Alexander Marcus hat einen Vogel. Und jetzt fliegt er los. Blaue Federn, gelber Schnabel, ein Papagei vielleicht oder eher Tukan. Jedenfalls um die vier Meter lang und aufblasbar. Wie ein Mobile hängt er oben an der Hallendecke – gerade über mir. Ralfo heißt der Vogel. Wenn er landet, wird die Show beginnen, wird Alexander Marcus auf die Bühne kommen. 

Zur Erinnerung: Alexander Marcus ist dieser dauergrinsende Typ mit den zurückgegelten Haaren und den rosafarbenen Bundfaltenhosen. Vor zehn Jahren hat er einen Musikstil erfunden, einen Mix aus elektronischer Musik und Folklore, den er konsequenterweise Electrolore nannte. In seinem bekanntesten Video planscht er im Berliner Teufelssee und singt von der Tropeninsel Papaya. Im zweitbekanntesten schmiert er sich Toast Hawaii ins Gesicht.

Alexander Marcus war der erste deutsche Youtube-Star. Und es gibt ihn immer noch. Er nennt sich King of Electrolore, sein Königreich grenzt an Trash, Kitsch und Schund und erstreckt sich inzwischen von der Schlange am Berghain bis zum Kater am Ballermann. Über fünfzig Millionen Mal wurden seine Songs geklickt, einige landeten in den deutschen Dancecharts.

Hier in Leipzig endet seine Jubiläumstour. Und immer noch begleitet ihn diese eine Frage, sie klebt an ihm wie ein Kaugummi auf Asphalt: Meint er das eigentlich ernst oder will er uns nur verarschen?

Vor mir hüpft ein Pferdeschwanzmädchen in einem Hasenoverall

Auf den Bühnenvorhang steht in Großbuchstaben geschrieben, dass Ralfo ein Ei gelegt haben soll und dass dieses Ei mit der DNA von Alexander Marcus befruchtet worden sei und dass die DNA von einem Toast Hawaii extrahiert werden musste. Ich lese: „Der Brutvorgang läuft.“

Neben mir steht ein Vollbartträger, den niemand schräg anguckt, obwohl er neongrüne Röhrenjeans mit einem blaugelben Karohemd kombiniert und einen rotierenden Miniglobus auf dem Kopf trägt.

Vor mir hüpft ein Pferdeschwanzmädchen in einem Hasenoverall und mit blinkenden Häschenohren. Ich sehe Plüschschuhe mit Hundeohren, die über den Hallenboden schleifen, goldene Leggins, Panamahüte, Kapitänsmützen, glitzernde Jacketts mit Schulterklappen, als wäre das hier ein Elektrofestival. Ich sehe ältere, sich umarmende Paare, jüngere, sich küssende Pärchen, von allen Seiten freudiges Johlen, Lachen, Kichern und noch mehr Farben, die leuchten, knallen, quietschen.

Backstage am Ende des Abends, mit einem Handtuch über den Schultern und einer Wasserflasche in der Hand, wird Alexander Marcus sagen, dass er sich manchmal vorstellt, wie es wohl wäre, wenn er unten bei seinen Fans sein könnte, tanzend und feiernd, beobachtend – und unerkannt.

„Papaya, Papaya, Coconut Banana“

Ich schaue noch mal zu Ralfo und frage mich, ob ich hier richtig bin mit meinem Kapuzenpulli-Look, mit meiner schlechten Laune, nur weil der Zug nach Leipzig Verspätung hatte und der Taxifahrer mir diesen argwöhnischen Blick zuwarf. Ich hatte ihm erklärt, was Electrolore ist, sein könnte, und dass ich früher mal eine seltsame Schwäche für Alexander Marcus hatte.

Warum?, fragte der Taxifahrer. Ich wusste es nicht mehr. Erst nach dem Konzert fiel es mir wieder ein.

Im Winter vor zehn Jahren kam mein Mitbewohner mit dem Laptop an den Küchentisch und musste mir unbedingt dieses Video zeigen. Youtube gab es erst seit zwei Jahren, und Berlin war eine Stadt, in der es sich neben all den Anstrengungen des Nachtlebens halbwegs vernünftig studieren ließ.

