23.08.2019, Berlin: Kirill Petrenko (M.), Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, nimmt am Schluss seines Antrittskonzerts in der Berliner Philharmonie den Applaus des Publikums entgegen.
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Berlin„Derzeit nicht im Verkauf“, „Der Vorverkaufstermin wird zu einem späteren Zeitpunkt bekannt gegeben“ – wer jetzt im Internet Karten für ein Konzert der Berliner Philharmoniker oder im Pierre-Boulez-Saal erwerben will, erhält solche Auskünfte. Denn angesichts der epidemiologischen Situation und ihrer Dynamik wollen sich die Veranstalter noch immer Entscheidungen offenhalten, um nicht wieder in die Verlegenheit zu kommen, Karten zurücknehmen oder in Gutscheine umwandeln zu müssen. 

Die Rahmenbedingungen sind von der Infektionsschutzverordnung vorgegeben: Im August dürfen sich, die Wahrung der Abstandsregelung vorausgesetzt, in geschlossenen Räumen 500 Personen aufhalten, im September 750. Darunter fällt nicht nur das Publikum, sondern auch die Musiker und das gesamte Backstage-Personal. Je nach Lüftungstechnik, je nach Saalschnitt ergibt das in den großen Berliner Konzerthäusern unterschiedliche Auflagen: Der Boulez-Saal wartet noch ab, wie viel Karten er für seine Konzerte ab dem 1. September verkaufen kann – vermutlich nur um die 150 – und wie die Programme dann zurechtgestutzt werden müssen. Mit Ausfällen rechnet das Haus jedoch nicht. Im Konzerthaus dürfen Konzerte höchstens 60 Minuten dauern und für ein Publikum von 350 Besuchern veranstaltet werden, in der Philharmonie sind 90 Minuten vor 420 Besuchern zulässig.

Das sind die Größen, mit denen jene Festivals arbeiten müssen, die traditionell der Konzertsaison vorangehen. Young Euro Classic im Konzerthaus vom 1. bis 10. August und das Musikfest Berlin in der Philharmonie vom 25. August bis zum 23. September stehen unmittelbar bevor und haben ihre Planung an die Situation angepasst. Sie zeigen exemplarisch, unter welchen Einschränkungen das Konzertleben in Berlin in der nächsten Zeit leiden wird. Sie sind erheblich, und dennoch können die künstlerischen Leiter beider Festivals stolz sein auf das, was sie dennoch auf die Beine stellen werden.

Gastspiele ohne Reisen

Dieter Rexroth von Young Euro Classic, dem Festival für internationale Jugendorchester, erhielt Absagen, bevor er selbst absagen musste: Das kanadische Jugendorchester meldete bereits Ende Februar, dass es nicht kommen würde. Die Mitglieder von Jugendorchestern sind in besonderem Ausmaß schutzbefohlen, nicht nur die Institutionen selbst übernehmen Verantwortung, natürlich können schon die Eltern ihre Einwilligung zu einer Reise verweigern, die eventuell in ein Krisengebiet führt oder anschließend in die generelle Quarantäne. Die Unwägbarkeit der Situation seit März führte zu immer mehr Absagen – als keine zehn Orchester mehr übrig waren, war für Rexroth der Moment gekommen, das bewährte Konzept zu verabschieden.

Nicht nur die Reise-Beschränkungen wurden zum Problem, deren Lockerung im Frühjahr nicht abzusehen war. Die Abstandsregeln, für die Aerosol-versprühenden Bläser noch einmal verschärft, verkleinern die nutzbare Fläche des Konzerthaus-Podiums so sehr, dass große Besetzungen nicht mehr unterzubringen sind. Die Lösung war mithin, auf Reisen zu verzichten und die Besetzungen zu verkleinern.

Rexroth setzte sich mit den drei Berliner Musikhochschulen, der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“, der Universität der Künste und der Barenboim-Said-Akademie in Verbindung, um ihnen ein Kammermusikfestival mit ihren besten Studenten vorzuschlagen. Anfängliche Skepsis wandelte sich in Begeisterung, nicht zuletzt unter den Studenten selbst, die im vergangenen Semester nicht auftreten konnten und auch kaum in den Genuss von Unterricht kamen – geradezu gierig stürzten sich die jungen Musiker auf das Angebot, erzählt Rexroth.

Die Programmatik, die Young Euro Classic im Namen trägt, konnte dabei gerettet werden: Die Berliner Musikstudenten sind jung, kommen aus der ganzen Welt, und sie spielen vor allem Klassik. Den europäischen Schwerpunkt hat Rexroth betont, indem er einige Konzerte als Metropolen-Porträts anlegte: In Wien, Paris, St. Petersburg bildete sich eine je eigene Spielart dessen aus, was wir heute unter dem Spartenbegriff „Klassik“ fassen – dabei spannt etwa das Wien-Programm den Bogen von Haydn bis Alban Berg, und das alles in nur einer Stunde.

Angesichts eines kleinteiligen Programms wie diesem stellen sich besondere Probleme: Wenn der Pianist wechselt, muss die Tastatur des Flügels desinfiziert werden, Auf- und Abtritte der Musiker müssen sorgfältig choreografiert werden, damit die Abstandsregeln nicht nur auf dem Podium, sondern auch während der Wege und in den Garderoben eingehalten werden können.

