Finanziell ging es dem Berliner Anwalt Vernau schon mal besser, aber als Kleine-Leute-Anwalt fühlt er sich nun besser. Wer vor zwei Jahren die Debütverfilmung „Das Kindermädchen“ sah oder die zugrundeliegenden Kriminalromane von Elisabeth Hermann gelesen hat, weiß: Joachim Vernau hat die große Karriere und die gute Partie seinem reinen Gewissen geopfert. Nun vertritt er Obdachlose vor Gericht und meidet im Übrigen seine Kanzlei. Denn dort ist die Heizung schon seit Wochen abgestellt, und sogar seine frierende Ex-Frau – auch sie ist eine linksalternative Sozialanwältin – mahnt zu etwas mehr Effektivität in der Mandantenwahl.

Man muss schon eine so hochkarätige Besetzung wie Jan-Josef Liefers und Stefanie Stappenbeck am Start haben, um dieses doch eher typisierte Krimipersonal stimmig zum Leben zu erwecken. Aber unter der Regie von Carlo Rola („Rosa Roth“) gelingt dies mit leichter Hand. Die Schnurre in der ausgekühlten Kanzlei macht so manchen Schmunzler möglich, der das düstere Thema des Falles ins Konsumierbare emotional aufhellt.

Veritabler Rotwein-Kater

Denn bei Lichte betrachtet hat es die Geschichte ganz schön in sich. Vor dem prächtigen Gerichtsgebäude des Berliner Landgerichts wird auf Vernaus obdachlosen Mandanten (in einer Gastrolle: Udo Samel) geschossen. Die Schützin verfehlt den Stadtstreicher nur knapp, noch mit der Waffe in der Hand erleidet die alte Dame einen Herzanfall. Anwalt Vernau war Zeuge der mysteriösen Tat und übernimmt noch am Unfallort die Vertretung der Täterin. An dieser Stelle ist der Krimi komplett unglaubwürdig, aber irgendwie muss die Handlung ja in Gang kommen, die Vernau noch in der gleichen Nacht ins 280 Kilometer entfernte Görlitz bringen wird.

Aber alle Versuche, die Rentnerin aus dem Görlitzer Bibelkreis mit dem Obdachlosen aus der Hauptstadt in Verbindung zu bringen, scheitern. Dafür wird Vernau von ein paar wohlmeinenden Görlitzern darauf aufmerksam gemacht, wie sehr die Menschen dieser Stadt nach der Wende unter den Entscheidungen der Treuhandanstalt gelitten haben. Dass die Liquidatoren „wie die Hunnen über das Land“ hergefallen seien, heißt es. Und dass der Betriebsarzt der örtlichen Baumwollspinnerei am Ende nur noch Psychopharmaka verschrieben und jede Menge falsche Totenscheine ausstellte, „weil „Herzinfakt“ gegenüber der Versicherung besser klingt als „erhängt““.

Der deutsch-deutsche Filmstar Rolf Hoppe gibt hier einmal mehr den Mephisto. Die vielen Eckpunkte der sozialen Backstory, die nur als Erinnerungsmonolog inszeniert sind, berichtet Hoppe in langen Ausführungen – aber immer so einfühlsam, dass nicht nur die Filmfigur, sondern auch der Zuschauer gespannt zuhört.

Natürlich kehrt Vernau am nächsten Tag ohne große Einsicht, aber mit einem veritablen Rotwein-Kater aus der Provinz in die Hauptstadt zurück. Immerhin geht er hier nun dem Hinweis nach, dass die neue attraktive Staatsanwältin (Katharina Müller-Elmau) in die Angelegenheit verstrickt sein könnte. Seine Mandantin (Gudrun Ritter) kann Vernau leider nicht mehr fragen. Sie ist genregemäß im Krankenhaus gestorben und nimmt ihr Geheimnis mit ins Grab.

Großartiges Ensemble

Die Machart von „Die letzte Instanz“ zeigt zweierlei. Soziale Stoffe lassen sich auf dem Transportband des Krimis bestens in die Wohnzimmer bringen. Aber dort bleiben sie dann auch wenig beachtet als Hintergrund der Krimistory liegen. Dieser zitathafte Gebrauch gesellschaftlicher Missstände für simple Dreiecksermittlungen hat phasenweise etwas Obszönes. Das war schon bei der Verfilmung des ersten Vernau-Krimi „Das Kindermädchen“ so, der mit dem Thema Zwangsarbeit in der NS-Zeit buchstäblich spielte.

Feine ironische Nuancen, die der Roman als Distanzierung setzen kann, müssen in den Filmdrehbüchern erst einmal in Dialoge übersetzt werden. Elisabeth Hermann, von Hause aus Fernsehjournalistin, schreibt die Drehbuchfassungen für ihre Literaturadaptionen selbst. Und man kann ihr dabei keine handwerklichen Fehler nachweisen. Aber ein brillanter Filmstoff will aus „Die letzte Instanz“ dann doch nicht werden. Zu viel muss dem Helden berichtet und zugeschoben werden, als dass die Handlung davon unbeeinträchtigt bliebe. Allein das wirklich großartige Ensemble überspielt dies ohne Tadel. Noch schöner wäre es natürlich, alle hätten von vornherein auch etwas mehr zu spielen gehabt.

Die letzte Instanz, 20.15 Uhr, ZDF