Sanft locken Trommelschläge, überlagert von einem melodischen Sound. Dazwischen Gesangsfetzen. Eine junge schwarze Frau schreitet auf nackten Sohlen übers Parkett, tanzt, langsam, entrückt. Eine einsame Gestalt wie auf einer Bühne. Aber sie will nicht einsam sein.

Die Zuschauer sollen zu ihr kommen. Mittanzen. Mitatmen. Ihr schöner ranker Körper will sich entkoppeln von allen Einschränkungen und das sollten auch die anderen Körper tun, schwarze oder weiße. Keine Trennung. Keine Ausgrenzung für alle.

Akt der Erinnerung

Okwui Okpokwasili entwarf ihre gleichnishafte Performance für die Berlin Biennale als Akt der Erinnerung, gegen das Vergessen – und als Zeichen der Selbsterhaltung: Sie erinnert an den nigerianischen Frauenprotest gegen die Kolonialherrschaft im Jahr 1929.

Noch herrscht in dem mit durchsichtiger, sich im Wind bewegender Folie abgetrennten Meditationsraum im Haus der Kunst-Werke Auguststraße kein Gedränge. Das Publikum zögert noch, trotz der sachten Aufforderung, bloß die Schuhe auszuziehen und vorher auf Wandzetteln zu lesen, wie man richtig atmet. Das ist notwendig beim gewaltlosen Protesttanz. Das Radikale der Aussage liegt ja gerade in der Behutsamkeit der Form.

Differenziert, liebevoll, skeptisch

Dieses ist eines der ersten bleibenden Erlebnisse auf der X. Berlin Biennale. Und die Jubiläums-Ausstellung hat es verdient, ein Aufreger zu sein. Trotz der ritualhaften Wiederholung seit 20 Jahren – und in Konkurrenz zu all den Massen von Festivals, Festspielen, Events, Gallery- und Art Weeks in der Stadt mit Zehntausenden Künstlern.

Eine Konkurrenz zu sein, ist auch nicht das Wesen der Berlin Biennale. Eher ist es nun gerade wieder der interessierte, differenzierte, untrügliche, liebevolle, skeptische und analysierende Blick auf das Leben in unserer globalisierten Welt. Diese Biennale 2018 ist, bis auf wenige etwas verhuschelt-gewollte Konzeptkunst-Arbeiten – lässlich sie zu nennen – überraschend leicht fassbar, dabei ernsthaft und zugleich auf wundersame Weise entspannt und auch humorvoll.

Gerade das hätten wir vorab nicht gedacht beim Lesen der diskurstheoretischen Ankündigungen über das „Verhandeln hierarchischer und postkolonialer Strukturen in politischen Räumen“, von hochkomplexen Gender-Themen und „kollektiver Psychose in Zeiten geopolitischer Verschiebungen“, der Ängste, den Verwerfungen durch Kriege, Konflikte, Flucht und Vertreibung, der humanen Katastrophen und drohendem ökologischem Kollaps.

Das Körperliche dominiert

Die Kunst zu diesem mit großer Anschaulichkeit bedachten Diskurs besteht aus teils ganz klassisch gemachter, farbenfroher, furioser figürlicher, abstrakter, surrealer Malerei, wie etwa bei Hermann Mbamba, dem das Malen Nahkampf ist, der die Leinwand pollockartig-gewalttätig traktiert, aber dabei wunderschöne, fast lyrisch biomorphe Formen hervorbringt.

Das Körperliche dominiert, bei Malern, Bildhauern, Fotografen und Filmemachern. Sie zeigen das Lebensfroh-Bunte, auch Dekorative, wie auch das Verletzliche, wofür sie sich oft eines expressiven Stils und harter Konturen bedienen. So sehr, dass man beinahe an die – auch damals gegen starre Traditionen ankämpfende Bildsprache der Brücke-Maler oder an Edvard Munch erinnert wird. Und manche Stilistik lässt an die weich überzogenen verstümmelten Gesichter und malträtierten Körper der großen südafrikanischen Malerin Marlene Dumas denken.

Poesie statt Anklage

Aber all das hat kaum die im postkolonialen Diskurs erwartete anklagende, dramatische, schockierende Gestik, vielmehr eine subtile und poetische Ausstrahlung. Es ist, könnte man auch sagen, ein betont feminines Arrangement mit allein 30 Arbeiten, die direkt für den Ort entstanden sind.

