Zwei Frauen geben sich die Hand – für die Jüngere ist es das Todesurteil. Jedenfalls kommentiert BKA-Beamtin Ines (Melika Foroutan) den Handschlag mit Evelyn (Iris Berben) als „Anfang vom Ende“ und gibt dem Zuschauer als Stimme aus dem Off (oder dem Jenseits) die Ansage: „Wenige Tage später war ich tot.“

Obwohl der Film komplett aus der Perspektive der todgeweihten BKA-Beamtin erzählt wird, ist die andere Frau die Titelheldin. Iris Berben spielt als „Kronzeugin“ mal wieder eine zwielichtig schillernde Figur. Die abgebrühte Bordellchefin Evelyn Brandt, in ihrem Metier die „Eiskönigin“ genannt, hat gerade gegen die Rotlicht-Szene ausgesagt und lässt sich vom BKA nun eine neue Identität geben. Dabei sind die Beamten von Beginn an skeptisch, ob die „Eiskönigin“ tatsächlich ein unbescholtenes Leben führen will – denn es fehlen fünfzehn Millionen aus der Bordell-Kasse.

Ines, die zusammen mit ihrem Kollegen Holger (Florian Panzner) die Ex-Bordellchefin während der ersten Wochen in deren neuen Leben begleitet, muss also gleichzeitig als Betreuerin und Überwacherin agieren. Das allein wäre schon spannend genug. Doch vor allem sorgt natürlich die paradoxe Ankündigung ihres eigenen Todes von Beginn an für eine düstere Note und wirft die Frage auf: Werden die verratenen Feinde von Evelyn schuld am Tod von Ines sein – oder ist es gar die „Eiskönigin“ selbst?

Geschickt inszenierte Rollenverschiebung

Regisseurin Christiane Balthasar inszeniert den Film geschickt als eine Rollenverschiebung: BKA-Frau Ines, die Figur, die den Identitätswechsel bestimmen und anleiten soll, wird zur Frau, die von ihrem Schützling immer stärker vereinnahmt wird. Am deutlichsten wird das, als Evelyn die BKA-Beamtin gegenüber Fremden als ihre Tochter ausgibt und zu sich in ihre Wohnung holt. Schnell hatte die Ältere herausgefunden, dass die Jüngere einsam ist und Zuwendung braucht.

Schauspielerisch ist dieses Duell wirklich reizvoll. Iris Berben drängt sich in diesem von ihrem Sohn Oliver produzierten Film dabei nicht in den Vordergrund. Ihre Eiskönigin bezieht die Ambivalenz vielmehr aus knappen Andeutungen. Redet hier die Ersatz-Mutter oder die Puff-Mutter? Melika Foroutan überzeugt als Frau, die Nähe sucht und sich gegen Nähe wehrt. Auch die Männer, die dieses Frauen-Duo umkreisen, sind stark besetzt: Ob Florian Panzner als Kollege, der das Duell per Videoübertragung beobachten muss, ob Bernd Tauber als Chef, oder Alexander Held als merkwürdiger Wanderer, der immer wieder in der Nähe der Frauen auftaucht – sie alle halten die Spannung hoch.

Der Schauplatz des Psycho-Thrillers ist gut gewählt: In der klaren Luft und der Einsamkeit eines Bergdorfes außerhalb der Saison lenkt nichts ab. Konzentriert ist auch die Kameraarbeit von Hannes Hubach, die vielen Szenerien etwas Abgründiges verleiht. Die Seilbahn, die Evelyn und Ines täglich zum neuen Arbeitsplatz der „Kronzeugin“ zu einer Gastwirtschaft in die Höhe befördert, wirkt regelrecht bedrohlich: Frei und für jeden sichtbar schweben die beiden Frauen über den Berghang – und bleiben zusammen stecken.