Die Qualität der Medien ist heute größer denn je, das Bewusstsein für journalistische Standards so hoch wie nie. Und das alles trotz oder dank des Internets. Der das sagt, heißt Jeffrey Alexander und ist Professor für Soziologie an der Yale-University. In das allgemeine Wehklagen über das Ende der klassischen Medien möchte er auf keinen Fall einstimmen, ganz im Gegenteil. Alexander prophezeit dem Journalismus eine glänzende Zukunft.

Professor Alexander, Sie halten die Krise des Journalismus für ein Hirngespinst. Wie kommen Sie darauf?

Fürs erste hilft schon ein Blick in die Geschichte der Medien. Jede technische Neuerung führte dazu, dass den bislang verwendeten Medien der alsbaldige Untergang vorhergesagt wurde. Das war nach der Erfindung des Telefons der Fall, beim Radio und erst recht beim Fernsehen. Heute nun ist es das Internet, das den traditionellen Medien zum Verhängnis werden soll. Eingetreten sind solche Prophezeiungen bisher nie. Das lässt den Schluss zu, dass es sich bei der Wahrnehmung solcher „Krisen“ nicht um etwas Objektives handelt, sondern um eine Mischung von technischen Veränderungen und kulturellen Prägungen.

Was meinen Sie mit diesen Prägungen?

Der Journalismus als solches genießt in unseren modernen Gesellschaften quasi-sakralen Status, weil er durch Information und Meinungsbildung als Wesensbestandteil unserer Vernunft-Autonomie gesehen wird. Journalisten sind die Priester und Schamanen des Informationszeitalters. Zweifellos ist die ökonomische Basis ihrer Arbeit unsicherer geworden. Deswegen sind es oft die Journalisten selbst, die am lautesten „Krise, Krise!“ schreien. Dabei ist das eigentlich Entscheidende nicht die Ökonomie, sondern die Sorge der Menschen vor dem Verlust ihrer Autonomie.

Die Aushöhlung der ökonomischen Basis ist ja keine bloße Prophezeiung, sondern Realität, wenn man an den Umsatzeinbruch auf den Anzeigenmärkten denkt, an sinkende Druckauflagen der Zeitungen, aber auch an kleinere Redaktionen mit immer größerem Arbeitspensum.

Ich bestreite das nicht. Aber ich stelle zugleich fest, dass es bei uns in den USA bisher nicht zum Massensterben von Zeitungen gekommen ist. Ich empfehle Journalisten daher, ihr Metier als in Transformation zu begreifen und darauf zu vertrauen, dass sie sich in diesem Prozess behaupten können, indem sie nicht so sehr technologiegläubig, sondern qualitätsbewusst agieren.

Der Ruf nach Qualitätsjournalismus ist unüberhörbar, geht aber einher mit der Klage über angeblichen Qualitätsverlust, der manche gar an der Glaubwürdigkeit der Medien insgesamt zweifeln lässt.

Ich halte die Klage über den Niedergang nicht für ein empirisch belastbares Argument, sondern für eine kulturpessimistische Konstante. Die Leute haben noch zu jeder Zeit gesagt, mit der Qualität in den Medien gehe es ständig bergab, es werde alles immer schlimmer.

Warum sollten sie das so gesehen haben?

Weil es in kapitalistischen Gesellschaften wie unseren immer die Sorge gibt, die materielle Wertschöpfung untergrabe die immaterielle. Manchmal stimmt das auch. Aber ich schließe mich den Experten an, die sagen, der Journalismus habe an Qualität sogar gewonnen. Denken Sie an die vielen Universitäten, Hochschulen und speziellen Instituten für die Ausbildung der Journalisten. Das Bewusstsein für professionelle Standards ist höher denn je. Und gerade weil es heute das Internet als allgemein zugängliche Plattform für Informationen jeglicher Art gibt, hat sich der Schwerpunkt journalistischer Arbeit in den investigativen und interpretierenden Bereich verlagert.

Wie erklären Sie sich dann den schlechten Ruf der Journalisten? In Umfragen landen sie auf der Beliebtheitsskala regelmäßig weit unten.

Das wirkt in der Tat paradox. Denn zugleich ist das Vertrauen in das gedruckte Wort nach wie vor hoch. Dieser Widerspruch offenbart das Kontroverse, Strittige und bisweilen Penetrante als Charakteristik des Journalismus. Journalisten müssen hart und hartnäckig mit Institutionen sowie mit deren Vertretern umgehen, wenn sie ihren Job erfüllen wollen. Das macht sie zu eher unliebsamen Zeitgenossen. Trotzdem wird ihre Arbeit geliebt.

Wie sehen Sie die neuen Informations-Stars im Internet-Zeitalter, die Blogger und Bürger-Journalisten?

Ich halte es für abwegig, dass sie den Journalismus klassischer Prägung überflüssig machen. Hinter dieser fixen Idee stecken Konzepte von Philosophen wie Hannah Arendt oder Jürgen Habermas. Sie sehen die ungefilterte, wenn Sie so wollen pure Vermittlung von Fakten als die wahrhaft demokratische Form der Kommunikation.

Was halten Sie daran für falsch?

Zweierlei. Erstens glaube ich, es gibt diese reine Wiedergabe von Fakten nicht. Fakten sind auch nicht an sich transparent. Sie bedürfen der Deutung. Und Journalismus besteht nicht einfach in der Verbreitung von Nachrichten. Journalisten funktionieren nicht wie Diktiergeräte. Sie rekonstruieren und interpretieren Ereignisse – kritisch und wertegebunden. Ein Wert wie Gerechtigkeit wird nicht durch bloßes Abbilden von Fakten und Geschehnissen transportiert, sondern durch Geschichten. Es ist der gute Journalist, der die Geschichten gut erzählt.

Und Ihr zweiter Einwand?

Die utopische, ja ich möchte sagen illusorische Vorstellung einer völligen Freiheit der Information im Internet hat zu der blinden soziokulturellen Vereinbarung geführt, dass Information im Netz auch umsonst – sprich: kostenfrei – zu haben sein müsse. Deshalb ist es den Verlagen auch so schwer gefallen, Bezahlmodelle zu etablieren. Wenn ihnen das jetzt effektiv gelingt, ist die Frage nach der ökonomischen Zukunft zu zwei Dritteln gelöst.

Sehen Sie die Chance dafür?

In den USA bezahlen die Leute unterdessen Hunderte von Dollars für digitale Unterhaltungsangebote, die zuvor nichts gekostet haben.

Sollten Journalisten selbst bloggen und twittern?

Warum nicht? Sie müssen sich nur über zwei Dinge im Klaren sein. Erstens: Es kostet sie Zeit, es kostet sie Energie. Zweitens: Journalisten verdanken ihre Glaubwürdigkeit beim Publikum nicht dem neuen Kanal, durch den sie Beiträge schicken, sondern der Professionalität ihres Mediums und ihres Metiers.

Alles in allem prophezeien Sie dem Journalismus rosige Zeiten?

Nun, ich konstatiere, dass nie zuvor eine solche Fülle journalistischer Qualitätsangebote zirkuliert ist wie heute. Ich glaube, dass das wirtschaftliche Fundament journalistischer Arbeit bewahrt werden kann. Und ich bin überzeugt, dass der professionelle Journalismus unersetzbar ist in seiner Bedeutung für demokratische Gesellschaften.

Das Gespräch führte Joachim Frank.