Was ist eigentlich Jazz? Wenn es nach dem XJazz-Festival geht, dessen zweite Ausgabe am Sonntag zu Ende ging, fast alles. Entlang sämtlicher Clubs zwischen Kottbusser und Schlesischem Tor und kuratiert vom Pianisten und Trompeter Sebastian Studnitzky dehnte das Festival seit dem Aufwärmkonzert am vergangenen Mittwoch den Begriff bis zur fröhlichen Auflösung – das X beschreibt eine Leerstelle, die nach Belieben und leider auch manchmal beliebig aufgefüllt wird.

Im besten Fall entdeckte man dabei neugierige Annäherungen oder zumindest hübsch leerlaufende Experimente, wie Jimi Tenors bizarres Quasirock-Trio mit seinen psychedelischen Sounds aus Krautrock, Jazz, Dub und allem anderen; oder die Paarung des Elektro-Produzenten Rabih Beaini mit dem Drum-Altmeister Günter „Baby“ Sommer, der zum Höhepunkt das Brummen und Dröhnen mit schicken Ethnobeats aus einer gelöcherten Holztruhe wegtrommelte.

Man erlebte eher akademische Versuchsanordnungen, die bei maximaler Freiheit einen gemeinsamen Puls suchten, was etwa im Trio Hyperactive Kid gut glückte. Andererseits verband das Damenduo Oy atmosphärisch dicht und schick originell Elektronik, Soulpoesie und afrikanisch inspirierte Drums. Einige Konzerte wiederum schienen nur von der Idee inspiriert, die historische Funktion von Jazz als tanzbare Unterhaltungsmusik mit ungefähr aktuellen Mitteln zu bemühen.

So etwa im nicht sehr frischen Native-Tongue-HipHop mit irgendwie jazziger Atmosphäre von Vernon D. Hill oder dem soliden Neo-Soul der Sängerin Seraleez. Es gab DJs wie George Evelyn vom Neunziger-One-Hit-Wonder Nightmares On Wax und den (Latin-)House-Veteranen Louie Vega sowie die stets anregenden Techno-Fusionisten Brandt Brauer Frick, die man sich aber mit ihrem transparenten und druckvollen Four-to-the-Floor-Housejazz aus zwei Keyboards und Drums im Fluss einer DJ-Nacht besser hätte vorstellen können als im Einzelkonzert des Lido.

Christian Prommers Trio andererseits gelang es im Bi Nuu sehr einleuchtend, weich schwappende, abendliche Housebeats aus Laptop, Drums und einem elegantem Cocktail-Saxofon zu verbinden. Gleichsam von der anderen Seite her spielten The Apples im einleuchtendsten und groovendsten Konzert dieser Tanzschiene einen packenden, vitalistischen, mit Siebziger-Funk und HipHop-Beats erfrischten Street Jazz. Großartig wirbelten, wogten und tröteten die Bläser, zwei DJs unterstützten die Percussion und scratchten auch mal Sixties-Soul-Stimmen als Gesangsspur.

Johanna Borchert im Fluxbau

The Apples kamen übrigens aus Israel, dem diesjährigen Gastland, des ansonsten und zu 70 Prozent auf Berliner Künstler konzentrierten Festvials. Die kann man natürlich auch sonst immer mal sehen. Aber beim XJazz geht es eben auch darum, den Jazz aus seinen Rückzugsgebieten in Konzerthallen und spezialisierten Auftrittsorten wieder auf die Straße zu holen – oder jedenfalls in die Popclubs der zur Music Row umgewidmeten Skalitzer Straße. Und es funktioniert.

Dass man die Konzerte (abgesehen von den naturgemäß eng kontingentierten VIP-Pässen) jeweils einzeln und nicht immer billig bezahlen musste, lud eigentlich nicht zum flanierenden Entdecken ein. Aber bemerkenswerterweise waren fast alle etwa 25 Auftritte, die ich besucht habe, gut bis rappelvoll und meist von jüngeren Menschen besucht. Was wiederum nicht zuletzt an einer jüngeren Generation von Musikern liegt, die selbstbewusst aus der seriösen – gleich ob akademischen oder traditionellen – Nische ausbrechen.

Der 32-jährigen Pianistin und Sängerin Johanna Borchert gelingt dies zum Beispiel mit schönen, feinnervig arrangierten und komponierten, vage folkrockigen Songs, die – mehr John Cale als Leslie Feist – von der handwerklichen Tiefe der jazzakademischen Erfahrung nicht weniger als vom Talent profitieren. Zurecht wurde sie soeben für ihr letztjähriges Album „FM Biography“ – das sie mit eindrucksvoller Präsenz im Fluxbau vorstellte – mit dem Jazzecho und einem Stipendium des Berliner Musicboard ausgezeichnet.

Sehr schön war auch der Auftritt von Melanoia, dem Quartett des Schlagzeugers und letztjährigen Echo-Preisträgers Dejan Terzic, das im Privatclub sein neues Album „Labyrinth“ vorstellte. Etwas strenger jazzartig beschäftigte die Band sich mit Traumbewegungen, verzichtete jedoch ganz auf verträumte Klischees und betonte stattdessen den pseudologischen, verwirrenden Erzählfluss und die Zustände surrealen, rätselhaften Stillstands.

Festivalkurator Sebastian Studnitzky wiederum, gleichermaßen luftiger Trompeter wie kraftvoll lyrischer Pianist, fand am Sonnabend im Lido mit seinem eingängig melodischen Spiel und stimmungsvollem Streichquartett zu einer nordisch inspirierten, verwehenden Melancholie, die er mit eleganter Körperlichkeit austarierte.

Jazz erschien in diesen Momenten als eine Musik, die zwar von improvisationsfreudiger Offenheit und moderner, europäischer E-Musik begründet wurde. Aber sie mündete in eine Art kammermusikalischen Meta- oder Avant-Pop, der mit handwerklichem Anspruch und reuelosem Genrebiegen auf Zugänglichkeit und Popwissen setzt.