Junge Musiker aus Griechenland, aus Europa und aus der ganzen Welt musizieren zusammen beim Auftakt von Young Euro Classic 2020.
Foto: Kai Bienert/Young Euro Classic

BerlinEs ist nicht unwahrscheinlich, dass uns Corona das beste der 21 Young Euro Classic-Festivals beschert. Damit meine ich weder das Warten an einem der nicht gerade auffällig gekennzeichneten, je nach Sitzplatz zugewiesenen Eingänge, noch die Aufforderung zum Desinfizieren der Hände oder den abgeschotteten Gang immer den auf den Boden aufgeklebten Pfeilen entlang – man erkennt das Konzerthaus kaum wieder, wenn die Bewegungsfreiheit derart eingeschränkt wird. Das hat auch Vorteile: Dank großzügiger Sitzplatzvergabe bei aufgelockerter Bestuhlung hat man Platz und Beinfreiheit, und wurde man zu normalen Zeiten von den Schließerinnen ungnädig zur Garderobe geschickt, wenn man versuchte, einen Rucksack in den Saal zu bringen, darf man seinen Kram jetzt zum Platz mitnehmen; die Garderoben sind zu.

Leider hat man weder auf die Festival-Fanfare von Ivan Fischer verzichtet noch auf die Reden der Paten. Durch sie dauerte das pausenlose Konzert nun doch 90 Minuten statt der angekündigten 60. Wenn jeder Sprecher bis zum Erreichen seines je eigenen Mikrofons einen Mundschutz trägt, obwohl er bis dahin gar nichts sagt, die Musiker sich zwar hinter den Türen sichtlich drängen, um auf der Bühne im braven Mindestabstand zu schreiten und zu stehen, und ihre Gesichter erst kurz vor dem Ansetzen des Instruments vollständig sichtbar werden, dann hat man den Eindruck, hier solle dem Publikum gezeigt werden, was Hygiene ist – der Kultursenator verglich dann auch den disziplinierten Ablauf des Konzerts mit der großen unmaskierten und undistanzierten Demonstration am Nachmittag.

Weil kein Orchester einreisen konnte, setzt der künstlerische Leiter Dieter Rexroth auf klein besetzte Werke, die von fortgeschrittenen Studenten der Berliner Hochschulen aufgeführt werden können. Zum Auftaktabend unter der Überschrift „Griechenland“ spielte das Careus-Ensemble des Geigers Jonian Ilias Kadesha. Dieser ist bereits ein so souveräner, künstlerisch individualisierter Geiger, dass noch die wenigen Töne, die er nicht trifft, zu seiner Sprache gehören und Teil seines individuellen Ausdrucks sind. Nicht weniger beeindruckend die Sopranistin Siobhan Stagg und die Pianistin Danae Dörken. Zwar steht Siobhan Stagg so weit hinten, dass man vom Text von Schuberts „Hirt auf dem Felsen“ wenig versteht, aber die Perfektion, mit der die Australierin die Lagen ihres satt timbrierten Soprans ausgleicht, mit der sie phrasiert und Farben aufträgt, teilt sich dennoch mit. Danae Dörken trägt zwei schwerblütige Préludes des griechischen Spätestromantikers Manolis Kalomiris so vor, dass man nicht nur über ihre erstaunliche Virtuosität staunt, sondern auch gebannt lauscht, was diese Musik zu erzählen hat.

Vom etwas eingeschoben wirkenden Schubert abgesehen überzeugte der Wechsel zwischen Kammerorchester und kleiner Besetzung – Kadesha spielt zusammen mit den beiden Cellisten des Ensembles auch Duos vom jungen, noch Bartók-nahen Iannis Xenakis und von der Gründerfigur der griechischen Moderne, Nikos Skalkottas, der sowohl schmissige „Griechische Tänze“ schrieb, als auch in seinem Duo struppige Dissonanzen und komplizierte Verläufe. Die mitreißenden Ensemblequalitäten von Careus waren an Mendelssohns 2. Streichersymphonie am besten nachzuvollziehen: Ein satter, dennoch für die polyphonen Tricks transparenter und für die erstaunlichen Ausdrucksnuancen variabler Klang, ein die Gruppe durchwirkender Geist höchster rhythmischer Flexibilität: Schöner hätte das Berliner Konzertleben nicht beginnen können.

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