Berlin Berlin: Lolle (Felicitas Woll) und Dana (Janina Uhse) auf dem Weg zum Club.
Foto: NETFLIX/Stefan Erhard

BerlinAm Dienstag hätte das ZDF mit der Übertragung des ersten EM-Spiels der deutschen  Nationalmannschaft gegen Frankreich eine Top-Quote erreicht, am Sonnabend hätte die ARD das Spiel gegen Portugal gezeigt. Doch wie gehen die öffentlich-rechtlichen Sender mit der Verschiebung der Fußball-Europameisterschaft und der Olympischen Spiele um? 

Können sie in diesem besonderen Jahr, in dem nebenbei ihre Gebührenerhöhung beschlossen werden soll, neue Impulse geben? Oder setzen sie, wie gehabt, auf Wiederholungen? Während die TV-Sender Lücken füllen müssen, gibt es ja neue Filme im Übermaß. Alle Kinostarts mussten seit Mitte März verschoben werden. Viele werden auch nach den Lockerungen keine Chance auf der Leinwand bekommen.

In jeder Krise stecke eine Chance, betont Elisabeth Motschmann. Die kultur- und medienpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion fordert von den Öffentlich-Rechtlichen eine „weitere Besinnung auf den Kernauftrag“, also auf Information, Kultur und Bildung. Die freigewordenen Sendeplätze sollten nicht mit noch mehr Krimis oder Wiederholungen belegt werden. Stattdessen könnten Dokumentarfilme und Spielfilmdebüts auf die Hauptsendeplätze rücken.

Werke junger Filmemacher werden traditionell im Sommer gebündelt. Im ZDF bekommen ab 16.7. fünf Filme des Kleinen Fernsehspiels als „Shooting Stars“ spätabends eine Chance. Auch die ARD hat ihren festen Sommerplatz für den Nachwuchs: Zwölf Filme laufen ab 18.8. als „Filmdebüt im Ersten“. Im RBB startet die dritte Staffel der Reihe „Queer“. Bis zum 6. August werden an jedem Donnerstag „Filme jenseits der Hetero-Norm“ gezeigt.

Auf große Namen setzt ab 29.6. das ARD-„Sommerkino“, montags um 20.15, dienstags um 22.45. Neben deutschen Komödien wie „Und wer nimmt den Hund?“ mit Martina Gedeck und Ulrich Tukur zeigt die Reihe Hollywood-Starkino mit Jane Fonda und Diane Keaton (in „Book Club“) und Meryl Streep und Tom Hanks (in „Die Verlegerin“).

Doch hauptsächlich wird der Fernsehsommer von Wiederholungen geprägt, und wie im Rest des Jahres stehen die Krimireihen ganz oben. Im ZDF laufen Folgen von „Tod am Bodensee“, „Nord Nord Mord“, „Starkes Team“ oder „München Mord“, die allesamt aus den letzten beiden Jahren stammen – da kennt ja jeder noch die Auflösung. Die ARD wiederholt am Donnerstag relativ neue Folgen des „Bozen-Krimis“ und des „Zürich-Krimis“.

Als „Event-Voting“ veranstaltet die ARD seit dieser Woche ihre „Tatort“-Wiederholungen. Aus einer Liste von 50 Krimis dürfen die Zuschauer ihre Favoriten auswählen, der Gewinner wird freitags bekannt gegeben. Diese Form sei schon zum 50-jährigen Jubiläum geplant gewesen, betont ARD-Sprecher Lars Jacob. Die „Tatort“-Klassiker hat die ARD selbst bestimmt und zeigt sie sonntags um 22.15 Uhr.

Bei den Spielfilmwiederholungen am Mittwoch habe die ARD bewusst ernsthafte Stoffe ausgewählt, etwa „Das Leben danach“ (22.7.) zum zehnten Jahrestag der Loveparade-Katastrophe. Das ZDF dagegen hat Filme ausgesucht, die bei der Premiere noch nicht ihr volles Potenzial ausgeschöpft hätten. Neu im frei empfangbaren Fernsehen ist die spektakuläre Weltuntergangsserie „8 Tage“, die bei Sky Premiere hatte und am 10./11.7. auf ZDFneo wiederholt wird. Hier soll auch die Quarantäne-Comedy-Serie „Lehrerin auf Entzug“ laufen – doch ob man das im Sommer noch unbedingt sehen will?

Mehr Dokumentarisches, wie von CDU-Expertin Moschmann gefordert, zeigt vor allem die ARD im Sommer. In der Talkshow-Pause erfüllt das Erste stets sein Jahressoll an langen Dokus. Zu den neun anderthalbstündigen Filmen gehört „The Cave“ über eine Klinik im syrischen Untergrund, der Film war für den Oscar nominiert. Während im ZDF Maybritt Illner und Markus Lanz kürzer pausieren als gewohnt, verabschiedeten sich Anne Will und Sandra Maischberger in der ARD schon Anfang Juni – so wie vor der EM-Absage geplant.

Insgesamt unterscheidet sich das Sommerprogramm kaum von dem früherer Jahre. Der Ausfall der EM habe keine größeren Lücken ins Programm gerissen, betont ARD-Sprecher Jacob. Und die Olympischen Spiele in Tokio wären wegen der Zeitverschiebung ohnehin im Nacht- und Frühprogramm übertragen worden.

Keine Chance haben bei ARD und ZDF all jene Filme, die wegen Corona nicht ins Kino kamen. Dagegen hatte Netflix die Komödie „Berlin Berlin“, die auf einer ARD-Serie basiert, flugs ins Programm geholt. Doch sowohl die ARD als auch das ZDF verweisen auf lizenzrechtliche Hürden. „Wir sind nur das letzte Glied der Verwertungskette“, bedauert ZDF-Programmplaner Florian Kumb. Da bleibt dem Zuschauer nur der Weg an die frische Luft, in die Freiluftkinos – gesundheitlich ohnehin die bessere Option.