Wovor haben wir Angst? Wie lieben wir? An was erinnern wir uns, und was können wir verzeihen? Ganz schön große Fragen für einen ruhigen Montagabend. Aber wer hat gesagt, dass Fernsehen einfach sein muss? Oder die Liebe? Oder die Aufklärung eines Mordes? Matti Geschonnecks Fernsehfilm „Eine Frau verschwindet“ fordert, aber das auf ganz stille, eindringliche Art. Markus Busch schrieb dazu das Drehbuch nach Motiven des Romans „Und vergib uns unsere Schuld“ von Claus Cornelius Fischer.

Bruno van Leeuwen (Peter Haber) quält sich durch all diese Fragen, beruflich und privat, in dem Krimiehedrama. Der Amsterdamer Kommissar hat schon zu viele Tatorte gesehen, um noch wirklich angerührt zu sein. Doch da liegt dieser Junge im Park, ermordet. Durch den Gaumen wurde ihm das Gehirn entfernt. Ein Ritualmord?

In Papua-Neuguinea essen sie die Gehirne von Verstorbenen, um ihnen ewig nahe zu sein, erzählt der Wissenschaftler Josef Pieters dem Kommissar. Ihn hat van Leeuwen aufgesucht, um eine Erklärung zu finden. Für den Mordfall. Aber auch privat. Seine Frau Simone, kaum über 50, hat Alzheimer. Sie ist die Frau, die verschwindet. Bildlich gesprochen, ihr Gehirn stirbt langsam, die Erinnerungen, das Erkennen blenden langsam aus.

Angst, Liebe und Erinnerungen

Pieters ist nicht nur Experte für archaische Kulturen, er steht auch kurz vor einer bahnbrechenden Veröffentlichung zur Creutzfeld-Jakob-Krankheit und zu Alzheimer. Doch er kann dem Kommissar nicht helfen. Und er will es nicht. Bald ist er verdächtig. Tobias Moretti spielt diesen Josef Pieters mit der Überlegenheit dessen, der sich alle Freiheiten nimmt. Moral, das habe er in Papua-Neuguinea gelernt, ist nur eine Fessel, die die Angst speist. Er rühmt sich als furchtlos. Bis die Liebe ihn Lügen straft.

Liebe – sie quält auch den Kommissar. Er findet Liebesbriefe und Aktzeichnungen, seine Frau hatte eine Affäre, an die sie sich längst nicht mehr erinnern kann. Wie macht man jemandem Vorwürfe, der nichts weiß? Die Szenen, in der van Leeuwen mit seiner Frau (und manchmal auch gegen sie) um einen normalen Alltag ringt, sind die stärksten des Films. Die Melancholie, die Peter Haber in seine Figur legt, wird noch tiefer. Das Ungesagte immer mächtiger. Und so hört er mit ihr italienische Musik – und beschwört damit Erinnerungen herauf – und liest ihr aus dem Obduktionsbericht vor, während sie mit Brotbrocken spielt und ins Nichts blickt. Maja Maranow legt die Figur in aller Stille an. Im inneren Ungefähren sieht sie „Biene Maja“, steht in Winterjacke und Schal am Bügelbrett, während der lose Stecker des Bügeleisens auf den Boden schlägt.

Regisseur Matti Geschonneck, in diesem Jahr mit dem Fernsehpreis geehrt für „Das Ende einer Nacht“, Goldene Kamera und Grimme-Preis gab es für „Liebesjahre“, lässt der Geschichte Zeit. Der Film lebt von Auslassungen, von der aufreizenden Ruhe und dem großen Ernst des Kommissars. Der Schwede Peter Haber (bekannt aus „Kommissar Beck“) spricht mit leichtem Akzent, es passt zur Stimmung, die an skandinavische Krimis erinnert. Die Bilder sind minimalistisch, das gibt den Fragen Raum, die fast überlebensgroß werden.

Der Kommissar lernt die vagen Antworten: was Angst anrichten, was Liebe verzeihen kann, wie kostbar Erinnerungen sind und wie frei ein Abschied macht.

Eine Frau verschwindet, 20.15 Uhr, ZDF