Rexroth hat das maßstabsgetreu mit Playmobil-Figuren auf einem Raumplan durchgespielt und festgelegt – eigentlich nicht seine Aufgabe, aber es erinnerte ihn daran, wie er 1986 in der Frankfurter Alten Oper 32 Veranstaltungen innerhalb einer Nacht koordinieren musste. Bei allen Schwierigkeiten aber sei die Programmarbeit für dieses Festival „ein Lustspiel“ gewesen.

Ein kleines Ensemble verbreitet sich wie ein riesiges Orchester

Ganz so fröhlich klingt Winrich Hopp, künstlerischer Leiter des Musikfest Berlin, nicht, aber auch er denkt dankbar daran, wie verständnisvoll und kooperativ alle Ensembles und Institutionen miteinander umgegangen sind. Auch beim Musikfest sollten Orchester aus den Niederlanden, England, Frankreich, Schweiz und Italien anreisen, oft waren es Gastspiele im Rahmen von Tourneen – bis alle Tourneen zerbröselten. Jetzt ist das Musikfest, abgesehen vom Auftritt des Klangforum Wien, eine rein deutsche, ja eine fast rein Berliner Angelegenheit.

Aber auch bei diesem in der Philharmonie angesiedelten Festival zwingt der Abstand zu Abstrichen: „Ein kleines Orchester von nur 40 Musikerinnen und Musikern nimmt nun so viel Platz auf dem Podium ein wie die riesige Besetzung einer Mahler-Symphonie“, sagt Hopp. Und so spielen die Berliner Philharmoniker mit Daniel Harding eben nicht Mahlers Fünfte, sondern Beethovens „Pastorale“ – die eigentlich Les Siècles aus Frankreich spielen wollten. Die für jenen Abend geplante europäische Erstaufführung des neuen Werks von Olga Neuwirth mit Kinderchor wurde durch Alban Bergs Bläser- (und damit Aerosol-)freie „Lyrische Suite“ ersetzt.

An allen Ecken und Enden musste Hopp ändern. Konzerte mussten in zwei Teile auseinandergenommen werden, weil sie die zulässige Dauer überschritten, sie mussten, wie zum Beispiel der Beethoven-Sonaten-Zyklus mit Igor Levit, aus dem Kammermusiksaal in die Philharmonie verlegt werden. Aber was sich so einfach liest, ist nur unter Ächzen zu organisieren: Jetzt kommt das Haus gar nicht mehr zur Ruhe, zumal die Verpflichtung zum Desinfizieren des Saales zwischen den Veranstaltungen und den Proben den enorm verdichteten Betrieb auch noch ausbremst.

Stärker als Young Euro Classic lebt das Musikfest Berlin von seinen Inhalten. Angekündigt war es als „Fest für Beethoven und die Musik unserer Zeit“. Der Jubilar ist nun mit den Klaviersonaten und vier Symphonien noch immer sehr präsent, doch die repräsentativen Aufführungen der „Missa solemnis“ durch John Eliot Gardiner und seines Ensembles sowie der „Leonore“ durch die Deutsche Oper Berlin fallen der Absage, den Abstandsregeln und dem Singverbot zum Opfer.

Fast vollständig erhalten und in zahlreichen Konzerten präsent ist dagegen die Musik von Rebecca Saunders, der in diesem Jahr der Siemens-Preis überreicht wurde. Gewichtige Aufführungen von Georges Aperghis und Wolfgang Rihm sind ebenfalls im Programm geblieben. Was allerdings aus dem geplanten Programm des Rias-Kammerchores wird, ist noch immer ungewiss. Das Singverbot wird zwar in seiner am 23. Juni veröffentlichten strikten Form aufgehoben werden, aber in welcher Weise und mit welchen Konsequenzen, das wird man nach Auskunft des Kultursenators Klaus Lederer erst in ein bis zwei Wochen wissen.

Wie werden die wenigen Tickets verkauft?

Nachdem alle Eintrittskarten für das Musikfest, die vor dem 21. Juli gekauft wurden, nicht mehr gültig sind, findet nun ein neuer, verbindlicher Vorverkauf statt. Für Young Euro Classic bekommt man schon beinahe kein Ticket mehr – da das Festival sich auch in den Vorjahren sehr gut verkauft hat, ist das bei beschränktem Platz kein Wunder.

Was den Beginn der kommenden Konzertsaison betrifft, ist weniger die Frage wie viel als vielmehr was verkauft wird: Auch hier müssen Programme in der Dauer und Besetzungsstärke angepasst werden, auch müssen wegen unterschiedlicher Reiseregelungen eventuell andere Solisten verpflichtet werden.

Daher beginnt das Konzerthaus erst am 10. August den Vorverkauf, während die Philharmonie in der nächsten Woche zunächst ihre Abonnenten informieren will – und da öffnet sich das nächste Problem: Wie stellt man die Stammbesucher zufrieden? Bei weitgehend ausabonnierten Konzertreihen können die vor einem Viertel der möglichen Auslastung stattfindenden Konzerte kaum viermal gegeben werden. Das Deutsche Symphonie-Orchester nimmt deswegen Konzerte im September und Oktober aus den Abonnements heraus und muss schon wieder Erstattung leisten, das Rundfunk-Sinfonieorchester hüllt sich noch in Schweigen.