Die 47 Künstlerinnen und Künstler dieser Biennale kommen aus Havanna, Warschau, Kairo, London, Johannesburg, Kapstadt, Lahore, Teheran, Harare, Nairobi und Paris. Gabi Ngcobo, die künstlerische Leiterin, stammt aus Johannesburg. Ihr Kuratorenteam hat zumeist afrikanische und afroamerikanische Wurzeln.

Dennoch ist es keine Afrika-Ausstellung, weil Afrika und die Frage nach der Zukunft des Kontinents, zugleich aber auch die der gesamten Menschheit ansteht. Und tatsächlich zitiert der Biennale-Titel nicht etwa einen südafrikanischen Dichter, sondern Tina Turners „We Don’t Need Another Hero“. Die Erzählung von einer Revolutionärin, die aber zur Tyrannin wird, während sie eine bessere Zukunft schaffen will.

Metaphorische Kunst-Erzählungen

Es ist die Verkörperung jener Macht, die entartet, die schädlich wird, weil ihr der Zweck die Mittel heiligt in dem Glauben, durch Druck und Gewalt Gutes zu tun. Man denkt an Kolonialismus, ebenso an die sozialistischen Revolutionen und an kläglich gescheiterte Systeme und Utopien auf der Welt in Osteuropa, Afrika, Asien, Lateinamerika.

Für all das bringen Ngcobo und ihr Team metaphorische Kunst-Erzählungen aus verschiedenen Blickwinkeln mit. Dazu waren Künstler noch im letzten Jahr auf Arbeitsreisen gegangen, in die Niederlande, nach Südafrika und Brasilien, nach Indien und in die Karibik. Kolonialgeschichte war das Thema. Und deren Folgen, gerade die Situation nach der Apartheid.

Der skeptische Blick

Zeit also, sich von Zuschreibungen zu lösen, Zeit, mal zu spekulieren, wie global ausgerichtete Kunstbiennalen der Zukunft sein könnten, gerade, wenn sie sich wie diese so bildstark, aber ohne Agitation oder rechthaberische Züge aufs Unrecht und die Gewalt gegenüber Völkern, Ethnien, an Migranten, Frauen, Kindern und den Schwachen der Gesellschaft beziehen.

Diese X. Biennale tut das, unübersehbar, mit skeptischem Blick und couragiertem Zugriff auf das künftige Humboldt-Forum im Berliner Schloss. Und da steht auch die Frage im Raum: Wie wird mit Kunst im kolonialen Kontext umgegangen? Wie könnte mit den Herkunftsländern der Werke, Objekte, Artefakte eine gemeinschaftliche Präsentation entwickelt werden? Und was muss zurückgegeben werden?

Ein disparates „Sans Souci“ 

Man könne glauben, es sei ein versprengtes Ruinenteil des alten Preußen-Schlosses aus Berlins Mitte vor der Akademie der Künste am Hanseatenweg in den Wiesenboden eingeschlagen worden. Schräg ragt es auf wie ein Mahnmal vor der minimalistischen Fassade der von Werner Düttmann 1960 erbauten Akademie. Rundbögen, morbide Reliefs und blaue verblichene Wandmalereien weisen auf seinen Ursprung in klassizistischer Epoche hin. 

Ein disparates „Sans Souci“ hat die Bildhauerin und Malerin Firelei Báez hier gebaut, indem sie den Gegensatz zwischen dem preußischen Sanssouci als Ort des Vergnügens mit dem haitianischen Sans-Souci als Bauwerk militärischer Pracht, das seit dem Erdbeben von 1842 nur noch als Ruine existiert, verschmilzt.

Das ist eine markante Geste am Zugang zu diesem Biennale-Ort. Wer hinter der Fassade nun jedoch die Abgründe des Kolonialismus erwartet, wird enttäuscht. Stattdessen öffnen sich in den Hallen und grünen Innenhöfen der AdK viele subjektive Erzählungen. So imaginiert Báez ihre Geschichte in die Gegenwart.

Pop-Art-Miniaturen und Stoffschläuche

Hinter der Foyertreppe leuchtet von einer mit Rokoko-Stuck verzierten blauen Wand in frischem Pink das Porträt einer Frau auf, deren schmerzhaft vernarbtes Gesicht nur noch durch die Augen lebt. Und gleich am Anfang des Rundgangs reihen sich, wie zu einer vorbeiziehenden Wolke komponiert, viele kleine Einzelbilder an der Wand: historische Landkarten, Bildnisse, Grafiken aus der teils brutalen afro-karibischen Geschichte, die Báez durch filigrane Übermalungen zu Pop-Art-Miniaturen belebt.

