Den Pathologen bringt der bizarr zugerichtete nackte Frauenkörper ins Schwärmen: „Das ist das Werk eines Meisters!“ Ein Literaturkenner ist er aber nicht. Sonst wäre ihm aufgefallen, dass der Leiche die Haare und Sekretdrüsen nach genau demselben Muster entfernt wurden, wie dies der Romanheld Grenouille in Patrick Süskinds Bestseller schon getan hatte: „Das Parfüm“ ist immer noch der meistgelesene deutschsprachige Roman der vergangenen Jahrzehnte. Auch die opulente Verfilmung von Tom Tykwer zwanzig Jahre nach dem Erscheinen des Buches war weltweit ein Erfolg.

Die sechsteilige Serie „Parfum“ lässt den Artikel und die Ü-Strichelchen weg und soll laut Produzent Oliver Berben weder Adaption noch Spin-Off sein, sondern die Essenz des Originals in eine moderne Seriendramaturgie überführen. Im ZDF und im Streamingdienst Netflix, der die Serie international vermarktet, fand Berben potente Partner. Geradezu überschwänglich preisen die Macher ihren Sechsteiler an – „Parfum“ setze Maßstäbe im Crime-Serien-Genre, verkündet der ZDF-Serienchef Frank Zervos. Doch der Volksmund kennt eine Antwort, die zum speziellen Sujet von „Parfum“ passt: Eigenlob stinkt.

Zu jung und zu alt

Während der Zuschauer sofort nach Zusammenhängen zwischen Original und Serie sucht, braucht die Heldin seltsamerweise recht lange dafür. Erst in Folge 3, nach fast zweieinhalb Stunden Spielzeit, darf die Profilerin Nadja Simon (Friederike Becht) auf den Roman von Süskind stoßen. Sie hatte die Entfernung aller Haare bis dahin für eine Art Trophäe gehalten. Ins Visier geraten fünf Mittdreißiger, die mit der Ermordeten vor 20 Jahren ein katholisches Internat besucht hatten und sich nun an ihrem Sarg wieder treffen. In sparsam eingeschobenen Rückblicken wird angedeutet, dass die sechs Schüler damals für Patrick Süskinds Buch schwärmten und die Faszination des Geruchs ausprobierten. Erst lernten sie, nur dem Körpergeruch nach die BHs ihrer Mitschülerinnen der jeweiligen Trägerin zuzuordnen. Dann gingen sie weiter.

Regisseur Philipp Kadelbach und sein Kameramann Jakub Bejnarowicz setzen die Zeitebenen optisch klar voneinander ab: Jetzt die superauflösende HD-Kamera, damals der leicht verwaschene 16-mm-Film. Dagegen ist die Zuordnung der Figuren – wer war wer vor 20 Jahren? – recht mühsam, gelingt nur anhand der Namen. Die Darsteller der Jugendlichen sind zudem deutlich zu alt für 13- bis 15-Jährige (Julius Nitschkoff ist 23, Franziska Brandmeier 25), wobei man sich ohnehin fragt, warum die Autorin Eva Kranenburg ihre Helden so jung angelegt hat. Denn 18-Jährigen würde man diese Grausamkeiten schon eher zutrauen als 13-Jährigen.

Eine kalte, gar aseptische Version des Originals

Die Riege der Mittdreißiger ist prominent besetzt, ihre Charaktere sind indes sehr grob gezeichnet. Daniel (Christian Friedel) hat immer noch eine große Scheu vor Frauen und darf nun im Bordell seinen ersten Sex erleben. Betreiber ist Butsche (Trystan Pütter), der brutal mit „seinen“ Frauen umspringt. Von Gewalt geprägt ist auch die Ehe zwischen Roman (Ken Duken) und Elena (Natalia Belitski) – sie war als 13-Jährige von der Clique vergewaltigt worden, auch von Roman. Ein Parfümeur mit dem absoluten Geruchssinn ist schließlich Moritz (August Diehl). Er vermag es sogar zu erschnüffeln, dass die Profilerin Nadja schwanger ist. Auch sie, die einzige Identifikationsfigur der Serie, steckt in einer Beziehung voller Abgängigkeiten – ihr heimlicher Liebhaber ist der verheiratete Staatsanwalt (Wotan Wilke Möhring).

Visuell besitzt die ZDF-Serie eine hohe Qualität, auch wenn sie ästhetisch nahezu konträr zur „Parfüm“-Kinoverfilmung steht. Wo Tom Tykwer den sinnlichen Gehalt des Originals ausstellte, sogar den Schwall mittelalterlicher Gerüchen vorstellbar machte, wirkt die moderne Serie kalt, mitunter gar aseptisch.

Trostlos am Niederrhein

Wenn „Parfum“ überhaupt nach etwas „riecht“, dann nach Herbstnebel und kalter Angst. Wie elegant die Serie die Trostlosigkeit der Region am Niederrhein zeichnet, wie streng und konsequent Farben, Bildausschnitte und Perspektiven zusammengefügt werden, das geht in der Tat weit über übliche Fernsehkrimis hinaus. Hier scheint es keine Städte zu geben – jedes Haus steht verloren in der Landschaft.

Doch auf diese Weise kann kein soziales Gefüge gezeichnet werden, wie es etwa Hans-Christian Schmids ARD-Mehrteiler „Das Verschwinden“ beispielhaft vorgeführt hatte, der den Zuschauer immer tiefer in den Kleinstadtkosmos hineingezogen hatte. „Parfum“ entwickelt keinen solchen Sog – nach jeder Folge möchte man innehalten und erstmal Abstand gewinnen.

Parfum – sechs Teile, ab 14.11. mittwochs jeweils eine Doppelfolge um 22.00 bzw. 22.15 auf ZDFneo, alle Folgen in der ZDF-Mediathek