Bei der Bundestagswahl in diesem Jahr wird eines neu sein: Das ZDF wird am Donnerstag, dem 19. September, also nur drei Tage vor der Wahl, eine letzte Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen veröffentlichen. ARD-Chefredakteur Thomas Baumann erläutert, warum er diesen Bruch mit einer Tradition für falsch hält.

Die ARD wird sich auch in diesem Jahr an den freiwilligen Verzicht halten, zehn Tage vor der Wahl keine Umfrageergebnisse zu veröffentlichen. Warum?

Uns wird immer wieder unterstellt, unsere letzten, vor der Wahl publizierten Ergebnisse zur Sonntagsfrage bedeuteten eine Art Prognose für den Wahlausgang. Dieses Missverständnis würden wir noch verstärken, wenn wir mit der Veröffentlichung unmittelbar vor den Wahltag rückten.

Es geht aber nicht um die Prognose, sondern …

Es gibt nur eine Prognose, und zwar die um 18 Uhr am Wahlabend.

… sondern es geht um die Umfrage davor. Da argumentiert das ZDF, die vergangenen Wahlen hätten gezeigt, dass sich die Umfragewerte wegen der wachsenden Zahl von Kurzentschlossenen zum Wahlsonntag hin noch einmal massiv ändern. Mit einer Umfrage unmittelbar davor sei daher ein genaueres Ergebnis gewährleistet.

Das kann so sein, muss aber nicht. Die Schwankungsbreiten von Umfrageergebnissen können gerade wenige Tage vor einem Wahltermin sehr hoch sein. Ich glaube, das ZDF hatte einfach keine Lust mehr, sich für vom Wahlausgang abweichende Umfrageergebnisse prügeln zu lassen. Die Prügel haben auch wir gekriegt. Aber das muss man aushalten.

Zuletzt gab es nach der Wahl in Niedersachsen Prügel.

Da lagen die Umfrageergebnisse für die FDP zehn Tage vor der Wahl deutlich niedriger als die Zahlen am Wahltag selbst. Auch da hat unser Präsentator im Ersten, Jörg Schönenborn, wie immer betont, dass die Ergebnisse von Vorwahlumfragen Momentaufnahmen darstellen. Dass sie eben keine Vorhersagen des Wahlausganges sind. Mit der letzten Umfrage noch näher an den Wahltermin zu rücken, wie es das ZDF nun tut, …

… und künftig auch bei Landtags- und Europawahlen tun will …

… löst unserer Meinung nach keines der Probleme. Der Zuschauer wird das erst recht als Prognose interpretieren.

Halten Sie den Zuschauer für doof?

Keineswegs. Wir machen nur seit Jahren die Beobachtung, dass uns die deutsche Medienöffentlichkeit Versagen vorwirft, wenn sich unsere Umfragen vom tatsächlichen Wahlergebnis unterscheiden.

Sollte sich herausstellen, dass die letzten Umfragewerte des ZDF dem tatsächlichen Wahlergebnis besser entsprechen als die der ARD, stehen Sie blöd da.

Mit Blick auf die Zahlen kann es sein, dass das ZDF mit seinem Kalkül bei der kommenden Wahl Glück hat. Das Ganze kann aber auch nach hinten losgehen. Dies umso mehr, weil in diesem Jahr eine Sondersituation vorliegt. Am 15. September ist Landtagswahl in Bayern. Deren Ergebnis kann auf die Bundesebene ausstrahlen. Dieser mögliche Effekt muss nicht länger als ein paar Tage andauern. Er läge aber genau in dem Zeitraum, in dem die Forschungsgruppe Wahlen ihre Sonntagsfrage erhebt, deren Ergebnis das ZDF dann am Donnerstag veröffentlicht. Am Wahlsonntag selbst kann es wieder anders aussehen. Um nicht in den möglicherweise verfälschenden Schatten der Bayern-Wahl zu geraten, sagen unsere Demoskopen von Infratest-dimap, dürfte man erst am Donnerstag oder Freitag vor der Wahl die Umfrage erheben und diese dann am Samstag veröffentlichen.

Warum tun Sie das nicht?

Weil man uns zu Recht unterstellen könnte, wir wollten unsere Rolle als Berichterstatter verlassen und bei dieser Wahl zum Akteur werden. Stellen Sie sich bitte mal das nicht unrealistische Szenario vor, unmittelbar vor der Wahl gäbe es einen deutlichen Vorsprung einer bestimmten Partei bzw. Koalition. Tenor wäre: Diese Wahl ist gelaufen! Die Gefahr wäre groß, dass Zuschauer am Wahlsonntag zu Hause blieben. Ohne es zu wollen, würden wir damit das Wahlergebnis beeinflussen. Demobilisierung der Wähler wollen wir uns ganz bestimmt nicht vorwerfen lassen.

Stimmt es, dass das Thema in der ARD-Chefredakteursrunde durchaus kontrovers diskutiert wurde, sich aber Schönenborn vehement durchgesetzt hat?

Wir haben das sehr ausführlich beraten und zum Teil auch kontrovers. Am Ende gab es aber eine sehr große Mehrheit, die Schönenborns und meiner Linie gefolgt ist.

Der ZDF-Chefredakteur Peter Frey, sagt, es sei absurd und gegenüber dem Zuschauer unfair, neuere Umfragewerte zu kennen und so zu tun, als habe man dieses Wissen nicht.

Wir haben dieses Wissen wirklich nicht. Weil wir zwischen dem 12. und 22. September keine Umfrage beauftragen – auch nicht intern.

Abgesehen vom ZDF werden wie bisher auch Allensbach und Forsa neuere Erhebungen präsentieren.

Wir nehmen das zur Kenntnis.

Sie werden darüber nicht berichten?

Wir werden die Zahlen der anderen nicht präsentieren. Aber es gibt kein Verbot, diese Zahlen in bestimmten Kontexten – wenn nötig – zu erwähnen. Alles andere wäre Zensur. Auch der ARD-Hörfunk behält sich vor, über letzte Umfrageergebnisse zu berichten.

Angesichts einer kritikwürdigen Umfragegläubigkeit bis hin zur Umfragehysterie: Warum lassen Sie es nicht ganz? Stattdessen publiziert die ARD ihren Deutschlandtrend seit Mai sogar wöchentlich.

Das gilt nur im Netz. In den „Tagesthemen“ haben wir den Takt erst seit Mitte August verdichtet. Der höhere Takt an Momentaufnahmen zeigt präziser auf, wie sich das Meinungsbild in Deutschland entwickelt und wo sich mögliche Stimmungswechsel anbahnen. Auch themenbezogen und keineswegs nur zur Sonntagsfrage.

Alle klagen, wie langweilig der Wahlkampf sei. Sie auch?

Nein. Die heiße Phase haben wir definitiv noch vor uns. Bei der NSA-Affäre haben wir erlebt, wie da gekämpft wird. Wahlentscheidend werden aber andere Themen sein.

Nämlich?

Fragen zur Gerechtigkeit, beim Lohn wie bei der Steuer, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Fragen zu Wohnraum, Energie, Altersversorgung, Gesundheit und Pflege. Auf diese Themen werden auch wir uns in der Vorwahlberichterstattung konzentrieren.

Das Gespräch führte Ulrike Simon.