Vor wenigen Wochen ist die unsachliche Debatte um vermeintlichen Antisemitismus in den Reihen der Documenta eskaliert. Ende Mai wurde der Ausstellungsraum des Kollektivs The Question of Funding in Kassel mit Graffiti beschmiert. Der Akt des Vandalismus richtet sich offenbar gezielt gegen das palästinensische Kollektiv. Die Zahl „187“ und der Name „Peralta“ wurden dabei auf mehrere Wände gesprüht. Wandoberflächen wurden mit einem Feuerlöscher beschädigt.

The Question of Funding war in den vergangenen Monaten auf einem obskuren Online-Blog in die Kritik geraten, Antisemitismus nahezustehen. Die Kritik wurde weitestgehend unkritisch von deutschsprachigen Mainstream-Medien wie Zeit und Welt übernommen. Wir sprachen anlässlich der Eröffnung der Documenta mit einem prominenten Vertreter des palästinensischen Kollektivs, Yazan Khalili.

Yazan Khalili, waren Sie selbst in Kassel, als Ihre Ateliers verwüstet wurden?

Die Angriffe trugen sich in zwei Räumen zu, in denen wir unsere Arbeiten zeigen. Wir waren aber nicht selbst vor Ort, als es passierte.

Wie bewerten Sie die Angriffe? 

Ich lese sie als klare Drohung gegen uns. Eine Drohung, die auf den Anschuldigungen beruht, die sich in den Medien aufgestaut haben. Diese Anschuldigungen nutzen eine spezifische Agenda, um Palästinenser zu dämonisieren.

„Ich habe mich noch nie im Leben so zum Schweigen gebracht gefühlt. Diese ganze Kampagne läuft ja komplett über unsere Köpfe hinweg.“

Yazan Khalili

Sie sagen, der Vandalismus-Fall war eine Folge aus der Kampagne, die wir in den letzten Wochen gegen Ruangrupa und The Question of Funding beobachten konnten?

Auf jeden Fall. Es war eine Folge der rassistischen Behauptungen durch einen bekannten rassistischen Blog. Hoffentlich geht das alles nicht über diese Art von Angriffen gegen Sachen und Kunsträume hinaus. Leute hier sagen jetzt, wir brauchen mehr Sicherheitspersonal. Aber es geht nicht nur um Sicherheit. Auch die Medien haben ganz wesentlich dazu beigetragen, dass die Stadt Kassel ein unsicherer Ort wurde. Ausschließlich von diesen Vandalen zu sprechen, ist nicht die ganze Geschichte. Was wir hier sehen, ist ein Akt politischer Aufwiegelung.

Hätten Sie, bevor The Question of Funding nach Kassel kamen, erwartet, dass so etwas hier passieren würde?

Überhaupt nicht. Das überstieg wirklich meine Vorstellungskraft! Dass wir es mit so einer Bedrohung zu tun haben, hier in Deutschland. Hierherzukommen und sich damit konfrontieren zu müssen – noch dazu ohne jede Rechtfertigung –, das habe ich wirklich nicht erwartet. Ich habe mich noch nie im Leben so zum Schweigen gebracht gefühlt. Diese ganze Kampagne läuft ja komplett über unsere Köpfe hinweg. Wir sind lediglich Holz in ihrem Feuer. Das war schon eine ziemlich beängstigende Erfahrung.

Was erwarten Sie von der Documenta-Leitung?

Erst mal muss ein Gefühl der Sicherheit geschaffen werden. Letzteres müssen wir aber auch kritisch hinterfragen. Ja, ich will Schutz, aber mehr Sicherheitskräfte und Polizei sind nicht der einzige Weg. Wir haben es hier mit einer relativ kleinen Hassgruppe zu tun. Wenn man sich ansieht, wie sie von den Medien angeheizt wurde, denke ich, die Documenta-Leitung müsste hier eine viel aktivere Rolle übernehmen. Zudem müssen sich die deutschen Kulturinstitutionen zu Wort melden. Finden sie es okay, in einem derart aggressiven Umfeld zu arbeiten? Das ist eine Frage, die die Zukunft der Kulturproduktion in Deutschland betrifft. Palästinenser zu sein, bedeutet in Deutschland, bedroht zu sein – das sehen wir auch in anderen Kontexten. Wäre dieser Skandal im Rahmen in einer kleineren Institution aufgekommen, wäre es wohl noch viel aggressiver zugegangen.

Was mit The Question of Funding passiert ist, ließe sich im Zusammenhang mit Vorfällen aus der jüngeren Vergangenheit sehen: mit Achille Mbmebe, dem kamerunischen Philosophen, der wegen angeblicher BDS-Nähe öffentlich geschmäht wurde. Oftmals steht die BDS-Resolution im Zentrum jener Debatten. Haben Sie sie verfolgt?