Hinter dieser Wand liegt eingequetscht wie ein gestrandeter Wal ein aufgerissener Riesensack. Aus ihm quellen weitere Säcke, rote, blaue, weiße. Oscar Murillo hat hier und auch in einem der Innenhöfe diese an Verdauungsstörungen erinnernden Stoffschläuche mit erdigen Brotleibern gefüllt.

Sie wurden gebacken aus Maiskörnern und Tonerde aus der ganzen Welt. Die kleinen Säcke haben Formen menschlicher Oberkörper und weisen auf die gewaltvolle Kraft hin, die den Arbeiterströmen innewohnt. Es ist ein etwas abgenutzter Spiegel des globalen Handels und der immer aggressiveren Arbeitsindustrie, den Murillo uns hier vorhält.

Poetische Zwischenrufe

Oben, in der großen Ausstellungshalle der Akademie, verfängt dann das feine Licht- und Schattenspiel, das die frei im Raum stehenden Gitternetzstrukturen aus Bambusfasern auf den dunklen Holzboden werfen.

Für „Toli Toli“ reaktiviert Minia Biabiany die alte Flechttechnik von Fischreusen in Guatemala. Einen fast plakativen Kontrast bilden dazu die auf schräger, hoher Wand platzierten Farbfeldmalereien von Moshekwa Langa. Mit den grünblauen und roten Lackflächen auf festem Papier vom Bau erinnert er daran, dass Städte einst Orte von Träumen waren.

Wie poetische Zwischenrufe finden sich in den Akademieräumen an vielen Stellen „Trans:plants“ von Sara Haq. Als einen Akt des stillen Widerstands hat sie Schilfrohr in die Bodenritzen gesteckt – zerbrechlich und gewaltsam zugleich.

Ein offenes Experiment, mit dem Risiko des Scheiterns

Die Ausstellungsarchitektur vom Berliner Büro für Konstruktivismus schafft ein luftig warmes, offenes Ambiente, das durch scharf gekantete ausladende Wandelemente gebrochen wird. Diese Diagonalen verleihen den Räumen Dynamik und lassen Durchblicke zum grünen Innenhof zu, wo Özlem Altins ikonenhafte schwarzweißen Rätselbilder auf lakonische Art die ihnen innewohnende Ehrerbietung unterwandert und sich leicht im Wind bewegen.

Dann führt der Weg vorüber an Bildern der Turner-Preisträgerin Lubaina Himid, die mit ihrer Kunst seit 50 Jahren gegen die Diskriminierung schwarzer Frauen anmalt, vorbei an Zeichnungen der afro-kubanischen Künstlerin Ana Mendieta mit aus Blütenblättern geformten Vaginas, an sprechenden Köpfen von Patricia Belli. Die Häupter liegen auf dem Boden und irritieren durch ihr Grummeln, sobald man in ihre Nähe tritt.

Vorab hieß es aus der Biennale-Leitung, der Ausstellungsort Akademie der Künste am Hanseatenweg sei durchweg ein offenes Experiment, auch mit dem Risiko des Scheiterns. Davon ist nichts zu merken. Es ist eine ästhetisch fein durchwirkte Ausstellung, die der Kunst Raum lässt. Dem Betrachter wird keine vorgefertigte Sichtweise geliefert, er muss selber überlegen: Wie verhalte ich mich zu dem, was hier erzählt wird?

Ein kuratorischer Kniff

Ausstellungsmacherin Gabi Ngcobo hat an allen fünf Ausstellunsgorten einen interessanten Kniff angewendet: Man erfährt auf den Schriftschildchen neben den Arbeiten bei keiner, woher eigentlich die Künstlerin, der Künstler kommt und wie alt sie oder er ist. Das irritiert anfangs, man merkt aber bald, dass die identitätsspezifischen Zuschreibungen nicht unbedingt weiterbringen. Sie würden den Blick nämlich sogleich wieder verengen.

Viel ist im Vorlauf dieser Biennale über das Thema „postkolonial“ spekuliert, assoziiert und skeptisch hinterfragt worden. Dass der postkoloniale Diskurs nicht nur trocken abgehandelt werden muss, wie auf der letzten Documenta, das zeigt diese Schau, und dass aus einem schwierigen Diskurs auch schöne ästhetische Kunst erwachsen kann. Und was man an Experimentellem in der Akademie vermissen mag, findet sich wie in einem sozio-politischen Kunstbiotop im Zentrum für Kunst und Urbanistik, ZK/U, in Moabit.

