Berlin - Wir erleben derzeit die Geburt von Mythen. Wenn etwas so kompliziert ist, dass die Entstehung oder Struktur niemand mehr begreift, einigt man sich auf einfache Geschichten. Etwa die: An der Finanzkrise ist die Gier des Kleinsparers schuld (Banker-Mythos). Oder: Die Gier der Banker ist schuld (Kleinsparer-Mythos). Oder auch: Jene Politik ist schuld, die den Banken keine Grenzen setzt (Intellektuellen-Mythos). Irgendwann sind Mythen so abgehangen, dass sie künstlerisches Spielmaterial werden. Die Finanz-, Euro- und Schuldenkrisen-Mythen sind so alt noch nicht. Wenn die Neuköllner Oper in ihrer Produktion „Yasou Aida!“ den Intellektuellen-Mythos aufgreift und mit der Geschichte von Verdis „Aida“ verquickt, wird in den schwächeren Momenten plumpes Kabarett mit grusligen Meinungskurzschlüssen zwischen Bühne und Publikum. Trotzdem macht der Abend Spaß, denn er ist theatralisch in jeder Hinsicht virtuos.

Aida heißt hier Elpida und ist keine äthiopische Sklavin in Ägypten, sondern eine griechische Praktikantin in der Europäischen Zentralbank. Von hier aus wird ein deutscher Sparkommissar namens Rainer Mess (Radames bei Verdi) ausgesandt, um die griechische Wirtschaft auf die Füße zu stellen. Die Praktikantin Elpida liebt ihn, aber Elpidas Chefin Anna (Amneris) liebt ihn auch. Die Zentralbanker singen marktliberale Glaubensbekenntnisse. Zu den Klängen des auf Tröten gespielten Triumphmarschs kehrt Rainer Mess zurück.

„Yasou Aida!“ ist entstanden aus der Zusammenarbeit der Neuköllner Oper mit dem Regisseur Alexandros Efklidis, dem Autor Dimitris Dimopoulos und dem Komponisten Kharálampos Goyós, der Verdis Partitur für Harmonium, Klavier, Flöten und zwei Celli bearbeitet hat. Lydía Zervanos als Elpida, Alexander Nikolic als Rainer Mess und Sirin Kilic als Anna pegeln Verdis Pathos auf Kammeroper-Niveau herab und singen dennoch mit beeindruckendem italienischem Schmelz.

Es ist interessant, dass die Triebkraft Liebe aus dieser „Aida“ weitgehend verschwunden ist. Für Elpida ist entscheidend, dass die EZB ihr eine Karriere ermöglicht. Seine stärksten Momente hat der Abend, wenn Verdis Vorlage nicht zur Verballhornung dient, sondern als Reibefläche, wenn aus der Unstimmigkeit zwischen alter und neue Geschichte ein Erkenntnisfunke geschlagen wird. Für die Neuköllner Oper ist „Yasou Aida!“ der Auftakt einer Veranstaltungsreihe zu Griechenland, am 8. Februar wir, zum Beispiel, über die Verabschiedung der Kultur aus der europäischen Idee diskutiert.

Yasou Aida 21., 22., 26.-29. 1., Neuköllner Oper, K.: 68 89 07 77