Ich hatte mich damit noch nicht näher beschäftigt, als wir eingeladen wurden. Soweit ich weiß, ist diese BDS-Resolution inzwischen von mehreren deutschen Gerichten für verfassungswidrig erklärt worden. Man kann also nicht sagen, dass BDS in Deutschland illegal wäre. Soweit ich weiß, wird in der sogenannten Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus (JDA) in Artikel 14 klar gesagt, dass BDS nicht per se antisemitisch ist. Aber das ganze Thema BDS hat sich mittlerweile eben zu einer Medienkampagne entwickelt. Ohne Frage liegt diesem Angriff auf uns und Ruangrupa eine politische Agenda zugrunde.

„Das ganze Thema BDS hat sich mittlerweile eben zu einer Medienkampagne entwickelt. Ohne Frage liegt diesem Angriff auf uns und Ruangrupa eine politische Agenda zugrunde.“

Yazan Khalili

Sie sind politischer Künstler. Wie wirken sich die Ereignisse der letzten Wochen auf Ihre Arbeit aus, hier auf der Documenta?  

Selbst die unpolitischste Kunst aus Palästina ist politisch. Wir beschäftigen uns mit Ökonomie, Finanzierungsfragen und mit Ressourcen. Zu sagen, das stünde außerhalb der Politik, entwertet auch die Arbeit, die wir machen. Wir sind hier, um uns innerhalb der Kunstpraxis der Politik zu nähern. Die Politik ist somit unvermeidlich ein organischer Teil unserer Arbeit. Prinzipiell verstehe ich die Trennung zwischen Kunst und Politik aber auch gar nicht. Ich denke, gute Kunst ist sich der politischen Aspekte ihrer Produktion durchaus bewusst. Das ist wichtig, wenn es sich um Kunst handelt, die bestehende Normen herausfordert.

Wie war es für Sie, mit Ruangrupa zusammenzuarbeiten?

Was Ruangrupa im Lumbung vorschlagen, ist ein gut durchdachter, kontextbezogener Ansatz. Diese Struktur hier in Kassel ist tatsächlich eine gelebte Erfahrung. Man spürt das als Kollektiv, als Gruppe, als Individuum. Man spürt, wie wahr das ist. Die rassistischen Anschuldigungen des Antisemitismus legen einen sehr hässlichen Mantel über die Sache. Natürlich spreche ich darüber aus meiner Sicht der Dinge. Die Documenta ist jetzt mit diesen Vorwürfen verbunden. Sie sind stereotyp dafür, wie Kunst aus dem globalen Süden behandelt wird. Sie wird durch Mitleidspolitiken des Westens gelesen, anstatt sich damit auseinanderzusetzen, was sie eigentlich ist.

Was wäre die Alternative?

Zu versuchen davon zu lernen. So viel Wissen, Erfahrungen, Geschichten und Experimente treffen hier aufeinander. Dinge, von denen Leute hier sonst nichts mitbekommen hätten. Man behandelt sie mit einer Art Überlegenheit, die mich traurig macht. Denn in Wirklichkeit wird hier ein Moment des Lernens erzeugt. Wo sonst hätte ich die Möglichkeit, Praktiken aus Ländern wie Mali, Kenia und Indonesien kennenzulernen? Es ist nicht leicht, eine lokale Erfahrung an einen anderen Ort zu übersetzen. Die Anstrengungen, die unternommen werden, um diese tiefgreifenden lokalen Erfahrungen für ein internationales und deutsches Publikum lesbar zu machen – das sollte gefeiert werden! Es ist eine Anstrengung, für die man uns danken sollte. Dass all diese Bemühungen nun auf eine deutsche Perspektive der Politik reduziert werden, macht mich traurig. Es gibt dieses Sprichwort: „Wenn zwei Elefanten sich streiten, leidet das Gras.“ Wir sind das Gras dieser Gleichung.

Was entgegnen Sie eigentlich den Vorwürfen des Antisemitismus, die gegen Ihre Person erhoben wurden?

Antisemitismus ist gegen jedes meiner Prinzipien. Wenn man wie ich aus einer Erfahrung kommt, dass man sich sehr bemüht hat, diesen Konflikt wirklich von seinen rassistischen Strukturen zu lösen, ist dieser Vorwurf schon sehr frustrierend.

Was planen Sie, wenn die Documenta vorbei ist?

