Auto ja, Benzin nein: Fred und Wilma Feuerstein setzen auf Fußantrieb.
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Bedrock/BerlinWenn auf dem Steinherd die Brontosaurier-Rippchen brutzeln, dann ist man zu Hause bei Familie Feuerstein, der sympathischen Steinzeitbagage aus Bedrock. Vor 60 Jahren, am 30. September 1960, konnten Fernsehzuschauer in den USA erstmals die Abenteuer der animierten Urzeitler sehen, im deutschen TV starteten Fred, Wilma, Barney und Co. 1966 ihren Auftritt.

Erst Mitte der Neunzigerjahre wurden die Flintstones – so ihr Name im Original – als erfolgreichste Zeichentrickserie von den Simpsons abgelöst. Wer hätte gedacht, dass ein Großmaul in Leoparden-Tunika solch ein Phänomen schaffen könnte? Legendär bis heute: Fred Feuersteins Ausruf „Yabba Dabba Doo!“.

Die Flintstones leben in der Steinzeit, allerdings mit allen technischen Vorzügen des 20. Jahrhunderts wie Telefon, Fernseher und Auto. Die Gerätschaften funktionieren jedoch ohne Benzin oder elektrischen Strom. Die Feuersteins müssen ihr Auto auf rollenden Baumstammrädern per Fußantrieb vorwärts bewegen, den Rasen mäht ein gefräßiger Riesenkrebs, Plattenspieler und Dosenöffner werden von scharfschnäbeligen Vögeln betrieben – dabei äußern diese häufig ihren Unmut über die miserablen Arbeitsbedingungen. Dass die Saurier in der Steinzeit schon seit Jahrmillionen ausgestorben waren, tat dem Erfolg der Serie keinen Abbruch.

Die Idee zur Parodie des modernen Familienlebens der US-Mittelschicht stammte von William Hanna und Joseph Barbera. Schon seit 1937 hatten sie für die Zeichentrickabteilung des Hollywoodstudios Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) zusammengearbeitet. Die beiden erdachten unter anderem „Tom und Jerry“, wegen der wachsenden Konkurrenz durch das Fernsehen stellte MGM die Herstellung von Kino-Zeichentrickfilmen 1957 ein.

William Hanna und Joseph Barbera in ihrem Büro, 1960.
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Um weiter arbeiten zu können, gründeten die Zeichner ihr eigenes Studio „Hanna-Barbera“. Neben der Familie Feuerstein schufen sie so erfolgreiche Serien wie „Yogi Bär“, „Hucky und seine Freunde“, „Die Jetsons“ und „Scooby-Doo“. Die Produktionen fürs Fernsehen waren im Unterschied zu den früheren Trickfilmen recht sparsam animiert, Hintergründe wurden einfach verschoben und nur noch einzelne Körperteile bewegt („Limited Animation“). Dadurch konnte für die steigende Nachfrage der TV-Sender viel schneller produziert werden und die Herstellungskosten sanken drastisch.

Die Vorlage für die Hauptcharaktere der Flintstones lieferte eine bei uns wenig bekannte US-Sitcom namens „The Honeymooners“ aus dem Jahr 1955. Pantoffelheld Fred Feuerstein ist ein aufbrausender, aber liebenswerter Dickkopf, tatsächlich hat seine geduldige Frau Wilma (geborene Schotterhaufen) die Hosen an. Ihre Nachbarn sind der kleine und stets gutgelaunte Barney Geröllheimer und dessen schlanke, dunkelhaarige Frau Betty (geborene McBackstein). Sie wohnen in Steintal (Bedrock), Fred und Barney arbeiten im Steinbruch bei Mr. Schiefer (Mr. Slate), die Frauen versorgen den Haushalt. Ab der dritten Staffel kommen auch die Feuerstein-Tochter Pebbles und das von Betty und Barney adoptierte „steinstarke“ Findelkind Bamm-Bamm hinzu.