Wir tranken gerade den ersten Wodka-Shot aus winzigen Plastikbechern, als Alexander Marcus mit einer Muschelkette und einem Plastikhummer behängt aus dem Teufelssee auftauchte und uns aufforderte, ihm nach „Papaya, Papaya, Coconut Banana“ zu folgen – und da passierte etwas.

Vom Küchentisch aus betrachtet 

Etwas, das sich leicht anfühlte, nicht beschwert und erklärt werden wollte. Etwas Flüchtiges, Sinnliches und Lächerliches zugleich, das aber Peinlichkeit ausschloss und treibend war. Ein Gefühl, das einem den Koffer packt und gute Reise wünscht.

Vom Küchentisch aus betrachtet schien Alexander Marcus so weit entfernt zu sein wie der letzte Jupitermond. Er war anders als die anderen. Also, dachte ich, war ich es vielleicht auch oder konnte es noch werden. Im Winter vor zehn Jahren wurde Alexander Marcus zum Antihelden meines Alltags. Zum Lebensabschnittsgefühlbegleiter, ein paar Wochen lang. Hey, ich war Mitte zwanzig!

Mit Mitte dreißig saß ich mit auf der Couch – Fußball, Halbzeit, Werbung –, und plötzlich war dieses Etwas wieder da. Dieses Grinsen, das Gel, die Hose, diese Stimme, die verlangt: „Sei kein Frosch, kleine Maus.“

Meine Gedanken sprangen in die Vergangenheit und wieder zurück in die Gegenwart. Der Werbespot spielte in einer Abfüllanlage, Alexander Marcus fuhr einen Gabelstapler und sang: „Diese Mate, die ich meine, die heißt Maya.“

„Das Feuilleton war nicht nett zu mir“

Bis zu unserem ersten Gespräch sollten einige Wochen vergehen. Das war genug Zeit, um mir einen Überblick zu verschaffen über die neuesten Liebeserklärungen und Hasstiraden, die Alexander Marcus von Anfang an und in etwa gleichen Teilen über alle Kanäle erreichten.

In den wenigen Interviews las ich über sein Leben, die fünf Alben, diesen einen Kinofilm, in dem Bela B. mitspielte. Warum grinsen Sie immer so viel, wurde er oft gefragt und gab diese Antwort: „Weil es gesund ist.“ Irgendwo stand: „Das Feuilleton war nicht nett zu mir.“

Ich wusste bald, dass Alexander Marcus, 45, in Wahrheit ein Berliner Housemusikproduzent namens Felix Rennefeld ist und dass er ein Kunstprodukt der Werbeindustrie sein muss.

Oder eine Marionette der Kunstszene, weil ja keiner allein so bescheuert sein kann, einen „Hawaii Toast Song“ zu dichten oder „Hundi“, „Homo Dance“ – und schon gar nicht „Pitschi Pitschi Popo“, wo es um einen weisen und gütigen Mann geht, der dank seiner „Magic Power“ unheilbare Krankheiten heilen kann.

Viele wollten Alexander Marcus auf die Schliche kommen

Ich las, dass Alexander Marcus bei seiner Großmutter in den Schweizer Bergen aufgewachsen ist, wo er die Liebe zur Volksmusik entdeckt haben soll, und später dann in New York lebte, wo erstmals Basslines in seinen Körper schossen und ihn auf die Idee brachten, sinnlose Schlagerzitate mit Rummelrumsbeats zu unterlegen.

Wie sich später herausstellte, war das nur eine Legende, eine geschickt glatte Lüge, um rätselhaft und im Gespräch zu bleiben. Es klappte.

Immer mehr Leute schienen dann erst recht auf der Suche zu sein, wollten Alexander Marcus auf die Schliche kommen, ihn enttarnen, ihm die Maske abziehen. Irgendwo musste diese Electrolore doch einen theoretischen Überbau haben, eine ironische Distanz, einen Bruch im Subtext oder nur den Hauch eines satirischen Bezugs auf einer Metaebene. Und wenn nicht?

Dann, so hieß es, ist alles eben eine „unheimliche Seelenlosigkeit“, „leblose Glückseligkeit“ oder „infantile Beschränktheit“ des „Lord Gaga“ oder „Ballaballa“.

