Für deutsche Nutzer noch kaum sichtbar, durchläuft die Videoplattform Youtube derzeit seine größte Transformation – mit dem Ziel, das Fernsehen zu revolutionieren. Die Plattform für wackelige Flimmervideos wird zu einem Online-TV-Sender mit Hunderten eigens produzierten Kanälen.

In den USA ist die Verwandlung in vollem Gange: Bis Ende Juli sollen hundert exklusiv für Youtube produzierte „Originalkanäle“ auf Sendung sein. Nicht weniger als 100 Millionen Dollar will Youtube in diese exklusiven Inhalte investieren. Deutsche Nutzer können sie zwar auch bereits sehen, müssen danach aber noch umständlich mit den Schlagworten „Youtube Original Channels“ über Google suchen. Und die Sendungen sind derzeit noch alle englischsprachig.

Ein neues Hollywood

Für das Unternehmen, das zum US-Internetkonzern Google gehört, ist es der nächste Schritt der Professionalisierung. Begonnen hat die bereits 2007. Seitdem hat Youtube nach eigenen Angaben mehr als 30.000 besonders erfolgreiche Nutzer als Partner rekrutiert. Mit ihnen teilt der Konzern sich die Werbeeinnahmen: Hunderte sollen im sechsstelligen Bereich verdienen, die erfolgreichsten wohl mehr als eine Million Euro – ihre Videos werden von ganzen Teams produziert.

Längst ist in der Nachbarschaft der Filmindustrie in Hollywood eine neue Branche entstanden, deren Firmen in eigens errichteten Studios nur für Youtube aufnehmen. Doch die Plattform will mehr. Für die Originalkanäle rekrutiert sie Veteranen des Showbusiness: Madonna hat mit „Dance On“ einen eigenen Tanzkanal gegründet, Skateboard-Legende Tony Hawk einen entsprechenden Kanal namens „Ride“. Drehbuchautor Anthony Zuiker, Erfinder der TV-Erfolgsserie „CSI“, experimentiert auf „Blackbox-TV“ mit Horror-Kurzfilmen und Science-Fiction-Miniserien. Es gibt Kooperationen mit Disney und dem Wall Street Journal, das genauso wie Reuters einen eigenen Nachrichtenkanal beisteuert.

Youtube baut so schrittweise das Profil eines TV-Netzwerks auf – nur im Internet. Mehr als tausend Interessenten sollen sich für einen Originalkanal in den USA beworben haben. Rund hundert bekommen nun den Zuschlag und einen Vorschuss von mindestens 35 000 Dollar, manche gar bis zu mehreren Millionen – Geld, das Youtube durch Werbung wieder einnehmen will. Haben sich die Investitionen amortisiert, sollen die Anzeigenumsätze mit den Kanal-Betreibern geteilt werden.

Youtube nutzt den Trend zur Tische

Aufwendig produzierte TV-Formate wird Youtube mit diesen Mitteln nicht schaffen können – immerhin kostet etwa die Herstellung einer einzigen Folge „Tatort“ im Durchschnitt 1,5 Millionen Euro. Doch auf so kostenspielige Formate zielt – zumindest vorerst – auch gar nicht die Strategie von Youtube. Der US-Konzern setzt vielmehr darauf, eine Entwicklung voranzutreiben, die das Fernsehen ohnehin in den letzten Jahrzehnten dominiert hat: der Trend zur Nische. Kabel- und Digitalfernsehen haben längst dazu geführt, dass aus Sportsendungen Extremsportkanäle entstanden sind – aber eben noch kein Skateboard-Kanal, wie ihn nun Youtube einführt. Ebenso gibt es Frauensender wie Sixx, Youtube bietet nun aber gleich drei Kanäle für Mütter an: „CafeMom“, „ModernMom“ und „The Mom’s View“.

Mit günstig produzierten Formaten, die im Vergleich zum Youtube-Standard professionell wirken, will der Konzern selbst noch für die kleinste Nische das passende Programm liefern. Die Zuschauerschaft fragmentiert sich auf diese Weise weiter, doch aus Sicht der Werbetreibenden werden die Zuschauer dadurch auch immer gezielter ansprechbar. Und diejenigen, die über Werbebudgets entscheiden, bekommen ein bislang ungekanntes Maß an Kontrolle über die Effekte einer Kampagne. Für jeden angemeldeten Nutzer ist potenziell sichtbar, was er angeschaut, wonach er gesucht und was er gekauft hat.

Youtube hofft deshalb darauf, dass es Werbebudgets erobern kann, die bislang die Kabelnetz-werke unter sich aufteilen. Nach Angaben des Magazins New Yorker werden für TV-Werbung in den USA jährlich 60 Milliarden Dollar ausgegeben – im Bereich Online-Video dagegen gerade einmal drei Milliarden. Diese Dominanz der TV-Sender ergibt sich auch aus deren unangefochtener Stellung bei der Verweildauer der Zuschauer: Die Nutzer von Youtube rufen zwar jeden Tag vier Milliarden Videos ab, verbringen dort aber gerade einmal 15 Minuten. Dagegen dauerbeschallen die Kabelsender vier bis fünf Stunden lang täglich die US-Wohnzimmer. Ohne eine stärkere Bindung hat Youtube keine Chance, hier mitzuhalten – schon deshalb, weil die einzelnen Clips im Durchschnitt nur drei Minuten lang sind.

Mit dem TV ins Netz

Bei der Neuausrichtung hat Youtube nicht nur Nutzer im Blick, die am PC, Laptop oder auf dem Smartphone Filme sehen. Fernsehgeräte verfügen zunehmend über einen Internetanschluss, schon heute ist Youtube auf diesen „Smart-TV“ die am meisten aufgerufene Netz-Anwendung. Die Grenzen zwischen TV und Online verschwimmen. Ähnlich wie Apple bietet Google eine TV-Box an, die Internet und Kabelfernsehen integriert. In acht Jahren, hofft Google, werden 75 Prozent des Fernsehens über das Internet geschaut.

In Deutschland gibt es bislang noch keinen offiziellen Starttermin für die Kanal-Offensive, anderswo schon: Dreizehn Originalkanäle sollen im Oktober in Frankreich online gehen, berichtet die Tageszeitung Le Figaro. Zu den Partnern soll neben dem Frauenwebportal aufeminin.com auch der Unterhaltungsgigant Endemol („Big Brother“) gehören. Auch in Großbritannien sollen mit Investitionen von zehn Millionen Pfund Dutzende eigene Sender gestartet werden. Spätestens wenn im September Google TV nach Deutschland kommt, dürfte Youtube auch hier die Fernsehrevolution ausrufen.