Eine junge blonde Frau lässt sich nackt auf den Wellen eines Bergsees treiben. Dann taucht sie unter. Oder taucht sie ab? Tags darauf beginnt die Polizei im See nach ihr zu suchen. Ein Zeitsprung acht Wochen zurück zeigt die blonde Schwimmerin als Lehrerin, der scheinbar alles leicht fällt und alles zufällt. Luisa (Rosalie Thomass) hat mit ihren unkonventionellen Methoden eine Rabaukenklasse begeistert und privat den Schreiner Finn (Shenja Lacher) für sich gewonnen, der für sie seine langjährige Freundin aus dem Dorf verlassen hat.

Rosalie Thomass spielt Entwicklung der Lehrerin überzeugend

Doch von einem Tag auf den andern wird Luisas Status erschüttert. Auf dem Schulserver tauchen Nacktfotos von ihr auf, die von ihrem Exfreund stammen. Der gibt zwar zu, dass er die Bilder auf ein „Rache-Portal“ hochgeladen habe, beteuert aber, sie nicht weiter verstreut zu haben. Luisa glaubt, dass der Bauunternehmer (Johann von Bülow) hinter der Attacke steckt – sie hatte seinen lernschwachen Sohn nicht bevorzugen wollen. Schon mehrfach haben sich Fernsehfilme mit dem Thema Cybermobbing auseinander gesetzt, meist unter Jugendlichen, wie im Drama „Homevideo“, das schon 2011 Maßstäbe setzte.

Hier nun trifft es eine junge Lehrerin, die mit dem Netz aufgewachsen ist und recht unbefangen damit umgeht. Sie posiert sogar für ihre Klasse fürs Handyfoto, was ihr später prompt vorgehalten wird. Zugleich ist Luisa aber eine Frau, die sich überhaupt nicht als Opfer sieht, sondern vehement versucht, sich zu wehren, und dabei immer mehr missgünstige Dörfler gegen sich aufbringt.

Wie Rosalie Thomass diese Entwicklung spielt, ist ein Ereignis. Ihre Luisa ist schon dank ihrer strahlenden Erscheinung eine Provokation für die Alteingesessenen. Ihr Glaube, alles ließe sich aufklären, ist unerschütterlich – und trotzdem hat sie keine Chance. Zu sehr steht sie als Lehrerin im Blickfeld. Sie wird von den Kolleginnen im Stich gelassen, von der Schuldirektorin (Johanna Gastdorf) wie zu einem Tribunal zu den empörten Eltern geführt – und von den Männern des Ortes am Telefon sexuell belästigt. Selbst ihr Freund wendet sich ab. Kurz vor ihrem Zusammenbruch konfrontiert sie die Kerle in der Kneipe mit deren blöden Sprüchen.

„Rufmord“ thematisiert Rache und soziale Bindungen

„Rufmord“ baut aber nicht nur auf eine starke Hauptdarstellerin, sondern ragt mit seiner kraftvollen, stimmungsvollen Bildsprache und seiner raffinierten Dramaturgie weit aus dem Einerlei der regionalen ZDF-Montagsfilme heraus. Die Krimi-Elemente stehen hier mal nicht im Vordergrund. Die Kommissarin findet sich in Luisas Position wieder, denn sie wird als Zugereiste ähnlich beargwöhnt. Gespielt wird sie von Verena Altenberger, die demnächst auch im ARD-Polizeiruf als Nachfolgerin von Matthias Brandt zu sehen sein wird.

Wie trickreich das Drama nicht nur mit dem Thema Rache, sondern vor allem mit der Brüchigkeit sozialer Bindungen spielt, das macht sogar richtig Spaß. „Rufmord“ wurde schon vor der ZDF-Ausstrahlung für alle denkbaren TV-Auszeichnungen nominiert, gewann kürzlich auf dem Deutschen Fernsehkrimi-Festival in Wiesbaden sowohl den Preis der Jury als auch den Publikumspreis – die junge Schweizer Regisseurin Viviane Andereggen ist die erste Frau, der dies gelang.

+++

Rufmord – Montag, 1. April, 20.15 Uhr, ZDF