In dem nicht besonders originellen Plot präsentiert sich das Familienbild der amerikanischen Mittelklasse der späten 1950er Jahre, inklusive der teilweise biederen und spießigen Klischees jener Zeit. Fred zeigt meist wenig Toleranz für vermeintliche Inkompetenz – außer für seine eigene. Oft beschwindeln er und Barney ihre Frauen, um sich etwa heimlich zum Pokern, Boxen oder Baseball zu schleichen. Was die Serie trotzdem sehenswert macht, sind die Dialoge mit der gelungenen Mischung aus Satire, Slapstick, kleinen Anzüglichkeiten und Wortspielen.

Darauf wurde auch in der deutschen Synchronisation Wert gelegt. Fred erhielt von Eduard Wandrey eine deutsche Stimme, in späteren Fassungen von Heinz-Theo Branding. Unverkennbares Markenzeichen waren Verdoppelungen wie „wahnwitzig witzig“ oder „noch nie nicht“. Barney bekam seine hohe Stimme mit dem charakteristischen Kichern von Gerd Duwner, der danach auch Ernie aus der Sesamstraße synchronisierte. Zur gelungenen deutschen Adaption gehörte auch das Spiel mit Dialekten: galante Kavaliere sprachen in Wiener Mundart, Exoten mit osteuropäischem Akzent.

„Familie Feuerstein“ war die erste Zeichentrickserie, die vom Sender ABC zur Primetime am Freitagabend um 19.30 Uhr gezeigt wurde. Die Episoden wurden auf 25 Minuten ausgedehnt, das Zielpublikum sollten vornehmlich Erwachsene sein. Indiz dafür waren auch die ersten Sponsoren: Die Zigarettenmarke Winston und das Kopfschmerzmittel Alka Seltzer. Zum Sendestart in Deutschland im Juli 1966 liefen die Folgen im Kinderprogramm.

Mit den Steinzeithelden legten Hanna und Barbera den Grundstein für ihren phänomenalen Erfolg, „Bill und Joe“ wurden das bedeutendste Duo in der Geschichte des Zeichentrickfilms und als General Motors der Branche bezeichnet. Hanna sagte einmal: „Ich war nie ein guter Künstler. Aber Joe hat dies mit seiner Fähigkeit, jeden Ausdruck und jede Stimmung mit ein paar Strichen zu Blatt zu bringen, wettgemacht.“ Sie gewannen acht Emmys und erhielten 1976 einen Stern auf dem berühmten Walk of Fame. Hanna starb im Jahr 2001 im Alter von 90 Jahren, Barbera 2006 mit 95.

Der zweiterfolgreichste Kinofilm des Jahres 1994: „The Flintstones“ mit Rosie O’DonnellRick MoranisJohn Goodman und Elizabeth Perkins.
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In den USA traten die Feuersteins in sechs Staffeln 166 Mal zu neuen Abenteuern an, zunächst in schwarz-weiß, ab der dritten Saison in Farbe. In Deutschland liefen 117 Folgen im regionalen Vorabendprogramm der ARD, die restlichen zeigten später die Privaten. Die Serie wurde in mehr als 80 Länder exportiert: Fred, Wilma, Barney und Co. beherrschten so 22 verschiedene Sprachen.

Noch im Jahr der Absetzung der Show 1966 kam der erste Kinofilm der Feuersteins auf die Leinwand. In „Fred Feuerstein lebt gefährlich“ ist Fred ein Geheimagent, eine Anspielung auf die damals populären Spionagefilme á la James Bond. 1994 und im Jahr 2000 folgten zwei Realverfilmungen. Außerdem wurden diverse Fernsehspecials produziert, das Merchandising läuft seit Jahren auf Hochtouren. Inzwischen sind mehr als 500 verschiedene Fanartikel vom T-Shirt bis zum Joghurtbecher mit Feuersteinmotiven verziert, gemeinsam mit den Comic-Heften ein Multi-Millionen-Dollar-Geschäft.

Bei den nicht mehr ganz so jungen Fernsehzuschauern werden alte Erinnerungen wach, wenn sie das Erkennungslied „Meet The Flintstones“ hören – fürs deutsche Fernsehen gab es nur die Instrumentalversion. Vor ihrem geistigen Auge sehen Nostalgiker dann den Abspann mit Säbelzahntiger Baby Puss, der Fred jedes Mal aufs Neue vor die Tür setzt. Dessen langgezogener Ausruf „Willlmaaaaa“ klingt noch heute in den Ohren.