Auf Mallorca machte Yvonne Catterfeld ernst. Gemeinsam mit Benjamin Sadler und ihrem Freund, dem Schauspieler Oliver Wnuk, stieg sie in ein von Haien bevölkertes Aquarium, ohne dass sie sich zuvor allzu große Gedanken gemacht hätte – zumindest bis zu dem Zeitpunkt, da sie schwarz auf weiß lesen musste: Im Todesfall wird keine Haftung übernommen. Das gab ihr dann doch zu denken. Als der Tauchgang ohne nennenswerte Konflikte zwischen Mensch und Tier beendet war, da bekam Yvonne Catterfeld erst einmal einen Lachanfall. „Ich glaube, das ist mit allem so im Leben“, sagt sie. „Es geht immer wieder darum, seine Angst zu überwinden.“

Über Ängste und Mut geht es auch in ihrem neuen Film „Das Mädchen auf dem Meeresgrund“. Darin spielt die 32-Jährige – an der Seite von Benjamin Sadler – Lotte Hass, die Ehefrau des österreichischen Naturforschers und Tauchpioniers Hans Hass. 83 Jahre ist die gebürtige Wienerin heute alt. Der Film mit Yvonne Catterfeld zeigt sie als junge Frau, die nach dem Abitur eine Stelle als Sekretärin bei Hass annimmt und sehr bestimmt auf ihre Chance hinarbeitet: Sie möchte an einer Tauchexpedition im Roten Meer teilnehmen und für den Film, den ihr Chef plant, selbst Bilder unter Wasser drehen. Als Frau, im Jahr 1950, in einer Männerdomäne.

„Ich glaube, dass Lotte Hass für viele Frauen auch heute noch Vorbildfunktion haben könnte“, sagt Yvonne Catterfeld. Und wenn sie dann davon redet, wie sehr ihr die Konsequenz und die Standhaftigkeit der berühmten Taucherin imponieren, mit denen sie ihre Ziele verfolgt habe, dann stellt sich die Frage: Ist die Bewunderung vielleicht auch deshalb so groß, weil Lotte Hass bei der Realisierung ihrer Träume kompromissloser war als Yvonne Catterfeld? Weil sie genauer wusste, was sie wollte und was nicht, und mutig genug war, sich nicht von ihrem Weg abbringen zu lassen? „Also, ich bin schon ein mutiger Mensch“, befindet die Schauspielerin. „Aber ich war eine Zeit lang auch sehr beeinflussbar, weil ich es auch nicht besser wusste und dachte: Ich vertraue jetzt mal.“

Balladen aus dem Baukastensystem

Yvonne Catterfeld – das war die Darstellerin aus „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, die pathosüberfrachtete Lieder aus dem Balladen-Baukastensystem darbot, in ästhetisch oft fragwürdigen Videos. 2003 gelang ihr der erste Hit, die Bohlen-Produktion „Für dich“, ein Jahr später der zweite, „Du hast mein Herz gebrochen“ – Musik: Dieter Bohlen. Keine schlechte Bilanz, kurzfristig betrachtet. Aber für eine langfristige Karriere schien der Oberflächenreiz der Seifenopern und Pop-Stückchen nicht die geeignete Basis zu sein.

Dabei wollte Yvonne Catterfeld niemals ein „singender Soapy“ sein, wie sie sagt. Als sie nach einem Konzert von einem GZSZ-Produzenten eine Einladung zum Casting bekam, hatte Oliver Petszokat (GZSZ) mit seinen tapsigen HipHop-Simula- tionen den kommerziell erfolgreichsten Teil seiner Karriere hinter sich, die Zukunft gehörte Jeanette Biedermann (GZSZ). Ernst nahmen Menschen mit intaktem Geschmackssensorium beide nicht. Warum Yvonne Catterfeld, die Studentin für Jazz und Populärmusik an der Musikhochschule Leipzig, dennoch zum Casting ging? „Ich habe das gemacht, weil ich immer Situationen suche, in denen ich wachse und mich selber prüfe“, sagt sie. Zudem war die Rolle auf drei Monate begrenzt. Es gibt schlechtere Methoden, sein Studiengeld aufzubessern.

Doch bei den drei Monaten blieb es nicht. Yvonne Catterfeld hatte Blut geleckt. „Ich merkte, dass die Schauspielerei ein Ausdrucksmittel ist, das ich immer gesucht habe.“ Die Rolle der Julia Blum brachte ihr Popularität, und die damals 22-Jährige begann, die Welle zu reiten, die sich vor ihr aufbaute. 2002 war das. Dass Yvonne Catterfeld schon vor GZSZ Musik gemacht hatte, interessierte kaum jemandem. Und ihre Plattenfirma interessierte nicht, dass sich die frisch gekürte Daily-Soap-Pop-Schönheit, Spezialgebiet Romantisches, in unterschiedlichen Genres ausprobieren wollte. Gefragt war ein eindeutiges Image. Man wollte die schmachtende Zielgruppe ja nicht verwirren.

Einen Schlussstrich gezogen

Gewehrt hat sich der von der Teenie-Presse umgarnte Star lange Zeit nicht dagegen, „weil ich vorsichtig war“, räumt Yvonne Catterfeld ein. „Weil man dachte, das muss jetzt so sein, weil man sich an Regeln halten wollte, weil man professionell sein wollte.“ Man, nicht ich.

2005 zog Yvonne Catterfeld einen ersten Schlussstrich und trennte sich von ihrer Managerin. Mit ihrem neuen Manager habe sie damals über Dinge gesprochen, die erst jetzt passieren. „So etwas dauert einfach lange, vor allem, wenn man so ein Image hat, das man aber auch teilweise selbst zu verantworten hat“, sagt sie. „Ich kann bis zu einem gewissen Grad auch gut nachvollziehen, dass ich so ein Image habe oder hatte oder wie auch immer.“ In manchen Dingen sei sie damals nicht sie selbst gewesen.

Musikalisch zeigte sich ihr Wille zu mehr Selbstbewusstsein und Qualität 2010 mit dem Album „Blau im Blau“, das beinahe erwartungsgemäß nicht an alte Chart-Erfolge anknüpfen konnte. Als Schauspielerin hatte sie zu diesem Zeitpunkt bereits in einigen großen Produktionen mitgewirkt und das größte Ausrufezeichen mit dem Krimi „Schatten der Gerechtigkeit“ gesetzt, in dem sie sich meilenweit vom öffentlichen Status der romantischen Heldin entfernt.

Und jetzt also „Das Mädchen auf dem Meeresgrund“, ein Film, der die Jury des Grimme-Preises nicht in Wallung bringen wird, aber doch ordentliche Fernsehunterhaltung bietet. „Yvonne Catterfeld spielt meine Mutter, wie sie leibt und lebt“, lobt Meta Raunig-Hass, die Tochter von Lotte und Hans Hass. Mission erfüllt? Kann man so sagen. In der Szene, in der wie weiland 1950 ein Hai auf die Film-Lotte-Hass zuschwimmt, habe die leibhaftige Lotte Hass regelrecht aufgeschrien, hört man. Dabei war der Hai noch nicht mal echt – anders als die auf Mallorca.

Das Mädchen auf dem Meeresgrund, 20.15 Uhr, ZDF