Lea Draeger flüstert in der Isolation mit ihrem Ich.
Foto: Imago Images/Martin Müller

BerlinDie Bühne im Maxim-Gorki-Theater ist weiß verhängt, im Off zischen Desinfektionsmittelspender, gleiten Feudel, man hört das meditative Ticken einer Beatmungsmaschine. Ist das hier überhaupt noch ein Theater oder schon eine Intensivstation? Man kommt sich umsorgt vor und würde sich vertrauensvoll fallen lassen. Aber der Titel der Premiere lautet „Death positive“ und die Inszenierung ist von Yael Ronen.

Als Berufsdeutschem jeder Ronen-Inszenierung fällt Niels Bormann die Aufgabe zu, das Publikum zu begrüßen und mit den Corona-Regeln vertraut zu machen. Die Abstandsregeln kommen ihm zupass, kann er sich doch bühnenmittig eine Auftrittsfläche abflattern, sodass für die Kollegen leider kein Platz mehr bleibt. Dialoge seien ohnehin zu gefährlich, denn die führten zu Konflikten, „und Konflikte sind voller Aerosole“.

Es bleibt nicht viel übrig. Theater ohne Dialoge, ohne Konflikte – also ohne Drama. Nicht zu lustig, sonst lacht das Publikum, nicht zu traurig, sonst weint es – und verspritzt so oder so infektiöse Tröpfchen. Denken sollen wir auch nicht zu viel, das führt zu gesteigerter Atemaktivität im geschlossenen Raum. Wenn man es ehrlich prüft, sind die Unterschiede zum Vor-Corona-Theater gar nicht so groß. Aber die Sinnfrage stellt sich auf einmal sehr dringend: „Warum machen wir das hier?“

Der Abend ist 70 Minuten kurz und intensiv, ein Festival von Monologen, die ans Eingemachte gehen und mit komischen Hygieneslapsticks verbunden werden. Lea Draeger flüstert in der Isolation mit ihrem Ich. Aysima Ergün stellt eine absurde Prepper-Packliste zusammen. Tim Freudensprung fragt sich, woran man einen Weltuntergang erkennt. Knut Berger und Orit Nahmias erzählen lächelnd und weinend (Alarm!) vom Tod ihrer Eltern, vom Loslassen, vom Schub der Lebendigkeit, vom schlechten Gewissen.

Der Tod ist ein Tabu. Selbst die eingespielten wackeligen Stimmen aus dem Altersheim wollen nicht darauf angesprochen werden. „Was soll man denn grübeln? Sollen wir abzählen, so und so lange leben wir noch? Kommt. Kommt. Noch ein, zwei, drei Jahre dazu. Wir haben hier eine, die ist 106! Und noch ganz schön mobil.“

Die weiße Bühne von Magda Willi und der helle Gorki-Saal eignen sich im Dunkeln als Leinwand. Sie fangen bewegte Projektionen von grob gestrichelten Zeichnungen auf, die Lea Draeger angefertigt hat: durchleuchtete Figuren mit leerem Blick, Organe und Knochen, eine Sargträgergruppe. Einmal zerfallen die weißen Konturen zum Schneegestöber (Video: Stefano die Buduo), der Raum löst sich auf, das Klicken der Beatmungsmaschine kommt einem wieder in den Sinn, und einen Moment lang freut man sich auf die Stille, die ihm folgen wird. Deshalb Theater.

Death positive. State of Emergency 9., 10., 11., 17., 18.10., 19.30 Uhr im Maxim-Gorki-Theater, Tel.: 20221115