dem beispiellosen Rauswurf.

Binder hat dagegen einen Arbeitsgerichtsprozess angestrengt. Nach einer gescheiterten Güteverhandlung ist nun am 13. Dezember der erste Prozesstermin angesetzt. Ihre Chancen dürften nicht schlecht stehen. Zu viele Fehler haben sich die Akteure erlaubt und zu unhaltbar dürften vermutlich fast alle gegen sie erhobenen Vorwürfe sein. Mit dem von Binder angeblich überhaupt nicht erstellten Spielplan etwa läuft der Wuppertaler Tanzbetrieb derzeit ganz ordnungsgemäß.

Für sie spricht auch, dass ein Dossier mit schweren, einem Rufmord gleichkommenden und wohl weitgehend unhaltbaren Vorwürfen im Vorfeld lanciert und von einer Journalistin ungeprüft in der FAZ und im Deutschlandradio veröffentlicht wurden. Dass diese Kollegin gut mit Binders Kontrahenten Dirk Hesse bekannt ist, wirft ein noch schlechteres Licht auf den insgesamt ohnehin sehr unschönen Vorgang.

Fast die gesamte Tanzwelt hat sich in diesem Konflikt hinter Binder gestellt. Die kämpft darum, ihren Job zurückzubekommen und ihre Reputation wiederherzustellen. Entscheiden wird das Gericht. Aber bekanntlich können Gerichtsprozesse verschleppt werden. Die Grünen und die FDP, und natürlich auch die in Opposition befindliche Linkspartei, haben jetzt die Chance, eine Neubewertung in einer Sache vorzunehmen, die die Gemüter weit über Wuppertal hinaus bewegt.

Legendäres Stück

Beim Tanztheater selbst steht derweil ein besonderer Termin an. Am Freitag wird das wohl legendärste aller legendären Bausch-Stücke mit einer Wiederaufnahme gefeiert. Vor vierzig Jahren ist „Café Müller“ entstanden, eine Arbeit, so rätselhaft, so traurig und bewegend, dass bis heute manchmal Menschen das Theater verlassen, weil sie es nicht ertragen können. Es ist ein Stück, dass die Essenz der Kunst von Pina Bausch enthält. Eine Menschlichkeit, die wehtut, die nicht umsonst zu haben ist und die ganz wesentlich im unermüdlichen Nicht-Aufgeben besteht. Egal, wie sehr die Kräfte schwinden.

Zum Jubiläum wird es erstmals unter der Leitung von Henrik Schaefer mit Live-Musik aufgeführt. Dies wird vermutlich dem Stück noch einmal zusätzliche Intensität verleihen. Entwickelt hat das Konzept die geschasste Intendantin. Sicher hat es mehr Geld gekostet als das übliche Doppelprogramm „Café Müller“ und „Le Sacre du Printemps“, das es in dieser Kombination schon zu Pina Bauschs Lebzeiten gab. Vielleicht geht es in dem gesamten Konflikt nur darum: Wie viel darf das Wuppertaler Tanztheater kosten? 50 - 60 Prozent seines Etats erwirtschaftet das Tanztheater selbst, jedenfalls sehr viel für ein kreativ agierendes Ensemble. Als „cashcow“ kann man Pina Bauschs Erbe nicht verwalten.

Das Wuppertaler Tanztheater ist so etwas wie ein deutsches Weltkulturerbe geworden. Bei den lokalen Verantwortlichen ist es offenbar nicht in guten Händen. Warum nur, fragt man sich schon eine Weile, mischt sich der Bund nicht ein?