Das Biennale-Helden- oder Antihelden-Motto kondensiert hier auf absurd-ironische Weise die Ägypterin Heba Y. Amin gleich mit. In einer neunteiligen Videoarbeit stellt sie die Idee eines Superkontinents vor. Sie kehrt die Geografien um, denkt nach, ob man nicht Afrika und Europa zu einem Kontinent verbinden könnte – durch Trockenlegung des Mittelmeers. Durch „Alantropa“ – nach einem Planungsprojekt des deutschen Geoarchitekten Hermann Sörgel.

Traum oder Alptraum? 

In einem der Videos tritt die Künstlerin selbst als Präsidentin von Alantropa auf und preist die Vorzüge, die ein Landweg nach Europa vor allem für Afrika entstehen ließe. Parallel auf den anderen Bildschirmen sieht man acht Staatsmänner, Diktatoren, Mussolini, Erdogan, Gaddafi, die wiederum ihre Politik und megalomanischen Wasserprojekte propagieren. Ist diese Idee Traum oder Alptraum? Man muss auch hier nicht viel über die Biografie der Künstlerin wissen, die Arbeit erschließt sich von selbst – regt die Gedanken an.

Vor jeder Berlin Biennale gib es Leute, die zweifeln und nörgeln, nicht nur wegen der drei Millionen Euro, die aus der Bundeskulturstiftung zufließen, und der zusätzlichen privaten Sponsorengelder, auch dem neuerlichen Obolus aus der Senatskasse: Braucht Berlin überhaupt eine Biennale in diesem längst überbiennalisierten Kunstbetrieb?

Nach dem ersten Rundgang meinen wir: Ja. Denn wer in den Ausstellungssälen der Kunst-Werke Auguststraße oder der alten AdK steht, begreift womöglich, dass es keine Frage der Geografie, der Ethnien ist, wie Künstler die Welt sehen und reagieren. Etwa in der großen KW- Halle: In diffuses rotrosa Licht getaucht, liegen da krude Haufen von Abbruchziegeln. Ein bizarrer Ort, an dem alles zerstört wurde? Oder an dem nun wieder etwas Neues entstehen soll?

Eine Antwort gibt Dineo Seshee Bopape mit ihrer verstörenden Installation nicht. Aus Lautsprechern ertönen blecherne Schläge, auf Monitoren singt eine schwarze Frau, und sie berichtet von der Vergewaltigung durch den vormaligen südafrikanischen Präsidenten Zuma. Eine Anklage gegen gleichsam epidemische sexuelle Gewalt im Land und die Übersexualisierung des schwarzen weiblichen Körpers. 

In Eimern plätschert dazu Wasser und auf zwei auf dem Boden liegenden Monitoren sind Szenen aus dem malerischen Pariser Park Bois de Vincennes zu sehen. Es soll dort im 18.Jahrhundert einen „Menschenzoo“ mit schwarzen Sklaven gegeben haben. Was die Geschichtsschreibung verschweigt.

Einfache Lösungen gibt es nicht

Freilich flaniert es sich auch bei dieser zehnten Berlin Biennale nicht vor so pittoresker Kulisse wie bei der venezianischen Mutter aller Kunstbiennalen. Die war schon hundert, als auch das mauerlose Berlin sich ehrgeizig eine Biennale junger Kunst anschaffte. Den vielbedichteten Canal Grande kann die Spree nicht ersetzen. Auch die 996 Berliner Brücken sind viel zu weit voneinander entfernt, meist auch zu martialisch, verglichen mit den 410 romantischen Übergängen der Serenissima. Und im Tiergarten gibts auch keine Giardini-Pavillons mit nationalen Flaggen. Dafür Obdachlose.

Wie sehr die Künstler dieser Biennale die Welt und deren Zukunft für undurchschaubar halten, zeigen sie auf Plakaten, Flyern, sogar auf dem Katalog: alles in Camouflage, Tarnfarben aus Grau und Rosa. Hinter dieser Verschleierung hat das Publikum die Arbeiten zu decodieren. Dass manchmal Ratlosigkeit angesichts der Welt auf Ratlosigkeit für die Deutung trifft, ist Teil des Konzepts, genauso wie die erwünschte Einsicht, dass es einfache Interpretationen auch in der Kunst nicht gibt.

X. Berlin Biennale, bis 9. September, an fünf Orten: KW Institut, Auguststraße 69, Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Volksbühne Pavillon, Rosa-Luxemburg-Platz, ZK/U–Zentrum für Kunst und Urbanistik Moabit, Siemensstr. 27. Kwaito(Township-Musik) im HAU 2, Hebbel am Ufer, am 9./10. und 13.–16. Juni. Programm: www.berlinbiennale.de.