Mayumi Kanagawa Violine.
Foto: Kai Bienert | MUTESOUVENIR

BerlinBlickte man am Sonnabend auf das Podium des Konzerthauses, war die Lage fast normal: Die vier Solisten, die von den Berliner Musikhochschulen ausgewählt worden waren, um vier Solo-Werke von Johann Sebastian Bach zu spielen, traten ohne Maske auf. Lediglich das Aufgebot zweier Klaviere für zwei einander folgende Pianisten konnte stutzig machen – damit sparte sich das Konzerthaus eine Desinfektions-Performance auf offener Bühne. Bach steht selten auf dem Programm von Young Euro Classic, zumal die Solo-Werke für Klavier, Violine oder Violoncello im Ruf stehen, dem Spieler wesentlich mehr Vergnügen zu bereiten als dem Hörer. Aber es kommt dann doch darauf an, was man daraus macht.

Schaghajegh Nosrati, in Deutschland geborene Studentin der Barenboim-Said-Akademie, begann das erste Stück aus der „Kunst der Fuge“ mit introvertierter Gebärde, und im ersten Stück gelingt ihr eine fesselnde Erzählung, aber schon das nächste der ausgewählten Stücke mit seinen französischen Rhythmen geht in solcher Introversion nicht auf und bedürfte größerer Gebärden.

Diese bietet Marcel Johannes Kits aus Estland, der an der Universität der Künste studiert, in der zweiten Cello-Suite fast schon im Übermaß: Das Tempo der Courante scheint nicht recht auf die Akustik des Saals abgestimmt, schlägt ein bisschen arg zwischen den Extremen gedehnter Töne und geraffter Figuren aus und hinterlässt im Saal harmonische Unschärfen. Viel Schönes gibt es bei Nosrati und Kits zweifellos: Die klangliche Welle, die Nosrati durch den „Canon alla Duodecima“ wirft, lässt ebenso aufhorchen wie die expressive Wildheit, die Kits in den raschen Sätzen der Cello-Suite entdeckt. Dennoch scheint Bach für Nosrati und Kits Nebenschauplatz ihres künstlerischen Interesses zu sein, zwischen romantisch gedachtem Ausdruck und Struktur ist noch kein klarer Weg gefunden.

Mo Zhou aus China, ebenfalls Student der UdK, begeht einen solchen Weg in der vierten Partita für Klavier: Noble Distanz waltet in der überwältigend schönen Allemande. Statt sich in ihren Längen zu verlieren, zeichnet Zhou strikt den harmonischen Pfad nach. Bei aller Durchleuchtung und Disziplin ist bei diesem Pianisten auch ein Hintergrund an Fantastik zu erahnen.

Schlicht spektakulär spielte Mayumi Kanagawa aus Deutschland und Studentin der Hochschule für Musik die Violin-Partita in d-Moll. Schon in den einleitenden Sätzen bewies sie schier frappierende Herrschaft über die Gestaltungsmittel, und die Chaconne war live wohl selten so gut zu hören. Kanagawa spielt nicht nur technisch perfekt und mit anrührend schönem Ton, sondern macht Dinge hörbar, die man kaum vermutet hat, vermag auf den vier Saiten ungeahnte Nebenstimmen zu phrasieren, auf kürzestem Raum eine unendliche dynamische Spannweite zu entfalten. Form ohne Formalismus, Originalität ohne Manier: überwältigend!