Harald Juhnke erscheint im Traum

Alexander Marcus – die „schockgefrostete Schaufensterpuppe“, der „König der Fremdschämer“, der „ein spontanes Gruselgefühl“ erzeugt und dem nur ein „Großraumdiscoprekariat“ verfallen kann. Irgendwo fand ich ein paar nette Worte: „Das ist so schlecht, dass es wieder gut sein muss.“ Und diesen Post: „Selten so einen kranken Typen gesehen – ich liebe ihn dafür.“

Doch weil Alexander Marcus einfach nur seine Musik machte, durch Deutschland tourte und keine Lust mehr hatte zu erklären, dass er es ernst meint und niemanden verarschen will, wurde die Suche zu einem Medienrennen, dessen Ziel es offensichtlich war, die abgefahrenste Drogenmetapher zu finden: „Als habe er Roland Kaiser in der Haschpfeife geraucht“ (Hamburger Abendblatt). „Als hätte man Rex Gildo mit einer Überdosis Ecstasy gefüttert“(Stern). Und die FAZ hatte beobachtet: „Er sieht aus wie Michael Jackson auf Valium.“

Alexander Marcus sagt, dass er gelegentlich mal eine Menthol-Zigarette raucht und eher eine Mischung aus Prince und Roger Whittaker sei. „Ich wurde dazu geboren, die Leute zu unterhalten.“

Zum ersten Mal traf ich ihn vor ein paar Monaten in einer Hotellobby in Wilmersdorf. Ein Schlaks mit Sonnenbrille, er trug sein Bühnenkostüm und war nicht anders als normal, was mich sehr entspannte. Er erzählte, wie alles anfing mit vierzehn, mit dem ersten Keyboard, einem Atari und einem Drumcomputer.

„Wir werden das Leben feiern“

Wie er später Songs und sogar einen Hit produzierte und trotzdem keine Plattenfirma fand. Wie er das Erbe seiner Großmutter schon fast verprasst hatte, depressiv wurde und ihm dann eines Nachts Harald Juhnke im Traum erschien. Er hatte Kuchen mitgebracht und einen Ratschlag: „Mach weiter so!“ Ich glaubte das.

Als Alexander Marcus immer erfolgreicher wurde, meldeten sich die Plattenfirmen, die ihn vorher ausgelacht hatten.

Am Ende des Gesprächs fragte ich, was mich erwarten würde in Leipzig, da sagte er: „Wir werden das Leben feiern.“ Der King of Electrolore saß auf einem verschnörkelten Sessel, der aussah wie ein Thron.

Und jetzt steckt er eben in Ralfos Ei. Der Countdown läuft, drei, zwei, eins, der Brutvorgang ist beendet, und der Vollbartträger, das Pferdeschwanzmädchen, das ganze Feiervolk flippt komplett aus, wirft Bierbecher in die Luft, als Alexander Marcus aus dem Ei schlüpft und seinen neuesten Song anstimmt: „Schwachkopf Manfred“.

Plötzlich sehe ich einen riesigen Toast Hawaii aufsteigen

Ich muss an das passende Video denken, in dem Freunde und Feinde von Alexander Marcus aufeinanderprallen, was blutig ausgeht. Und daran, wie er von den Drohmails erzählte, den Männern, die mal vor seinem Haus herumlungerten. Stand „Schwachkopf Manfred“ für diese ironische Distanz, die so viele bei Alexander Marcus suchen? Er sagt: „Ironie verpasst den Leuten nur einen intellektuellen Anstrich.“

Ich werde immer wieder zur Seite gedrängt und dann von einer Jungsgruppe wieder in die Mitte der Tanzfläche, wo ich immer noch nicht weiß, ob ich hier richtig bin. Da sehe ich einen riesigen Toast Hawaii aufsteigen – und es passiert etwas, das mich laut auflachen lässt. Ein Kind der Achtziger liebt Dosenananas und Scheiblettenkäse. 

Zur Erinnerung: Ich war der schlecht gelaunte Typ im Kapuzenpulli, als Alexander Marcus seinen Vogel steigen ließ. Der, der Nein sagte, als drei pinkfarbene Latzhosenträger am Tresen winkten. Es gab Wodka-Shots aus winzigen Plastikbechern.