Ich arbeite jetzt an meiner Doktorarbeit in Amsterdam. Ich habe aber auch vor, einen richtig langen Urlaub zu machen. Mal sehen, wie sich das noch auf uns auswirken wird. Nach dem Angriff auf unsere Studios hier in Kassel dachten wir zunächst, wir sollten sofort abreisen. Aber wir wollen auch nicht, dass die ganze Sache aufgrund dieser Angriffe zusammenbricht. Es geht jetzt darum, die Institution – also unsere Gastgeber – zu drängen, klarere Maßnahmen gegen diese Art von rassistischen Angriffen und Rufmord zu ergreifen.

Wenn Institutionen beschließen, palästinensische Künstler, Intellektuelle und Journalistinnen schlicht nicht mehr einzuladen (...) dann findet in der Regel unsichtbare Zensur statt.

Yazan Khalili

Wie blicken Sie nach dieser Erfahrung auf die Zukunft der deutschen Kunstszene?

Das Schlimmste ist in meinen Augen, wenn unsichtbare Zensur beginnt. Wenn Institutionen beschließen, palästinensische Künstler, Intellektuelle und Journalistinnen schlicht nicht mehr einzuladen, bevor es öffentlich wird: Dann findet in der Regel unsichtbare Zensur statt. Das macht mir Angst. Ich denke, dass sich Kultureinrichtungen aktiv dagegen aussprechen müssen. Palästinensische Geschichten müssen öffentlich sein. Wie können wir als Einzelpersonen gegen unsichtbare Zensur vorgehen? Ich lege meine Hoffnung da eher in die Communitys als in die Institutionen. Aber die deutschen Institutionen müssen auch wissen, dass sie, wenn sie Palästinenser anfragen, nie wissen können, wo das endet. Wenn sie die Meinungsfreiheit aufrechterhalten wollen, mit der sich Deutschland so rühmt, dann müssen sie sie zu einem absoluten Wert machen. Das schließt natürlich nicht die Meinungsfreiheit von tatsächlichen Antisemiten und Rassisten ein. Wir alle wissen, was Rassismus und Antisemitismus sind. Aber die Gleichsetzung palästinensischer Narrative mit Antisemitismus ist eben auch eine Form von Rassismus.

Sehen Sie Parallelen zu Meinungsfreiheit-Debatten in anderen Ländern?

In Ägypten sagen die Leute oft: „Wir haben zwar Redefreiheit, aber unsere Tradition und Geschichte lässt dieses und jenes nicht zu.“ Dieses „aber“, dieses vorgeblich Unproblematische, das ist für mich die erschreckendste Form von Zensur, weil sie so strukturlos ist. Einmal – wenige Monate bevor ich auf der Shanghai Biennale ausstellen sollte – bekam ich eine E-Mail, in der es hieß: „Bitte schicken Sie uns Ihre Videos, die Zensurbehörde will sie überprüfen.“ Dort macht man keine Witze! Ich sage: Wenn Deutschland ein Land der Zensur sein will, dann macht es richtig. Dann wissen wir wenigstens, woran wir sind und wie wir damit umgehen müssen. Die Situation in Deutschland ist so strukturiert, dass man sich als Künstler im Wald verirrt. Wir haben es mit feindseligen Stimmen zu tun. Mit Leuten, die uns vorverurteilen und bestrafen, oft in ein und demselben Artikel. Und das, ohne überhaupt jemals mit uns zu sprechen.

Sind Sie nach dem Vandalismus-Fall in einen anderen Raum umgezogen?

Wir haben beschlossen, die Ausstellung im selben Raum zu belassen. Wir wollen sogar das Graffiti und die Beschädigungen dort belassen. Bei der Lumbung-Ausstellung ging es ja vor allem um den Prozess. Die letzten sechs Monate wurden durch die Medien-Kampagne völlig überschattet. Es ist eine schwierige Frage, ob wir sie in unsere Arbeit einbeziehen oder nicht. Es ist im Grunde genommen eine Lose-lose-Situation. Das macht die Sache sehr anstrengend.

Was denken Sie über die Rolle der Documenta in diesem Prozess?

Traurigerweise hat die Documenta sehr lang gezögert. Ich bin im Nachhinein nicht sicher, ob sie aktiv genug auf die Geschehnisse reagiert haben oder ob sie sich einfach nicht damit auseinandersetzen wollten.

Warum, glauben Sie, war die Reaktion so zögerlich?

Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil die Documenta mit öffentlichen Mitteln finanziert wird. Jetzt, wo ich sehe, wohin uns das führt, denke ich, es wird sehr wichtig sein, dass die gesamte progressive deutsche Medien- und Kulturszene die Documenta und auch andere Institutionen fragen werden: Warum zögert ihr immer noch, wenn es um solche rassistischen Angriffe geht? Sich hinter der Meinungsfreiheit zu verstecken, reicht in dem Fall einfach nicht. Wir müssen für ein Umfeld sorgen, das nicht zu Gewalt, Hetze, Verleumdungskampagnen und Rufmord führt.