Die junge Polizei-Anwärterin Leyla (Sabrina Amali) wartet am Streifenwagen in einem Berliner Fabrikgelände, als ihr Cousin Hisham (Burat Yigit) mit gezogener Pistole direkt auf sie zuläuft. Der Schwerkriminelle hatte zuvor einen Polizisten angeschossen. Nach dem ZDF-Krimi „Gegen die Angst“ eröffnet auch der ARD-Thriller „Der Auftrag“ mit einer ähnlichen Szene. Der 16-Jährige Miki (Aaron Hilmer) wird in einem Kreuzberger Club zufällig Zeuge, wie Clanchef Ahmed Sayed (Timur Isik) einen Undercover-Agenten des LKA erschießt. In beiden Filmen geraten die jungen Zeugen in Lebensgefahr, als sie sich entschließen, gegen die mächtigen libanesischen Clans auszusagen.

Autor von „Gegen die Angst“ Robert Hummel erlebte den Kampf der Berliner Behörden gegen Clans mit

Die arabischstämmigen Berliner Clans sind in den letzten Jahren zu Medienfiguren geworden. Mehrere TV-Dokus widmeten sich ihnen – eine weitere folgt dem ZDF-Drama. Prägend aber sind vor allem fiktive Serien wie „4 Blocks“ (TNT) oder „Dogs Of Berlin“(Netflix), die einen Einblick ins Innenleben der Familien warfen, dafür gefeiert wurden, aber auch den Vorwurf provozierten, sie machten Kriminelle zum Kult.

Die öffentlich-rechtlichen Sender dagegen bleiben im fiktionalen Bereich traditionell auf der anderen, der sicheren Seite, gestatten aber Perspektivwechsel. So berichtet Robert Hummel, Autor des ZDF-Krimis „Gegen die Angst“, der als Schöffe den langwierigen Kampf Berliner Behörden gegen Vertreter der Clans vor Gericht miterlebt hatte, dass er zwar abgestoßen war von deren kriminellen Tun, aber fasziniert von deren Zusammenhalt.

ZDF-Krimi „Gegen die Angst“ ist spannender

Seine Heldin ist eine Staatsanwältin, gewohnt stark gespielt von Nadja Uhl. Dabei ist diese Judith Schrader befangen, denn das Opfer war ihr heimlicher Geliebter. ZDF-Redakteurin Esther Hechenberger erklärt zwar, dass das Buch immer stärker an die Realität angepasst wurde und das Privatleben der Staatsanwältin dabei reduziert worden sei – doch konsequenter wäre der Schnitt gewesen. Denn das eigentliche Drama handelt ja vom Konflikt der Zeugin Leyla, die zwar zunächst treu zur Familie steht, aber mit einer Polizei-Karriere einen Ausbruch aus den patriarchalischen Strukturen angestrebt hatte.

Sabrina Amali, auch bei „4 Blocks“ dabei, überzeugt in diesem Drama, das die Figur förmlich zerreißt, Atheer Adel spielt einen Clanchef Machmoud Al-Fadi, der mit leisen, aber nachdrücklichen Drohungen auskommt und sich auch mit Staatsanwältin Schrader gepflegte Dialoge liefert, während Burat Yigit als hypernervöser oder fies grinsender Gangster oft überzieht. Verglichen mit dem ARD-Thriller vom Sonnabend ist der ZDF-Montagskrimi in der Regie von Andreas Herzog der stimmigere, sensiblere und deshalb spannendere Film.

Personenschützerduo steht im ARD-Film „Der Auftrag“ im Mittelpunkt

„Der Auftrag“ stammt von zwei sehr routinierten Köpfen: Autor Holger Karsten Schmidt hatte sich schon mit dem Thriller „Das Programm“ dem Thema Zeugenschutz gewidmet, Regisseur Florian Baxmeyer mit dem Bremer „Tatort: Brüder“ schon vor fünf Jahren mit der Macht der Clans auseinander gesetzt. Schmidt hatte sich bei seinen Recherchen von Personenschützern beraten lassen und lobt sein Drehbuch selbst als „sehr authentisch“. Trotzdem mutet es seltsam an, dass Tatzeuge Miki samt seinen geschiedenen Eltern (Anja Kling und Gregor Bloeb) erst mal in ein luxuriöses Anwesen unweit von Rom gebracht wird, wo der überlange Film in Landschaftsbildern schwelgt, eine zerrissene Familie vorführt und insgesamt viel Zeit verschwendet.

Dann aber wird der Film zusehends brutaler, wenn auch nicht plausibler. Fast ein Dutzend Menschen müssen schließlich beim Kampf um die eine Zeugenaussage sterben und werfen die Frage auf, ob ein cleverer Clanchef wirklich so viel mörderisches Aufsehen riskieren würde. Im Zentrum eines Thrillers, der sich immer mehr verselbständigt, steht das ungleiche Personenschützerduo, die unerfahrene Sarah Brandt (Anna Bederke) und der abgebrühte, alkoholkranke Mario Lobeck – Oliver Masucci gelingt noch die prägnanteste Rolle dieses Thrillers.

Die Vertreter des libanesischen Sayed-Clansbleiben finstere, notorisch brutale Nebenfiguren, deren Verbindungen nie so recht erklärt werden. Weder Timur Isik und Erdal Yildiz, noch Vedat Erincin oder Cem Öztabakci bekommen die Chance, sich zu profilieren – der Hamady-Clan in „4 Blocks“ wirkt dagegen nicht nur unterhaltsamer, sondern auch glaubwürdiger.

Gegen die Angst – Mo, 25.3., 20.15 im ZDF, anschließend 21.45 Doku „Die Macht der Clans“

Der Auftrag – Sa, 30.3., 20.15 in der ARD, RBB-Doku „Die Clans - Arabische Großfamilien in Deutschland“ in der ARD-Mediathek