Hannah hat ihren Haushalt im Griff, ihre halbwüchsigen Kinder im Blick, die Demenz ihres allein lebenden Vaters auf der Agenda. Manchmal macht sie mit ihrer besten Freundin ein wenig Party. Ansonsten ist der Alltag der Lehrerin von viel Pflichtgefühl und wenig Müßiggang geprägt. Als der neue Kollege (Matthias Brandt) ihr schöne Augen macht, kann Hannah (Silke Bodenbender) ihr Glück zunächst kaum fassen. Drei knapp skizzierte Stationen braucht der Film, um zu erzählen, wie sich Paare in den besten Jahren finden: Ein etwas längerer Blick, ein heißes Date, ein Anbahnungsausflug mit den Kindern. Dann sind Bernd und Hannah auch schon ein Paar. Lange werde das nicht dauern, orakelt Hannahs Tochter (Jella Haase), bisher passten Mamas Lover doch nie richtig in die vaterlose Kleinfamilie.

Auch diesmal wendet sich das Blatt – allerdings jäh und dramatisch. Der sanfte Bernd, den Hannahs Freundin (Ulrike C. Tscharre) als Frauenversteher klassifiziert, hat eine jähzornige Seite, die ihn ohne Vorwarnung übermannt. Das Drehbuch von Harald Göckeritz deutet nur schemenhaft mögliche Gründe in Bernds Kindheit für diese Gewaltausbrüche. Es ist letztlich aus der Perspektive der misshandelten Frau auch völlig unerheblich, warum sie geschlagen wird. Für die selbstbewusste und autonome Hannah war schon der Schlag ins Gesicht eine nur mühsam verziehene Affekttat. Als Bernd sie vergewaltigt, gibt es kein Zögern. Sie zeigt ihn an.

Aber das ist nicht das Ende, sondern überhaupt erst der Auftakt des Dramas, das „Eine verhängnisvolle Nacht“ zu erzählen hat. Der Film thematisiert das juristisch schwer zu fassende Phänomen des Stalkings nach einer wahren Begebenheit. Die von Miguel Alexandre als Mischung aus Thriller und Sozialdrama inszenierte Film stellt nicht die Motivation des Täters, sondern die Hilflosigkeit des Opfers in den Mittelpunkt. Der Regisseur, der hier auch als Kameramann arbeitete, setzt auf sehr nahe und damit intime Großaufnahmen: Hannahs Furcht wird sichtbar in den flirrenden Augen von Silke Bodenbender, der Furor des Gewaltexzesses kündigt sich im unmerklichen Augenzucken von Matthias Brandt an. Vor allem Brandts Fähigkeit, stimmig vom sanften Lover zum brutalen Schläger, vom freundlichen Lehrer zum hochintelligenten Gesetzesbrecher zu switchen, macht die letztlich unfassbare Handlung des Films glaubwürdig.

Hannah wird für Bernd zur Obsession. Er lässt sie und ihre Kinder nicht mehr aus den Augen, selbst Blumensträuße, abgelegt vor der Tür, können so zur bedrohlichen Botschaft werden. Als gebildeter und intelligenter Täter ist es Bernd ein Leichtes, sich mit seinen wirkmächtigen Attacken im Gesetzesrahmen zu bewegen. Hannahs Anzeigen kontert er frech mit Gegenanzeigen; weil somit immer Aussage gegen Aussage steht, ist auch die Kriminalpolizei machtlos. „Ziehen Sie weg, dann hört es manchmal auf“, rät der zuständige Polizeibeamte der verzweifelten Hannah. Aber ist das die Lösung – die Kinder aus der Schule zu nehmen, den hilfsbedürftigen Vater sitzen lassen, alle Freunde wechseln – ein neues Leben beginnen, weil ein einzelner Mann das alte mit seinen Nachstellungen zu einem Alptraum macht?

Der Drehbuchautor Harald Göckeritz spart sich klugerweise alle effektvoll einfachen Antworten, die ansatzlosen Gefühlsausbrüche, die Brandt so eindrücklich spielt wie die freundliche Oberfläche seiner Figur, bleiben unerklärlich. Die Verheerungen, die das Stalking in der Psyche von Hannah anrichten, kann der Zuschauer dagegen dank der präzisen Inszenierung von Miguel Alexandre und seinen Schauspielern minutiös nachvollziehen.

Eine verhängnisvolle Nacht,

20.15 Uhr, ZDF